Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Was kommt nach dem Ausmisten?

Kampf um die Worte: Was die Politik von der Lyrik lernen sollte. Und warum uns ein bewegtes Bild noch immer nicht mehr sagt als tausend Worte.

Von Stefan Howald

«Mission accomplished», Mission erfüllt, verkündete US-Präsident Donald Trump auf Twitter, nachdem er illegal ein paar Raketen auf Syrien hatte abfeuern lassen. Es ist eine schlagkräftige Sentenz. Ein zweisilbiger energischer Auftakt mit spitzem Vokal wird in einen Dreisilber weitergezogen und endet mit einem zischenden Binnenreim. Die Wörter sind mit Religion und Kommerz assoziiert, sind positiv, leistungsbezogen, prahlerisch: typischer Trump.

Die berühmteste politische Maxime der letzten Jahre ist Angela Merkels «Wir schaffen das!», gesprochen auf dem Höhepunkt der «Flüchtlingskrise» 2015. Ein zweisilbiges Verb eingerahmt von zwei einsilbigen Wörtern. Wiederum ein Binnenreim, mit einem hellen, freundlichen Vokal. «Wir» als selbstbewusstes Subjekt, das Verb appelliert an Stolz und Tüchtigkeit, an deutsche (und auch schweizerische) Sekundärtugenden und lässt das sieghafte «Yes, we can» von Barack Obama anklingen.

Doch Maximen sind kontextabhängig, und sie müssen sich bei aller rhetorischen Kraft zuweilen an der Realität messen. In Angela Merkels Sentenz wurde das «Wir» bald als fragile Konstruktion sichtbar, auch von links als paternalistisch, ja, undemokratisch kritisiert, zumindest aber als forciert entlarvt. Moralisch ist die Maxime immer noch eine Verteidigung wert, aber rhetorisch ist sie längst höhnisch oder satirisch zerfetzt. Trump seinerseits hat seinen Spruch bei George W. Bush geklaut, der im Mai 2003 die US-Intervention im Irak gefeiert hatte, worauf weitere fünfzehn Jahre blutiger Krieg folgten. Aber solche Geschichte kann den jetzigen US-Präsidenten nicht anfechten. Dessen Tweets leben nur im und vom Moment. Was kümmert ihn sein Getwitter von vorgestern?

Die private Beichte wird öffentlich

Der Aufstieg von Tweets zum Kommunikationsmittel der Weltpolitik ist bemerkenswert. Twitter ist ein schriftliches Medium, das von der Mündlichkeit zehrt. Als Zwitter will es nicht recht in die grosse medienhistorische Entwicklung passen. 1962 hatte Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis, den Niedergang des Buchzeitalters verkündigt. Vorrangig beschrieb er das Aufkommen neuer Speichermedien, doch implizit war auch die Zurückdrängung der Schrift durch die Visualisierung gemeint. Tatsächlich scheinen wir in vielem eine visuelle Gesellschaft. Aber trotz Fernsehen und Video und Facebook-Foodporn ist das Reden wichtig geblieben. Ja, die Medialisierung hat, unerwartet, zugleich die mündliche Rede aufgewertet. Oder umgekehrt: Die Flut von Bildern hat nicht zu einer verbesserten Fähigkeit geführt, Bilder zu lesen.

Radionachrichten sind weiterhin inhaltsreicher als Fernsehnachrichten. Auf den Newskanälen, auch im Internet, muss pausenlos geredet werden, um die Leere der ständig wechselnden Bilder zu übertünchen. Youtube funktioniert häufig nur mit «talking heads»; gleich nach den Tiervideos kommen als erfolgreichstes Genre Beratungsvideos, in denen jemand wortreich erklärt, wie man sich schminkt oder wie man Poker spielt oder wie man erfolgreiche Beratungsvideos dreht.

Auch auf dem politischen Markt entzünden sich Auseinandersetzungen zumeist nicht an Reportagen, sondern an der «Arena» oder am «Club» oder an «Anne Will». Die Late-Night-Talkshows sind vor einigen Jahren als neues Medium der politischen Berichterstattung gehypt worden; Viel- und SchnellrednerInnen haben einen Marktvorteil und machen daraus eine Karriere.

