Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

«Der Lohn eines Künstlers ist der Applaus»

Der Kanton Luzern spart vierzig Prozent des Geldes für freie Kulturschaffende weg. Wie sich diese dagegen wehren und was die Kürzungen für zwei betroffene Theaterschaffende bedeuten.

Von Silvia Süess

Überreste vom «Marsch der nassen Gestalten» vor dem Regierungsgebäude in Luzern: Über hundert Personen waren für die Kultur in die Reuss gestiegen. Foto: IG Kultur

Reto Wyss hat viel Post bekommen in den letzten Wochen. Hunderte von Kondolenzkarten landeten auf dem Pult des Vorstehers des Bildungs- und Kulturdepartements (CVP) des Kantons Luzern, die meisten mit Kondolenzspende. «Kulturförderung † 2017. Du fehlst» steht auf der Todesanzeige. Sie ist eine von vielen Aktionen, mit denen sich verschiedenste Luzerner Kulturschaffende gegen die vom Kantonsrat beschlossenen Sparmassnahmen wehren, die hauptsächlich die Kultur, die Bildung und das Sozialsystem treffen. Bislang war dem Kanton Luzern die Kultur 22 Millionen Franken im Jahr wert – 2 Millionen waren für die freie Kulturszene bestimmt. Jetzt sollen dieser im laufenden wie im kommenden Jahr je 800 000 Franken abgezogen werden.

«Kultur ist nicht einfach ein Extra»

«Das Verrückte ist, dass 800 000 Franken für das gesamte Budget des Kantons extrem wenig sind. Für die freie Kulturszene ist es jedoch mit vierzig Prozent eine massive Einsparung, die einschneidende Konsequenzen hat.» Eva Laniado sitzt gemeinsam mit Urs Bugmann am Tisch in ihrem Büro. Die 32-Jährige ist Geschäftsleiterin der IG Kultur, der Lobbyorganisation der Kulturschaffenden in der Zentralschweiz. Bugmann (66) ist der Präsident des Vereins, der rund 200 Mitglieder vertritt. Beide betonen, dass es ihnen nicht nur um den Widerstand gegen die Sparmassnahmen in der Kultur gehe: «Es ist die gesamte Politik, die geändert werden muss», so Laniado. Deshalb dürfe auch auf keinen Fall die Kultur gegen das Sozialsystem oder die Schulen ausgespielt werden. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die Solidarität, die zurzeit unter allen Betroffenen herrscht, bestehen bleibt und dass wir gemeinsam kämpfen.»

Deshalb hat die IG Kultur zusammen mit der Luzerner Allianz für Lebensqualität, einer losen Organisation von unterschiedlichen Verbänden, Anfang September eine Landsgemeinde organisiert. 1300 Menschen nahmen an der Aktion teil. Im Büro lehnen noch immer Plakate an der Wand: Eines davon ist die Todesanzeige in Grossformat, daneben steht das Manifest «Das ist deine Umwelt. Das kann nicht weg». Es wurde an der Landsgemeinde verlesen und einstimmig angenommen.

Am selben Abend unterbrachen 27 VeranstalterInnen für fünf Minuten ihre Produktionen – das Luzerner Theater sogar die Premiere der Oper «Le Grand Macabre». Der Landsgemeinde waren mehrere Proteste sowie medienwirksame Aktionen vorausgegangen und gefolgt: So stiegen zweimal über hundert Kulturschaffende in Kleidern in den Vierwaldstättersee beziehungsweise in die Reuss – einmal vor der Eröffnung des Lucerne Festival im KKL, einmal vor der Budgetdebatte des Kantonsrats vergangene Woche. Die Botschaft: Die Kultur darf nicht baden gehen.

«Kultur ist ein Ferment der Gesellschaft und nicht einfach ein Extra», sagt Bugmann. Es sei sehr schwierig, die bürgerlichen PolitikerInnen von der Notwendigkeit der Kultur zu überzeugen. «Wir versuchen nun, in der Sprache der Politiker zu reden und ihnen zu vermitteln, dass freie Kulturschaffende kleine KMUs sind», ergänzt Laniado. «Denn hinter jeder Aufführung stecken Angestellte, die bezahlt werden müssen.» Genau das wird angesichts der schrumpfenden Mittel für freie Kulturschaffende allerdings immer schwieriger.

Wie einschneidend die Konsequenzen der Sparmassnahmen sind, zeigt sich beispielsweise in der freien Theaterszene. Sie konnte sich im Kanton Luzern erst spät neben einer grossen Amateurtheaterszene etablieren. Da Letztere in Luzern eine lange Tradition besitzt, sahen die Behörden zunächst nicht ein, wozu es zusätzlich eine professionelle freie Theaterszene brauche. Ein Umdenken fand erst vor kurzem statt, mit den geschaffenen Förderstrukturen wuchs rasch eine lebendige freie Theaterszene heran. Sie droht nun zerschlagen zu werden, wenn der Kanton seine Finanzpolitik nicht ändert.

Lohnarbeit, nicht Hobby

Schauspieler Patric Gehrig (46) spürt die Auswirkungen der Sparmassnahmen bereits jetzt in seinem Berufsalltag. Das Dossier für das neue Projekt mit seiner Theatergruppe «Zell:Stoff» war fertig zusammengestellt. Doch als er es beim Kanton für die selektive Produktionsförderung einreichen wollte, hiess es, diese sei ab sofort gestrichen. Bis zu 40 000 Franken zahlte der Kanton zuvor an einzelne ausgewählte Projekte, diese Beiträge sind vorläufig auf Eis gelegt. Von den vier freien Produktionen, an denen Gehrig im nächsten Jahr beteiligt gewesen wäre, ist bisher nur eine einzige gesichert. Neben den damit verbundenen finanziellen Einbussen ist es auch die Ungewissheit, die Gehrig als zermürbend erlebt: «Man hat Produktionen in der Warteschlaufe und weiss überhaupt nicht, wie es weitergeht.» Da überlege man sich schon, ob man nicht woanders hinziehen solle. «Ich arbeite lieber an einem Ort, wo unter Umständen die Konkurrenz grösser ist, dafür gibt es ein Kultur- und Kunstverständnis, das heisst in einem Kanton, in dem die Kulturarbeit wahrgenommen und geschätzt wird.»

Auch Nina Langensand spielt ab und zu mit dem Gedanken, Luzern zu verlassen. Zwar hatte die 34-Jährige Glück: Die Performancegruppe Ultra, der sie angehört, bekam im Frühling in der ersten Förderausschreibung noch 40 000 Franken vom Kanton gesprochen, somit kann die auf nächsten April angekündigte Premiere stattfinden. Doch was danach kommt, weiss auch Langensand nicht. Und sie habe es satt, sich in ihrem Beruf nicht anerkannt zu fühlen und dauernd demütig zu sein. Sie wolle nicht mehr ständig erklären, warum das, was sie mache, tatsächlich Lohnarbeit sei und nicht einfach ein Hobby. «Darüber müsste man mal grundsätzlich diskutieren: Was ist eigentlich Arbeit?»

Als Schauspielerin und Mutter eines kleinen Mädchens ist sie gleich mehrfach von den Sparmassnahmen betroffen. Denn der Kanton spart auch bei den Prämienverbilligungen für die Krankenkassen, was zur Folge hat, dass Langensand ihre bereits erhaltene Verbilligung für sich und ihre Tochter zurückzahlen müsste. Gegen diesen «Prämienklau» bereitet die SP Luzern nun eine Sammelklage vor.

«Immerhin kannst du als Kulturschaffende noch auf dich aufmerksam machen», räumt Langensand ein. «Und wir haben – anders als Menschen mit schwerer Behinderung und Asylsuchende, die ja auch von den Sparmassnahmen betroffen sind – die Möglichkeit, in einer Bar arbeiten zu gehen.» Vor kurzem hat die Stadt Luzern die Schauspielerin mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet. Als Künstlerin befinde sie sich in einem seltsamen Spannungsfeld, sagt Langensand. Die einen seien stolz auf ihr Schaffen, für andere dürfe dieses jedoch nichts kosten. «Wenn kein Geld fliesst, ist das ein Zeichen, dass unsere Arbeit nichts wert ist», stellt Langensand klar.

Spezielles Kulturverständnis

«Der Lohn eines Künstlers ist der Applaus», verkündete derweil Regierungsrat Reto Wyss frohgemut in seiner Rede am Saisoneröffnungsfest des Luzerner Theaters. Das war unmittelbar nach der Landsgemeinde.

Dass der kantonale Bildungs- und Kulturvorsteher eine sehr eigene Vorstellung von Kunst und Kultur hat, zeigte sich bereits vor ein paar Jahren. 2013 unternahm er gemeinsam mit anderen Regierungsvertretern sowie Wirtschaftslobbyisten eine Netzwerksreise nach Moskau, bezahlen liessen sich die Politiker die Reise mit Geld aus dem kantonalen Lotteriefonds. Laut Bundesverfassung muss dieses Geld jedoch «vollumfänglich für gemeinnützige Zwecke in den Bereichen Kultur, Soziales und Sport verwendet werden». So schreibt es auch das kantonale Lotteriegesetz vor. 290 000 Franken brauchte die Truppe für ihr «gemeinnütziges Reisli». Damit hätte manch eine freie Theaterproduktion mitfinanziert werden können.

Die erhaltenen Kondolenzspendengelder möchte Reto Wyss übrigens «im Sinn und Geist der vermeintlich Verstorbenen» einsetzen. Es wird wohl nicht ganz so viel zusammenkommen, wie sein Reisli gekostet hat.

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