Gesundheitsberufe : Krank werden im Namen der Gesundheit

Nr. 17 -

Ausgerechnet im Gesundheitswesen mehren sich die Anzeichen, dass Angestellte vor lauter Überlastung, Spar- und Wettbewerbsdruck krank werden. Ein Psychiatriepfleger erzählt, ein Arbeitsmediziner kommentiert – und vor der Tür steht ein böses Tarpsy.

Illustration: Alexander Elsaesser, Opak

Wo der Wettbewerb spielt, so besagt es die geflügelte liberale Formel, steigt die Qualität und sinken die Kosten. Da scheint es nur folgerichtig, dass von bürgerlicher Seite in sämtlichen Kantonen seit Jahren eine flächendeckende Ökonomisierung des Gesundheitswesens vorangetrieben wird. Die vor fünf Jahren eingeführte neue Spitalfinanzierung gehorcht dieser Logik: Sie setzt auch öffentliche Spitäler einem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf aus – und erlaubt es ihnen, Profite zu generieren.

Je günstiger die fallspezifische Behandlung von PatientInnen abgewickelt wird, desto höher fällt der Gewinn für die Spitäler aus. Dieses Anreizsystem wirkt sich unmittelbar auf die Angestellten aus, im medizinischen genauso wie im pflegerischen Bereich: Viele klagen über konstanten Stress, Kürzungen der Stellenprozente auf den Abteilungen, über fehlende Zeit für den eigentlichen Kontakt mit den PatientInnen. Und dennoch möchte sich von den Betroffenen kaum jemand in den Medien wiederfinden, schon gar nicht unter richtigem Namen.

Auch nicht Marco Huber, der eigentlich anders heisst: «Leider ist es eine Tatsache, dass sich die Leute vor einem Jobverlust fürchten», sagt der Sechzigjährige. Er arbeitet als Pfleger in einer mittelgrossen kantonalen Psychiatrie in der Deutschschweiz. Zwar sei oft vom Fachkräftemangel im Schweizer Gesundheitswesen zu hören, sagt er. «Und trotzdem würde ich wohl kaum mehr einen akzeptablen Job finden, wenn ich hier mit Namen hinstehen würde.» Marco Huber hat jahrelange Erfahrung als Pfleger, in der allgemeinen Medizin wie auch in der Psychiatrie. Noch immer findet er seinen Beruf sinnvoll. Weiterempfehlen würde er ihn heute aber nicht mehr: «Wir sind hier ständig überlastet. Das ist nicht mehr Arbeit, das ist ein permanenter Ausnahmezustand.»

Stress bis die Haut rebelliert

Seine Abteilung sei aktuell seit drei Monaten überbelegt, sagt Huber, und das Team entsprechend überlastet. Das habe sich zur Normalität entwickelt. «Warum kann die Klinik denn nicht sagen: ‹Wir sind voll›?», fragt er. Als offizielle Begründung bekomme man zu hören, dass eine Aufnahmepflicht herrsche, aber das will er so nicht gelten lassen. «Andere Institutionen haben das offensichtlich nicht. Es liegt an der Zuweisungsbefugnis.» Dass PatientInnen auch jenseits der Kapazitätsgrenzen aufgenommen würden, liege nicht zuletzt an wirtschaftlichen Überlegungen, vermutet Huber. Schliesslich stünden auch die Vorgesetzten unter dem Druck, Vorgaben zu erfüllen, Budgets einzuhalten und letztlich Profite zu ermöglichen. Dieser Druck werde auf jene abgewälzt, die direkt mit den PatientInnen arbeiteten. Das hat auch Folgen für deren eigene Gesundheit. Als auf seiner Abteilung sechs Wochen lang extreme Überbelastung geherrscht habe, berichtet Huber, seien mit der Zeit mehrere Mitarbeitende krank geworden und hätten wegen Kopf- und Halsschmerzen oder Erkältungen nicht mehr zur Arbeit erscheinen können.

Solche Reaktionen kennt auch Michael Trippel: Er arbeitet an zwei Spitälern als Arbeitsmediziner: «Viele Mitarbeitende kennen keinen Feierabend mehr, nur noch die Unterbrechung der Arbeit bis zum nächsten Tag.» Das gehe auf Kosten der Erholung, sagt Trippel. «Jeder Mensch hat bevorzugte Organe, in denen sich Überbeanspruchung bemerkbar macht.» Oft würde sich der anhaltende Stress bei den Betroffenen etwa durch Schmerzen im Bewegungsapparat oder durch Magenprobleme äussern. «Gemäss meinen Erfahrungen nehmen auch Hautprobleme überproportional zu. Man hat das Gefühl, nichts mehr zu ertragen – vor allem auch die Berufskleidung», sagt Trippel.

