Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

Schweigen ist auch keine Lösung

Noch immer fehlt uns die Sprache, um über sexuellen Missbrauch zu reden – weswegen viele Betroffene schweigen. Was das mit ihnen macht, zeigen ein Film und der neue Roman «Scham» von Inès Bayard.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Noch vor der #MeToo-Debatte gedreht und dennoch einer der besten Beiträge dazu: Janne (Aenne Schwarz) in «Alles ist gut» von Eva Trobisch. Still: Trimafilm

«Wenn du darüber mit jemandem sprichst, sind du, dein Mann und deine Karriere erledigt. Es wird dir sowieso niemand glauben, also halt einfach den Mund, und alles bleibt beim Alten.» Mit diesen Worten im Ohr strauchelt Marie aus dem Auto ihres Chefs, der sie soeben vergewaltigt hat.

Und Marie wird den Mund halten. Sie hält den Mund, als sie ihre Wohnung betritt und der Hausmeister fröhlich fragt, wie es ihr gehe. Sie sagt nichts, als sie ihrem Mann auf der Combox eine Nachricht hinterlässt, und auch ein paar Tage später bei einem Abendessen mit einem befreundeten Paar – er ist Gynäkologe – schweigt sie. «Scham» von Inès Bayard ist ein schonungsloser Roman über das Schweigen, der den Zerfall einer jungen Frau nach einer Vergewaltigung nachzeichnet.

Zwanghaft Alltag spielen

Als 2017 rund um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Produzenten Harvey Weinstein die #MeToo-Kampagne lanciert wurde, schien ein Bann gebrochen zu sein. Plötzlich erzählten Frauen öffentlich von erlebten Übergriffen. Manche redeten nach Jahrzehnten zum ersten Mal darüber, manche hatten schon lange darüber geredet, waren aber nicht gehört worden.

Diesen Februar dann eine weitere positive Entwicklung: Weinstein wurde in einem ersten Prozess in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen – ein Signal für alle Betroffenen, dass das Reden auch Konsequenzen für die Peiniger hat. Trotzdem: Auch nach mehr als zwei Jahren #MeToo ist die Zahl der Betroffenen, die über den erlebten Missbrauch schweigen, wohl immer noch grösser als die Zahl derjenigen, die reden.

Über das Schweigen nach dem Übergriff und was das Schweigen mit der Betroffenen macht, davon erzählt Inès Bayards «Scham». Es ist nicht die Drohung ihres Peinigers, die Marie zum Schweigen bringt, es geht um viel mehr: «Sie hat Angst, alles zu zerstören. Ihren Mann, ihre Freunde zu verlieren, dass man sie verurteilt, verdächtigt zu lügen, zu übertreiben. Sie lässt es bleiben.» In ihrem superoptimierten Leben, das sie mit einem erfolgreichen Staranwalt als Mann in einer hübschen Wohnung in Paris führt, hat ein solch schlimmes Erlebnis keinen Platz.

Also klammert sich Marie an die Hoffnung, dass durch ihr Schweigen alles beim Alten bleibt. Zwanghaft spielt sie weiterhin Alltag mit ihrem Mann, hat regelmässig Sex mit ihm – auch wenn sie Ekel statt Lust verspürt –, geht täglich zur Arbeit auf die Bank und trifft sich mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Während in ihrem Körper ein Kind wächst, das sie von der ersten Sekunde an hasst, igelt sie sich immer mehr in ihrer eigenen Welt ein und verabscheut sich selber und ihr Umfeld immer mehr – bis es unausweichlich zur Katastrophe kommt (die im Buch vorweggenommen wird, was nicht nötig gewesen wäre).

Die Zuschauerin als Mitwissende

Die Strategie des Schweigens verfolgt auch Janne im Spielfilm «Alles ist gut», der Ende 2018 in die Kinos kam. Zwar wurde der Film der deutschen Regisseurin Eva Trobisch vor der #MeToo-Debatte geschrieben und gedreht, dennoch ist er einer der besten Beiträge zur Debatte überhaupt. Janne (Aenne Schwarz) nimmt nach einem Klassentreffen Martin (Hans Löw) mit nach Hause, damit er bei ihr auf dem Sofa schlafen kann. Beide sind feuchtfröhlich angeheitert und albern herum. Nach zunächst flirtigen Annäherungsversuchen, die Janne klar abweist, wird Martin immer aggressiver, bis er sie vergewaltigt. «Echt jetzt?», fragt Janne in einer Mischung aus Resignation und Erstaunen, als er auf ihr liegt und in sie eindringt. Als er kurz darauf ihre Wohnung verlässt, putzt sie sich die Zähne und geht schlafen.

Während wir in «Scham» Einblick in Maries Innenwelt, ihre Wut und ihre still ausgefochtenen Kämpfen erhalten, schauen wir in «Alles ist gut» Janne von aussen zu, wie sie nach dem Übergriff ihren Alltag wieder aufnimmt, als ob nichts passiert wäre. Dabei klebt die Kamera fast dokumentarisch an ihr, begleitet sie von hinten oder von der Seite, nie jedoch von vorne. Als Zuschauerin wird man zu einer beiläufigen Begleiterin und Mitwisserin.

Sowohl Janne wie auch Marie kommen aus bürgerlichen Verhältnissen, haben eine Familie, die sich um sie sorgt, und führen auf den ersten Blick eine gute Beziehung mit ihren Partnern. Obwohl es durchaus Möglichkeiten gäbe, zu reden, tun sie es nicht. Als Jannes Mutter sie auf ihr blaues Auge anspricht, weicht Janne aus; nichts sei passiert, lügt sie. Und Marie ist überzeugt: Ihr Mann «würde sie immer mit anderen Augen sehen, nicht mehr als seine Frau, sondern als das Opfer, die Frau, die vergewaltigt (…) worden ist».

Das Schweigen bedeutet für beide eben auch Selbstermächtigung: Nur so behalten sie die Autonomie über das Erlebte und über ihren eigenen Körper. Niemand wird sie als Opfer stigmatisieren können. Und doch, das zeigen beide Werke auf erschütternde Weise, ist auch das Schweigen keine Lösung. Wie reden über Gewalterfahrung, über sexuellen Missbrauch, über erlebte Vergewaltigung? Drei Jahre nach #MeToo fehlt noch immer die richtige Sprache dafür.

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