Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

«Ich bin einfach neugierig»

Seit dreissig Jahren gibt Heidi Portmann die atomkritische Zeitschrift «Energie Express» heraus. Nun wird sie erstmals öffentlich für ihr Engagement geehrt – zusammen mit anderen AktivistInnen. Ein Besuch bei einer Unermüdlichen.

Von Merièm Strupler (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Manchmal musste sie nachts im Keller schauen, ob der Drucker noch funktioniert: «Energie Express»-Herausgeberin Heidi Portmann.

Heidi Portmann hat keinen Kühlschrank. In ihrem Keller sei es kühl, das genüge, um die Lebensmittel zu lagern, und so lasse sich Strom sparen. Um das Einfamilienhaus in Arlesheim, im Baselland, liegt ein verwunschener Garten. Reben ranken sich die Hauswand und Fenster hoch und halten die Hitze ab. Wenn es kühler wird, schneidet Portmann die Reben zurück.

«Hätte ich den ‹Energie Express› nicht, würde ich wohl mehr im Garten machen», sagt die 77-Jährige. Die Zeitschrift erscheint seit gut dreissig Jahren mindestens viermal jährlich. Portmann überlegt sich als Herausgeberin mögliche Themen für Artikel, diskutiert diese mit JournalistInnen, die für den «Energie Express» schreiben, liest deren Texte gegen, gestaltet das Layout, schickt die Zeitschrift zur Druckerei. Früher, erzählt sie, hatte sie dafür einen alten Drucker im Keller. Manchmal musste sie nachts um zwei aufstehen, um zu schauen, ob er richtig funktionierte oder ob sich ein Papierstau anbahnte. Für den «Express» habe sie die eine oder andere Nacht durchgearbeitet.

Eine von 26 Nominierten

Für ihr atomkritisches Engagement wird die zierliche Frau nun geehrt: Sie ist eine der 26 Nominierten für den Ehrenpreis im Rahmen der Nuclear-Free Future Awards. Die Stiftung zeichnet seit 2008 weltweit VorkämpferInnen für eine Zukunft frei von Atomkraft und Atomwaffen aus. Zu den PreisträgerInnen zählen AktivistInnen und politische Gruppen, Anwälte und Ärztinnen, Fotografen und Journalistinnen (darunter auch die WOZ-Redaktionsleiterin Susan Boos). Dieses Jahr findet die Verleihung des Anti-Atom-Preises am 15. September in Basel statt.

Helena Nyberg von Incomindios – einer NGO für indigene Rechte – und Kaspar Schuler, ehemaliger Greenpeace-Geschäftsleiter, suchten die Nominierten aus der Schweiz aus. Sie überzeugten die PreisverleiherInnen, anstelle einer herausragenden Person dieses Jahr 26 Engagierte zu ehren. «Diese Leute haben im Hintergrund den Schweizer Atomausstieg erst möglich gemacht», sagt Schuler. Zentrales Kriterium für die Auswahl war, dass die Nominierten für ihr Engagement bislang keinen öffentlichen Applaus bekommen hatten.

«Das sind Menschen, die tun, was sie spüren, tun zu müssen», so Schuler. Für viele war die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 ausschlaggebend, daraus entstand langfristiger Aktivismus. «Es ist eine unglaubliche Leistung, jahrelang in einer Minderheitsposition an einem Thema dranzubleiben. Seine Haltung immer wieder zu überprüfen und diese in der meist nicht interessierten Öffentlichkeit zu vertreten. Und das grösstenteils ehrenamtlich.» Heidi Portmann beeindruckt Schuler speziell mit ihrer positiven Grundhaltung, ihrer Fähigkeit, nicht locker zu lassen und nicht in Frustration zu verfallen.

Portmann konnte es zuerst kaum glauben, dass sie für den Preis nominiert ist. Auch als die WOZ anruft, fällt sie aus allen Wolken. «Ich tue doch gar nicht viel», sagt sie. «Ich bin einfach neugierig, wollte immer noch mehr wissen.» Die Anti-Atom-Aktivistin ist in Basel aufgewachsen. Ihre Mutter war alleinerziehend, hat die Familie durchgebracht, indem sie neben der Lohnarbeit den eigenen Garten bewirtschaftete. «Das hat mich politisch sicherlich geprägt», sagt Portmann. Sie achte nach wie vor darauf, möglichst wenig Abfall zu produzieren, sie und ihr Mann essen aus ökologischen Gründen praktisch kein Fleisch. Ihr Mann ist Chemiker, er habe ihr oftmals Fachspezifisches über Atomkraft genauer erklären können, erzählt sie.

Zweimal nach Tschernobyl

Als an Ostern 1975 AktivistInnen den Bauplatz des AKW in Kaiseraugst besetzten, war die damals 35-jährige Portmann dabei. Aus der für zwei Tage geplanten Besetzung wurden elf Wochen, letztlich wurde das Kraftwerk nicht gebaut. Portmann wird Mitglied bei der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (Gak), an den Sitzungen kommt die Idee einer eigenen Zeitung auf. Die Gruppe erhält über Bekannte die Möglichkeit, an zahlreiche Schweizer Haushalte Werbung für ihr Zeitungsprojekt zu verschicken.

Per Zufall treffen sie damit den Nerv der Zeit: Nur zwei Wochen nach Tschernobyl liegt in den Deutschschweizer Briefkästen die Ankündigung, dass bald regelmässig eine atomkritische Zeitschrift erscheinen wird. Seither hat Portmann keine Werbung mehr für den «Energie Express» gemacht. 16 000 AbonnentInnen zählte sie zu Spitzenzeiten, heute sind es noch immer gut 9000. Auch der Wissensdurst der Atomkraftgegnerin blieb unstillbar: Sie besichtigt den wegen seiner Pannen weltbekannten Nuklearkomplex Sellafield im Nordwesten Britanniens und die Key Lake Mine in Kanada, wo Uran abgebaut wird. Zweimal reist Portmann nach Tschernobyl.

Was hat sich verändert, seit sie vor dreissig Jahren mit dem «Energie Express» anfing? «Heute wissen viel mehr Leute, was ein AKW überhaupt ist», sagt Portmann: «Vielleicht sollten sie noch mehr wissen, dann wären sie noch stärker dagegen.» Wenn sie aufhöre, werde wohl niemand den «Energie Express» weiterführen. Aber noch denke sie gar nicht daran. Sie lässt ihren wachsamen Blick über den Garten schweifen: «Warum auch? Inzwischen ist Beznau sogar das älteste AKW der Welt und noch immer nicht abgeschaltet.»

Mehr Informationen zum Nuclear-Free Future Award und zum Anti-Atom-Kongress vom 14. bis 17. September 2017 in Basel: www.nuclear-free-future.com ; www.events-swiss-ippnw.org.

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