Ein direkter Zusammenhang mit den Privatisierungstendenzen an Spitälern lässt sich bisher nicht wissenschaftlich belegen. Es sei zudem schwierig zu belegen, dass die hohe Fluktuation in der Branche damit zu tun habe, erklärt der Arbeitsmediziner; aber auch er sieht in der Verdichtung der Arbeit und in den knapp gehaltenen personellen Ressourcen ein gewichtiges Problem. So fällt ihm auf, dass Teams Krankheitsausfälle oftmals ohne externen Ersatz ausgleichen müssen, selbst wenn etwa Mitarbeiterinnen wegen des Mutterschutzes nicht eingesetzt werden können. «Die öffentlichen Spitäler funktionieren heute als marktkonforme Betriebsgesellschaften, die dem Shareholder Gewinne abzuliefern haben», sagt Trippel. Und weil sie sich dabei auf ein sehr prozessbetontes Vergütungssystem stützten, habe dies auch zu einer enormen Zunahme der Dokumentationspflicht geführt, die sich wiederum direkt auf die Präsenzzeiten der Angestellten auswirke.

Viele Angestellte im Gesundheitswesen würden sich über diese Zustände beklagen, sagt Marco Huber, aber kaum jemand handle effektiv dagegen. Die meisten nähmen dies nämlich weniger als strukturelles, sondern vielmehr als individuelles Problem wahr. Im Gespräch mit den Anlaufstellen, die mancherorts zur Verfügung stehen, gehe es schnell um Begriffe wie «Resilienz» oder «Coping», wonach man auf persönlicher Ebene mit den Stresssituationen umzugehen habe. «Darum ist es wichtig, dass wir nicht von Überforderung reden, sondern von Überlastung», sagt Huber.

Marktlogik ist kein Naturgesetz

Zudem hätten viele Betroffene den öffentlichen, politischen und medial verbreiteten Diskurs verinnerlicht. Sie würden akzeptieren, dass nun bei ihnen gespart werden müsse. Demgegenüber pocht Huber darauf, dass sie die Marktlogik nicht länger als Naturgesetz akzeptieren dürften. Er fordert eine Unterscheidung: «Im Gesundheitssektor steckt extrem viel Geld, es geht hier nicht ums Sparen. Wir sollten von einer Umverteilung reden!» Schliesslich führe der Wettbewerb dazu, dass die Spitäler heute riesige finanzielle Mittel ins Management steckten, in Rechtsstreitereien mit Krankenkassen oder auch in die Werbung. «Wenn ich heute im Bus sitze, hängen da Plakate diverser Kliniken. Und im Kino werden Patienten wie Kunden angeworben», sagt Huber. Das Geld, das dafür aufgewendet werde, fehle letztlich anderswo. «So bezahlen letztlich wir dafür – mit unserer Zeit, die wir nicht mehr mit den Patienten verbringen können», sagt Huber.

Ab 2018 soll in der Schweiz auch in der Psychiatrie ein einheitliches Tarifsystem – das sogenannte Tarpsy – eingeführt werden, um eine «leistungsbezogene Vergütung von stationären Behandlungen» zu gewährleisten. Es soll als eine Art Pendant dienen zum Fallpauschalensystem DRG (Diagnosis Related Groups), das an den somatischen Kliniken seit 2012 landesweit zur Anwendung kommt – und seither den Missmut vieler Medizinerinnen und Pfleger auf sich zieht. Entsprechend skeptisch steht Huber dem Tarpsy gegenüber. «Ich kann zwar keine Prognosen anstellen, aber es wird die Verstetigung administrativer Aufgaben wohl weiter verschärfen», befürchtet er. Schliesslich werde das von den Krankenkassen so eingefordert. Es gehe dabei um die Vergleichbarkeit der erbrachten Leistungen, betonen die BefürworterInnen des Systems, und damit um die Transparenz im Gesundheitswesen. Für Huber ist das kein gültiges Argument: «Und wo bleibt die Transparenz in der Verwaltung, in der Geschäftsführung? Es ist völlig undurchsichtig, wohin das Geld fliesst, das bei uns eingespart wurde.»