Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Ringen mit dem religiösen Erbe

Von Ulrike Baureithel

Seine bisherigen Filme und Bücher spielten stets in Afghanistan, dem Land seiner Herkunft. Im neuen Buch «Heimatballade» nimmt Atiq Rahimi das Schicksal derer in den Blick, die geflohen sind. Mit nichts im Gepäck als ihrer Sprache und Kultur – und dem Traum von einem besseren Leben in der Fremde. «Portrait intime» nennt sich diese erinnernde Selbstreflexion im Untertitel des französischen Originals. Dass Rahimi seine Muttersprache Farsi gegen das Französische eingetauscht hat, ist bezeichnend für den zurückgelegten Weg.

Der Schriftsteller tritt auch als Zeichner von bezaubernden «Kallimorphien» auf. So nennt er seine aus kalligrafischen Zeichen hervorgegangenen anthropomorphen Zeichnungen, die schemenhafte Menschengestalten zeigen. Rahimi wurde schon als kleiner Junge in Kabul in diese Kunst eingeführt, heute zeichnet er weibliche Figuren, in einem Schwung konturiert.

Im 30. Frühling seines Exils sitzt er nun in seinem Atelier in Paris und versucht, darüber zu schreiben, was es bedeutet, geflohen zu sein. «Exil heisst, seinen Körper zurückzulassen», zitiert er Ovid. Hätte Rahimi daraus einen Roman oder einen autobiografischen Bericht geformt, statt lediglich einzelne Erinnerungspflöcke einzuschlagen, hätte «Heimatballade» ein gutes Buch werden können. Doch Rahimis intellektueller Anspruch strebt nach Höherem, er bürdet seinem Buch den Zitatenballast 3000-jähriger Kultur auf, ringt mit dem religiösen Erbe und mit komplizierten linguistischen Theorien. Leider steht das Ich dabei so sehr im Vordergrund, dass all die Geflüchteten, die er in seinem Atelier als Auftrag- und Musengeber an die Wand gepinnt hat, verschwinden.

Wirklich irritierend – um nicht zu sagen ärgerlich – sind jedoch die Erlösungshoffnungen, die Rahimi seinen weiblich konnotierten Kallimorphien auferlegt. Rahimi naturalisiert sie zu «Berg-Frauen», die sein Begehren versinnbildlichen: Die «kallimorphe Frau birgt in sich alle Buchstaben der Menschheit». Eine echte Männerfantasie.

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