Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Eine klebrig-weisse Debatte

Wenn die Massenmedien mal wieder lieber zubeissen statt zuhören …

Von Laura Cassani

Café Bauer, Zürich

Sie hätte auch anders verlaufen können, die aktuelle Debatte um den klebrig-weissen, in Schokolade gehüllten Schaum. Doch sie verlief in den letzten Tagen wie schon so viele öffentliche Debatten über rassistische Symbole und koloniale Sprache vor ihr. Nämlich so: Mit einer Onlinepetition soll der Süssigkeitenproduzent Dubler aufgefordert werden, seinem Produkt einen neuen, nichtrassistischen Namen zu geben. Im Petitionstext wird leicht verständlich erklärt, wieso der althergebrachte Name auf eine koloniale Vergangenheit verweist. Kurz darauf diskreditiert ein weisser NZZ-Journalist höchst polemisch das Anliegen der Menschen, auf die rassistische Sprache abzielt.

Alles halb so schlimm?

Aus den Untiefen des NZZ-Feuilletons schaffen es die Süssigkeit und ihr umstrittener Name auf die Titelseite der Gratiszeitung «20 Minuten»: «Dürfen ‹Mohrenköpfe› nicht mehr so heissen?» Kurze Statements werden zwar immerhin auch bei der Antirassismuskommission und dem Afrika-Diaspora-Rat eingeholt. Ausführlich zu Wort kommt aber nur einer: der weisse Produzent der Süssigkeit. Die Kritik perlt an ihm ab: «Es tut mir leid, aber ich kann das nicht ernst nehmen – es gibt nun wirklich weltbewegendere Themen.»

«20 Minuten» treibt die Debatte online weiter voran. Mehr als 100 000 anonyme LeserInnen äussern sich in einer Abstimmung zur Frage, ob die Süssigkeit umgetauft werden soll. Drei Viertel sagen: «Nein, der ‹Mohrenkopf› hiess schon immer so und soll auch weiterhin so heissen.» Es scheint, als sei die Antwort von der weissen Mehrheitsgesellschaft gefunden worden: Alles halb so schlimm! Erst nach Tagen, als viele wohl schon nicht mehr mitlesen, kommt eine nichtweisse Person auf 20minuten.ch ausführlich zu Wort. Die Sängerin Brandy Butler aus Zürich erzählt aus eigener Erfahrung: «Produkte mit solchen Namen geben dunkelhäutigen Menschen das Gefühl, minderwertig zu sein und nicht zur Gemeinschaft zu gehören.»

Andere Fragen stellen

Wie gesagt: Die massenmediale Debatte hätte auch anders verlaufen können. Wenn man ExpertInnen wie Brandy Butler von Anfang an zugehört hätte. Menschen, für die Rassismus Alltag ist und die sich seit langem mit kolonialen Strukturen auch in der Schweiz auseinandersetzen. Die Debatte wäre anders verlaufen, hätten vor allem nichtweisse Personen Antworten gegeben und weitere Fragen aufgeworfen – wohl ohne sich in allem einig zu sein.

Das erste «20 Minuten»-Interview zum Thema wäre dann vielleicht mit einer Initiantin der Petition geführt worden statt mit dem Süssigkeitenproduzenten. Eine Onlineumfrage hätte es nicht gegeben, denn die Fragen, die der Debatte die Richtung gewiesen hätten, wären nicht mit Ja oder Nein zu beantworten gewesen. Nicht: Soll man das umstrittene Wort verbieten? Sondern: Weshalb kann Sprache abwerten? Und wie können wir gemeinsam eine Sprache entwickeln, die nicht verletzt? Nach einer einfachen Google-Suche hätte der «20 Minuten»-Journalist lesen können, was der Historiker Kijan Espahangizi schon vor mehr als einem Jahr in der «Zeit» zu besagtem Wort geschrieben hat: Es gehe nicht darum, welche Wörter schöner oder praktischer seien, «sondern darum, die Sprache mit denjenigen zu teilen, die durch sie marginalisiert werden». Der Journalist hätte Espahangizi vielleicht zitiert.

Und nein, auch in dieser Debatte wäre nicht alles differenziert und ausgewogen gewesen. Manche ExpertInnen hätten vielleicht auch mit Sarkasmus reagiert, wie die Sprachkünstlerin Amina Abdulkadir auf Facebook: «Du wetsch witerhin ‹Mohrechopf› säge? Easy, denn säg ich der halt eifach ‹Arschloch›. Weisch, i meins ned bös.»

Aber eben, zurück zur Realität: Die Debatte ist nicht anders verlaufen. Schwarze Stimmen werden kaum gehört. Und wenn sich Nichtweisse melden, bringen sie sich in Gefahr. Brandy Butler wurde nach ihrem Interview auf 20minuten.ch von einer Welle von Hassmails überrollt.

Die Schweiz steckt tief drin in der «kolonialen Amnesie», wie die Forschung zur postkolonialen Schweiz das Verdrängen nennt. «Die kolonialen Verwicklungen der Schweiz gingen nicht einfach nur ‹vergessen›, erklärt die Philosophin Patricia Purtschert. «Dieses Vergessen wird aktiv und mit grossem Aufwand beständig hergestellt.»

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