Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Beim Schnaps aus Melonen sinnt er auf Rache

Ein bitterböser Western: Im neuen Film des Iraners Mohammad Rasoulof hat sich ein Regimekritiker ins Kleingewerbe zurückgezogen – und muss dann doch wieder gegen ein finsteres Männerbündnis kämpfen.

Von Lukas Foerster

Die eheliche Vertrautheit zwischen Reza und seiner Frau Hadis stellt im Film «A Man of Integrity» vielleicht den einzigen Hoffnungsschimmer dar. Still: The Match Factory

Spät erfahren wir, dass Reza (Reza Akhlaghirad) als politischer Aktivist in Teheran einst das herrschende Regime bekämpft und sich für die Rechte von Arbeitern eingesetzt hatte. Im Grunde hat er also, wenn der Film beginnt, seine grösste Niederlage schon hinter sich. Denn inzwischen hat er die Metropole verlassen, er hat den sozialen Kampf ums grosse Ganze aufgegeben und beschränkt sich seither auf den individuellen Kampf ums kleine (aber deswegen natürlich nicht nebensächliche) Glück. Im Norden des Iran, fernab der grossen Städte, hat er sich eine eigene Welt aufgebaut.

Mit seiner Frau Hadis (Soudabeh Beizaee) und dem gemeinsamen Sohn wohnt er in einem zweistöckigen Haus, das isoliert und stolz in der Landschaft steht. Im Teich, in dem sich das Haus spiegelt, züchten Reza und Hadis Fische. Der politische Aktivist hat sich also in einen Kleinunternehmer verwandelt – in der Hoffnung, dadurch immerhin das bleiben zu können, was der Filmtitel in Aussicht stellt: «A Man of Integrity». Für Reza heisst Integrität vor allem, dass er sich möglichst aus dem korrupten Beziehungsgeflecht heraushalten will, das sich um ihn herum ausbreitet. Als ein mysteriöses Unternehmen sich anschickt, ihn mit unlauteren Mitteln von seinem Grundstück zu vertreiben, versucht er erst, das Problem auf legalem Weg zu lösen. Da er sich aber weigert, der schwerfälligen Bürokratie per Schmiergeld auf die Sprünge zu helfen, kommt er so nicht weit.

Verhaftet und verboten

Eine Satire auf das dysfunktionale politische System im Iran ist «A Man of Integrity» allerdings höchstens zu Beginn. Zwar hält Mohammad Rasoulof – der im Jahr 2010 gemeinsam mit seinem Kollegen Jafar Panahi verhaftet wurde und dessen Filme in seiner Heimat regelmässig verboten werden – mit seiner Haltung zur Islamischen Republik Iran nicht hinterm Berg. Besonders deutlich wird das in einer Nebenhandlung, die mit grausamer Beiläufigkeit schildert, wie eine nichtmuslimische Familie in Rezas Wohnort ins Unglück gestürzt wird. Reza allerdings erkennt schnell, dass seine eigentlichen Gegenspieler nicht in den Amtsstuben sitzen. Hinter der trägen Behördenwillkür kommen andere, ältere, feudale Machtstrukturen zum Vorschein.

Diese verwandeln schliesslich auch den Film selbst, der sich in kalten, souverän konstruierten, grünbraun eingefärbten Bildern mit gut geölter erzählerischer Präzision entfaltet. Es geht um einen einsamen, finster dreinblickenden Kämpfer, der die eigene Scholle verteidigen muss und der deshalb den Kampf gegen ein böswilliges, undurchsichtiges Männerbündnis aufnimmt. Und es geht auch darum, dass sich dieser einsame Kämpfer, will er dabei nicht untergehen, Integrität nicht leisten kann und sich deshalb zwangsläufig seinen Feinden angleichen muss. Kurzum: Im Kern ist «A Man of Integrity» die iranische Version eines Westerns. Und zwar eines der nihilistischen, fast schon apokalyptischen Sorte, mehr Sergio Leone als John Ford.

Ein iranischer Eastwood

Ist man erst einmal auf diesen Gedanken gekommen, sieht der schmalgesichtige Hauptdarsteller Reza Akhlaghirad dem jungen Clint Eastwood gar nicht mal so unähnlich. Dann erkennt man auch, dass Rezas Integrität, sein gerechter und in jeder Hinsicht gerechtfertigter Zorn wider die schmierigen Kleinstadtbeamten und die tumben Schergen seines Gegenspielers Abbas (Misagh Zare Zeinab) von Anfang an eine düstere Kehrseite hat. Diese manifestiert sich in einer paranoiden Selbsteinschliessung: Mehrmals zeigt der Film, wie sich der Fischzüchter allein in eine Höhle zurückzieht, die eine Art natürlichen Swimmingpool beherbergt. Da liegt er dann nackt im dunkel schimmernden Wasser, trinkt selbstgebrannten Melonenschnaps und sinnt auf Rache.

Nicht nur in diesen Szenen wird deutlich: Was im iranischen Western wegfällt, ist die Weite des Horizonts. Die Breite des Cinemascope-Bilds öffnet nicht den Blick, sondern bringt immer neue Hindernisse zum Vorschein. Hier reitet niemand mit selbstbewusstem Blick übers freie Land. Die entscheidenden Szenen spielen sich in abgedunkelten Innenräumen ab oder in Autos. Das ist ohnehin ein häufig wiederkehrendes Motiv im iranischen Kino: Das Auto ist nicht nur ein Bewegungsmittel, sondern ein sozialer Raum. In manchen Filmen, etwa in Panahis «Taxi» oder in Abbas Kiarostamis «Ten», wird es sogar zum Ort einer sozialen Utopie.

Rasoulofs Film ist da viel weniger optimistisch. Hier ist das Auto in erster Linie ein Panzer, mit dem man sich den Rest der Welt vom Leib hält. «A Man of Integrity» ist bei alldem ein harter Film, der sich keine Illusionen macht, aber kein zynischer. Und zwar, weil er die Figuren nicht an die Geschichte verrät. Das zeigt sich vor allem in den schönen Szenen, die der Beziehung von Reza und Hadis gewidmet sind. Rasoulof genügen hier einige wenige Blickwechsel und Gesten, um eine Geschichte der Intimität und des Begehrens zu evozieren. Die eheliche Vertrautheit stellt vielleicht den einzigen Hoffnungsschimmer im Film dar: Nur hier besteht Aussicht auf so etwas Ähnliches wie Integrität.

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