Nr. 47/2017 vom 23.11.2017

Wie viel davon ist autobiografisch?

Gewichte pumpen, um ein besserer Vater zu werden: Dominik Locher über Kühltürme, Unterleibchen und andere Männlichkeitssymbole in seinem Film «Goliath».

Von Florian KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Ich fühlte mich zu wenig stark, nicht parat für diese Rolle»: Dominik Locher stellt das Plakat seines Films «Goliath» nach.

WOZ: Dominik Locher, Ihr Film «Goliath» handelt von einem werdenden Vater, der sich aus Unsicherheit zur Kampfmaschine aufputscht. Wie viel davon ist autobiografisch?
Dominik Locher: Ich glaube eben nicht, dass er sich zur Kampfmaschine aufputscht, sondern er schafft sich einen Panzer, eine Rüstung. Das ist inspiriert von wahren Begebenheiten. Als ich Vater wurde, stellte ich auch mein Selbstbild als Mann infrage. Ich ging ins Fitnessstudio und war begeistert, weil ich mich danach so geerdet fühlte, so stark und so ruhig. Diese Verbindung zur Männlichkeit, zu den Muskeln, zum Körper: Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Vater zu werden, hat mich stark verunsichert, und es sind Seiten von mir zum Vorschein gekommen, die ich noch nicht gekannt hatte.

Welche Seiten denn?
Ich habe mich nie als Beschützer gesehen. Ich bin vor allem mit meiner Mutter und meinen Schwestern aufgewachsen, und mein Papa ist zwar Maurer mit grossen, starken Händen, gleichzeitig aber ein sensibler, lustiger Typ. Als dann meine Frau Lisa schwanger wurde, hatte ich plötzlich das Gefühl, als fehle mir da etwas – nun musste ich sie beschützen, wenn irgendwelche Leute ihren Bauch anfassen wollten wie ein Hündchen. Ich fühlte mich zu wenig stark, nicht parat für diese Rolle. Das Thema Männlichkeit hat mich schon länger beschäftigt, weil ich auch in meinem Umfeld eine grosse Verunsicherung beobachtete: Man will sensibel und verständnisvoll sein, aber dann ist es trotzdem sexy, stark und böse zu sein.

Aber Gewichte pumpen, um ein besserer Vater zu werden: Wie kommt man denn darauf?
Bei mir war das ganz instinktiv: Es gab mir das Gefühl, dass das helfen könnte, mich in meinem Körper sicher und wohl zu fühlen. Das ist natürlich eine Frage der Dosierung. Mein Grossvater sagte immer: Nichts ist giftig, es kommt auf die Dosierung an. Im Film ist das bei David genauso. Und seine Frau Jessy befürwortet es ein Stück weit ja auch, dass er Krafttraining macht. Lisa hat auch leuchtende Augen, wenn ich aus dem Gym komme. (Lacht.)

Wie wichtig wars Ihnen, den Film im Schweizer Mittelland spielen zu lassen?
Ich bin halt doch immer noch ein Bub vom Land und erzähle gerne Geschichten von dort. Es ist auch eine etwas verlorene Gegend ohne Perspektiven – Entschuldigung für die, die dort wohnen, aber so hab ich das erlebt. Die Schweiz ist ja geprägt durch diese zersiedelten Landschaften: Du kannst keine drei Minuten fahren, ohne dass gleich schon das nächste Dorf kommt. Ursprünglich wollte ich die Geschichte in den Bergen ansiedeln, aber unten, in Landquart oder Martigny, in der Enge zwischen den steilen Wänden. Aber dann kam ich zufällig im Niederamt zwischen dem Solothurnischen und dem Aargau vorbei und sah diese Mischung aus Kühlturm, Lidl und Thaitempel, aus Wald und Ende der Agglo. Das hat sehr gut gepasst, dass die Enge dort entsteht, wo es eigentlich so offen und vielfältig ist. Wir haben mit den Schauspielern auch eine Zeit lang dort gewohnt – sie haben das gehasst, aber es war wichtig für sie, um ein Gefühl für diese Gegend zu bekommen und dafür, was es heisst, dort zu wohnen.

Das Atomkraftwerk in Gösgen hat sicher auch eine Rolle gespielt, als symbolträchtige Kulisse?
Genau, einerseits gibt es Energie, aber es ist auch sehr gefährlich. So ein Kernkraftwerk hat ja etwas Gestriges. Und auch wenn es ein sehr einfaches Bild ist: Den Ausschlag, dort zu drehen, hat schon auch der Kühlturm gegeben, der dort über allem thront – dieses phallische Symbol, das wie ein grosser Muskel oder wie ein grosser Schwanz in der Gegend steht.

Phallisch und gestrig.
Ja! (Lacht.)

Mit Ihrer Frau Lisa Brühlmann haben wir nicht übers Aussehen geredet, das holen wir jetzt mit Ihnen nach: Sie zeigen sich auch bei öffentlichen Auftritten gern im Unterleibchen …
Wirklich? (Lacht.) Ich habe extra eines mitgenommen für das Foto.

Ist das Ihre Performance als Arbeitersohn?
In einem Film, der mit Klischees spielt und in dem es auch um häusliche Gewalt geht, darf so ein Wife-Beater-Shirt natürlich nicht fehlen. Und wenn ich mich als Regisseur in die Figuren hineinlebe, probiere ich solche Sachen auch selber aus. Als Kleidungsstück ist dieses Shirt ja ein Klischee für die toxische Männlichkeit, die David im Film aufbaut. Andererseits ist es nicht nur negativ konnotiert, es ist auch eine Hommage an James Dean: Wenn man «On the Waterfront» schaut, steht es für einen verletzlichen jungen Mann, der Träume hat. Und es sieht auch einfach gut aus. Es ist sexy. Um den Film fertig zu schneiden, musste ich mir dann auch die Haare so kurz schneiden wie David – ich wäre sonst nicht weitergekommen. Das hat geholfen, diesen Zopf abzuschneiden.

Und wenn Sie in Locarno auf der Piazza Grande mit dem Baby im Arm auf die Bühne treten?
Das ist einfach meine Freude darüber, dass wir so eine Filmzirkusfamilie sind. Und der Stolz, beides geschafft zu haben. Klar ist es lustig, dass auf dem Filmplakat auch ein Mann mit Baby auf dem Arm zu sehen ist.

Dominik Lochers Film «Goliath» kommt am 30. November ins Kino. Nächste Woche treffen wir den Regisseur nochmals zusammen mit seiner Frau Lisa Brühlmann («Blue My Mind»).

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