Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Häusliche Gewalt und Terror

Von Lotta Suter

«She’s a bad bitch», schrieb Devin Kelley Ende Oktober auf seine Facebook-Seite unter das Foto einer halbautomatischen Waffe: Sie ist eine fiese Schlampe. Am vergangenen Sonntag erschoss er in einer Baptistenkirche in Sutherland Springs im US-Bundesstaat Texas 26 Menschen, unter ihnen viele Kinder. Er kannte die Opfer nicht persönlich. Doch sie besuchten die gleiche Kirche wie seine Schwiegermutter und seine von ihm getrennt lebende Frau, auf die er eine rasende Wut hatte und die er am selben Morgen noch verbal bedroht hatte.

In Sachen häuslicher Gewalt ist Devin Kelley ein Wiederholungstäter. Bereits 2012 wurde er als junger Angehöriger der Air Force zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt, weil er seine damalige Frau tätlich angegriffen und ihrem kleinen Sohn den Schädel eingeschlagen hatte. 2014 wurde er wegen Grausamkeit gegenüber seinem Hund verzeigt. Wahrscheinlich zerstörte er auch seine zweite Ehe mit mutwilliger Aggression.

Massenmörder wie Kelley durchlaufen eine Spirale der Gewalt, in deren Verlauf psychische Barrieren gegen massive Brutalität abgebaut werden. Für sie ist häusliche Gewalt, insbesondere Gewalt gegen Frauen, ein wichtiges Übungsgelände – und gleichzeitig stimulierender Anreiz. Ein unvollständiger Jahresrückblick aus den USA: Stephen Paddock, der Anfang Oktober in Las Vegas 58 Menschen tötete und über 500 verletzte, war für seine Misogynie bekannt. Der Neonazi James Fields, der im August in Charlottesville die Demonstrantin Heather Heyer mit dem Auto totfuhr, hatte wiederholt seine Mutter geschlagen und mit dem Messer bedroht. James Hodgkinson, der im Juni auf US-Parlamentarier schoss, die für ein Freundschaftsbaseballspiel trainierten, hatte seine Tochter und weitere Frauen tätlich angegriffen. Esteban Santiago, der im Januar im Flughafen von Fort Lauderdale fünf Menschen erschoss, war an seinem Wohnort in Alaska wegen häuslicher Gewalt angezeigt worden.

Häusliche Gewalt führt natürlich nicht zwangsläufig zu Massenmord. Doch in beiden Fällen treibt die Täter das Verlangen nach Rache für vermeintliche Erniedrigungen und nach totaler Kontrolle an. Das gilt auch für vordergründig politische Terrorakte wie das Attentat auf den Bostoner Marathon im April 2013 und die Schiesserei in einem Nachtclub in Orlando, Florida, im Juni 2016, bei denen sich die Täter zum – extrem frauenfeindlichen – Islamischen Staat (IS) bekannten. Denn auch diese IS-Fusssoldaten hatten ihre Gewaltbereitschaft zuerst an ihren Frauen ausgelebt, in einem Akt des intimen Terrorismus.

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