Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Grüne Gärten gegen grünen Rasen

Die Zürcher Stadionbrache soll einem Fussballstadion weichen. Mit einem neuen Projekt versucht die Stadt, der langen Leidensgeschichte rund um das Stadion Hardturm ein Ende zu setzen. GegnerInnen wollen den Grünraum aber erhalten.

Von Anouk Eschelmüller (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Seit sieben Jahren gärtnern, bauen, skaten, klettern und feiern AnwohnerInnen auf der Brache.

An das alte Fussballstadion, das einst hier stand, erinnern nur noch die Überreste der alten Tribüne sowie einige blau-weiss bemalte Mauerabschnitte. Unmittelbar daneben: etliche Gemüse- und Blumenbeete, dazwischen Bänke, eine Kletterwand, ein Hühnerstall, irgendwo eine Skaterbahn.

Das ist die Stadionbrache von Zürich. Eigentlich sollte es sie gar nicht mehr geben. Bereits zweimal versuchte die Stadt, auf dem Areal eine neue Spielstätte zu bauen, scheiterte aber an der Zürcher Stimmbevölkerung. Nun wagt sie einen neuen Versuch. Aber der Widerstand dagegen hat sich bereits formiert.

«Wir sind nicht grundsätzlich gegen ein Stadion», sagt Jean-Marc Heuberger vom Vorstand des neu gegründeten Vereins IG Freiräume Zürich-West. «Aber wir können das Projekt in dieser Form nicht akzeptieren.» Die Forderung seines Vereins: Die Hardturm-Brache soll erhalten bleiben. Die Mitglieder des Vereins, darunter Landschaftsarchitektinnen und Stadtplaner, glauben, dass auf dem ehemaligen Stadionareal ein Stadion gebaut werden könne, ohne den Grünraum zerstören zu müssen.

Investorenfreundliches Zürich

Wie die unlängst von der Stadt präsentierten Baupläne zeigen, sind üppige Grünräume im neuen Stadionprojekt nicht vorgesehen. Gebaut werden soll ein Ensemble aus dem Fussballstadion, einem Genossenschaftsbau und zwei Wohnhochhäusern. Finanziert wird der Bau diesmal von privaten Investoren.

Die Stadt hat damit offensichtlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Das 216 Millionen Franken teure letzte Stadionprojekt, das sie selbst finanzieren wollte, wurde an der Urne verworfen. «Die Finanzierung des Stadions ist und bleibt aber eine Knacknuss», sagt der grüne Gemeinderat Markus Knauss, selbst Mitglied der IG. «Das Projekt wird die Stadt Geld kosten.» Tatsächlich kommt die Stadt Zürich den Investoren entgegen. Sie finanziert das Projekt zwar nicht direkt mit, unterstützt den Stadionbau allerdings, indem sie beim Baufeld des Stadions den Baurechtszins reduziert und somit auf Einnahmen von 1,7 Millionen Franken jährlich verzichtet. «Hinzu kommen deutlich höhere Betriebsdefizite für das Stadion Letzigrund», sagt Knauss, «weil die beiden Fussballklubs ausziehen.»

Verschwindende Freiräume

Seit sieben Jahren gärtnern, bauen, skaten, klettern und feiern Anwohnerinnen und Stadtbewohner auf der Brache. Die IG schätzt die Zahl der BesucherInnen auf rund 50 000 pro Jahr. Gerade in einem massiv verdichteten Stadtteil wie Zürich West sei ein solcher Ort sehr wichtig, sagt Knauss. «Es ist ein Begegnungsraum, der in dieser Vielfalt für die Stadt aussergewöhnlich ist.»

Verwaltet wird das Projekt vom Verein Stadionbrache. Dieser hat das Land als Gebrauchsleihe von der Stadt erhalten. «Es stand immer fest, dass die Nutzung nur vorübergehend ist», sagt Lorenz de Vallier und werkelt an einem Wassertank. De Vallier ist der Brachengärtner. Wer etwa Auskünfte zur Tomatenaufzucht braucht, ein neues Beet bestellen oder den Pizzaofen anschmeissen möchte, fragt de Vallier. Von seiner Schaltzentrale aus, einem überwachsenen blauen Wohnwagen, betreut und koordiniert der gelernte Schreiner und Gartenbauer das Treiben auf der Brache. Seine Arbeit führt er fort wie immer, auch wenn er weiss, dass in zwei, drei Jahren die Bagger alles niederwalzen könnten.

Das versucht die IG zu verhindern. Ihre Forderung geht aber über die Rettung der Brache hinaus: «Immer mehr Grünräume verschwinden», sagt Heuberger, der selbst Trainer des FC Brache ist. Einmal pro Woche trainiert er auf dem Brachenareal zwischen zehn und dreizehn Kinder im Primarschulalter. «Diese Orte sind wesentlich für das Zusammenleben in der Stadt. Jetzt haben wir die Chance, einen solchen Raum zu retten.»

Die ersten Schritte dafür sind bereits unternommen. Die IG hat einen Aufruf zum Schutz der Brache lanciert. 700 UnterstützerInnen haben unterschrieben.

Bürgerliche mögen Türme nicht

Die IG wird die Brache nicht alleine retten können. Unterstützung erhofft sich der Verein aus den Reihen des Gemeinderats. Obwohl sich die Fraktionen noch bedeckt halten, solange das Geschäft noch nicht in den Kommissionen besprochen wurde, dürfte Hilfe vor allem von links-grüner Seite kommen. AL, SP und Grüne haben sich bereits kritisch zur Finanzierung des Stadions geäussert.

Unerwartete Hilfe erhalten die BrachenfreundInnen zudem von einem ebenfalls erst kürzlich gegründeten Höngger Komitee, das sich «Gegen den Höhenwahn» nennt. Grund dafür ist ein Baudetail: Die zwei geplanten Wohntürme werden mit ihren 137 Metern Höhe sogar den Prime Tower überragen. Das Komitee, das laut Knauss weitgehend bürgerlich zusammengesetzt ist, befürworte ein Fussballstadion zwar grundsätzlich, lehne aber die beiden Türme vehement ab.

Über das Schicksal des Zürcher Hardturmstadions entscheidet die Zürcher Stimmbevölkerung voraussichtlich Ende 2018. Wird die Vorlage angenommen, dürfte der Ball auf der heutigen Brache bereits in vier Jahren wieder rollen. Was sagt der Stadiongärtner zu den Zukunftsaussichten seiner Brache? «Ich werde am Abstimmungstag Bäume pflanzen, die mindestens 500 Jahre alt werden.»

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