Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Diagnosen ab Fliessband

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Vor zehn Jahren haben die eidgenössischen Räte in einer Teilrevision des Krankenversicherungsgesetzes ein Tarifsystem beschlossen, in dem stationäre Spitalleistungen nach Fallpauschalen abgerechnet und mit einem festgelegten Schlüssel durch die Kantone und Krankenversicherer vergütet werden. 2012 wurde ein solches von der Swiss DRG AG erarbeitetes System in den Spitälern eingeführt.

Geht es nach den Kantonen und Versicherern, soll ab 2018 unter dem Namen Tarpsy (Tarif psychiatrique) ein ähnliches Pauschalsystem in der Psychiatrie eingeführt werden. Was zur Folge hätte, dass ein Patient, sobald er die Klinik betritt, anhand von Diagnose und Schweregrad kategorisiert und mit einem entsprechenden Preisschild versehen wird.

Darin liegt das erste Übel eines solchen Systems: Es führt zu einem totalen Diagnosezwang – und damit einer noch stärkeren Stigmatisierung. Indem es eine vorgefertigte Schablone aus dem diagnostischen Werkzeugkasten über die Patientin stülpt, wird der weitere Verlauf schon weitgehend vorbestimmt.

Das Tarpsy-System geht von einem Menschenbild aus, in dem sich ein psychisches Leiden wie eine Blinddarmentzündung behandeln lässt. Auch in der aufgrund der Kritik von Fachleuten abgeschwächten Version 3.0 soll die Aufenthaltsdauer in einer Klinik nicht mehr auf medizinisch-pflegerischen, sondern auf unternehmerischen Kriterien beruhen. So etwa soll bis und mit dem siebten Tag eine etwas höhere Tagespauschale gelten. Daraus folgt erstens der Anreiz, PatientInnen möglichst bis zum siebten Tag in der Klinik zu behalten; zweitens die Versuchung, sie möglichst schon am achten Tag zu entlassen – und drittens die Tendenz, noch mehr auf rein medikamentöse Behandlungen zu setzen.

Psychiatriefachleute haben sich ebenso deutlich gegen dieses Modell ausgesprochen wie Betroffenenorganisationen oder der VPOD. Nicht zuletzt befürchten sie, dass Tarpsy zu steigenden Kosten führt, indem es den Kliniken noch mehr Bürokratie aufbürdet – und sie zwingt, ihre Leistungen auf möglichst hohe Erträge auszurichten.

Der Ball liegt nun beim Bundesrat. Im Herbst entscheidet er über Sein oder Nichtsein von Tarpsy. Es ist zu hoffen, dass er den Schwachsinn gerade noch rechtzeitig abblasen wird.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch