Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

Die WOZ als Universität

Im Gegensatz zu den meisten RedaktionskollegInnen habe ich weder studiert noch Praktika bei anderen Zeitungen gemacht. Die WOZ gab mir die Möglichkeit, im Betrieb zu lernen – das war besser als jedes Studium.

Von Bettina Dyttrich

Ich hatte mich gerade dazu durchgerungen, doch noch studieren zu gehen. Da sah ich das Inserat: Die WOZ suchte eineN KorrektorIn.

Korrigieren konnte ich, das war einer der Jobs, mit denen ich in den zwei Jahren seit der Matura Geld verdient hatte: bei einer kleinen Regionalzeitung mit angeschlossener Druckerei. Es war ein tolles Gefühl, die Zeitung frisch ab Walze in der Hand zu halten – obwohl fast nie etwas drinstand, was mich interessierte.

Bei der WOZ war das anders. Ich las sie bereits, seit ich fünfzehn war, wenn auch nicht immer gleich aufmerksam. Das Studium musste warten – ich bewarb mich und bekam die Stelle tatsächlich, obwohl es beim Bewerbungsgespräch geheissen hatte, ich sei etwas gar jung. Später erfuhr ich, dass der Favorit abgesagt hatte.

Wenn die Texte entgleiten

Nun las ich ab Januar 2001 jede Woche die ganze Zeitung, so genau wie noch nie. Das Jahr wurde turbulent: G8-Gipfel in Genua, 11. September, Amoklauf im Zuger Parlament, Krieg in Afghanistan. Bald verstand ich eines der grossen Privilegien eines WOZ-Arbeitsplatzes: Egal welcher Irrsinn passiert, wir sind ihm nicht allein ausgeliefert. Wir können ihn diskutieren, versuchen zu verstehen – während der Arbeit. Anfangs war ich allerdings noch weit weg von der Redaktion, nahm als Korrektorin auch nicht an ihren Sitzungen teil. Und fühlte mich ziemlich eingeschüchtert von diesen klugen Leuten, die ich schon lange vom Lesen kannte. Aber das legte sich schnell. «Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen», schimpfte Abschlussredaktor Michael Stötzel, als ich ihn in der ersten Woche vorsichtig etwas fragte. Gut zu wissen.

Bald freundete ich mich mit einigen RedaktorInnen an, auch mit Fredi Bosshard, der den Veranstaltungskalender betreute, damals ein eigenes kleines Ressort. Für ihn begann ich, Konzerttipps zu schreiben, kleine Texte mit 1000 bis 2000 Zeichen. Am Anfang brauchte ich ewig lange dafür.

Noch viel länger bastelte ich 2002 an meinen ersten langen Texten, etwa über die posthum veröffentlichten Tagebücher von Nirvana-Sänger Kurt Cobain. Ich hatte oft das Gefühl, dass mir längere Texte völlig entglitten, dass ich sie nicht steuern konnte. Obwohl es genug Profis auf der WOZ gegeben hätte, die ich um Rat hätte fragen können, tat ich es selten. Dumm von mir. Aber mit den Resultaten meiner Qualen schienen sie zufrieden zu sein.

Anfangs dachte ich, ich würde nach zwei, drei Jahren Korrektorat doch noch studieren gehen. Stattdessen landete ich ganz in der Redaktion. Zuerst bei Fredi im Veranstaltungskalender: das beste Schreibtraining, das ich mir vorstellen konnte.

Anfang 2005 fragte dann die Schweiz-Redaktion, ob ich zu ihr wechseln wolle. Trotz heimlicher Panik sagte ich zu. Meine Unsicherheit versteckte ich hinter einer linksradikalen Attitüde: Ich bin sowieso gegen den Staat, dann fällt vielleicht nicht auf, wie wenig Ahnung ich von Bundespolitik habe …

Genug für ein ganzes Leben

Mein Interesse für Ökologie und Landwirtschaft begann schon als Kind – mit den Unfällen von Tschernobyl und Schweizerhalle, dem Waldsterben, den Besuchen auf den Höfen meiner Verwandten. Mich als Redaktorin in die Agrarpolitik einzuarbeiten, war trotzdem nicht einfach. Auf Podien hörte ich Bauernverbandsvertreter mit Sozialdemokraten streiten und war mit beiden nicht einverstanden. Aber gerade das forderte mich heraus.

Hilfreich war die Weiterbildung als Fachhörerin an einer landwirtschaftlichen Schule – aber noch hilfreicher war es, für die WOZ schreiben zu können. Ich begann mit einfachen, konkreten Fragen – wie geht es den Schweinen in der Schweiz, wie steht es um die Sortenvielfalt bei den Äpfeln? – und arbeitete mich langsam in komplexere Bereiche vor.

So geht das bis heute, egal bei welchem Thema: Wenn ich etwas verstehen will, schreibe ich einen Artikel darüber. Das gibt mir die Legitimation, all die neugierigen Fragen zu stellen, für die ich sonst zu schüchtern wäre. Genauso wichtig ist das gemeinsame Nachdenken auf der Redaktion – an Planungssitzungen, beim Redigieren und Überarbeiten von Texten, bei der Blattkritik. Und die WOZ muss nicht nur über Texte diskutieren, sondern als selbstverwalteter Betrieb auch noch über sehr viel anderes (siehe WOZ Nr. 43/2011). Da gibt es immer Neues zu lernen. Genug für ein ganzes (Arbeits-)Leben, glaube ich.

Ich war keinen einzigen Tag an der Uni. Aber mein Studium hört nie auf.

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