Dazu kommen die inszenierten Abbitten für begangene Sünden. Die schriftliche Entschuldigung reicht nicht, es braucht den direkten Auftritt. Die private Beichte ist öffentlich geworden. Handys haben die Schamgrenze privaten Redens generell verschoben. SMS waren die erste Form verschriftlichter Mündlichkeit. Twitter hat dies in die Öffentlichkeit verlegt.

Tweets sind schnell und kurz: Wer könnte dem widerstehen? Dagegen hat Florian Bissig in der «Schweiz am Wochenende» ein Plädoyer für Gedichte gehalten, als Oase der Mehrdeutigkeit, Komplexität und Bedachtsamkeit. Aber die von ihm favorisierte anspruchsvolle schriftliche Lyrik ist nur die eine historische Entwicklungsform. Die andere kommt vom öffentlichen Vortrag her, vom mündlichen Epos, vom Lied. Daran haben Poetry-Slam und Spoken Word wieder angeknüpft, als Sprechakt und Performance. In deren Erfolg äussert sich der Wunsch nach Spontaneität und Authentizität, die Sehnsucht nach dem Echten, zugleich nach Emotionalität. Aber das ist erarbeitet, mit rhetorischen Mitteln wie Hyperbel, Metapher und Wiederholung oder mit lyrischen: Vers-Takt, Reim. Noch jeder Rap macht sich einen Ehrgeiz daraus, «chick» auf «bitch» zu reimen.

Die politische Rechte hat diese Mittel im Kampf um die Worte bislang besser eingesetzt. Vollzieht sich hier eine Wende? Gegenwärtig lautet das Schlüsselwort der SVP «Ausmisten». Christoph Blocher hat sich laut «NZZ am Sonntag» empört darüber gezeigt, dass die SVP Zürich ihren ursprünglichen Wahlslogan «Saustall Stadtrat ausmisten!» aus Rücksicht auf den Wahlpartner FDP zurückgezogen hat. Die SVP Schweiz macht ihre Website mit einer etwas dezenteren Schlagzeile auf: «Aufdecken, Anpacken und Ausmisten: Damit die Schweiz Schweiz bleibt». Das ist ein triumphierender Stabreim. Dabei bricht die Reihenfolge an einer symptomatischen Stelle ab. Denn was kommt für richtige BäuerInnen nach dem Ausmisten? Einstreuen und Füttern. In den Ställen der SVP würden hingegen alle Tiere verenden. Kein Wunder, kommt sie kaum in Exekutiven oder fliegt aus solchen raus, in denen sie drin war.

Was bietet dagegen die SP an? «Für alle statt für wenige» verspricht sie mit einer restriktiven Konjunktion. Bei der britischen Labour Party heisst das ein wenig präziser «For the many, not the few». Die SP will, weniger entschieden, niemanden ausschliessen, zudem endet ihre Version rhetorisch zu lange beim Negativen, während doch, wie im Englischen, die vielen die wenigen in den Schatten stellen sollten.

Die Qualität des Puddings

Kürzlich ertönte in Bern der Demoslogan «Schweizer Waffen, Schweizer Geld / morden mit in aller Welt». Das ist ein beinahe klassischer trochäischer Vierheber, früher «anakreontischer Vers» genannt, nur ein bisschen geschwächt durch einen unreinen Endreim. Honorig und inhaltlich nicht unrichtig, aber es setzt voraus, dass das adjektivische «Schweizer» genügend negativ verstanden wird und «alle Welt» genügend positiv konnotiert ist.

Auf die Emotionalisierung der Politik muss von links mit der Präzisierung der Emotionalisierung geantwortet werden. Das heisst, Diskurse zu analysieren auf ihre rhetorischen Mittel, aber auch auf jene Mechanismen, die Sigmund Freud in seiner Traumanalyse eingeführt hatte: Verschiebung, Symptome, Kettenbildungen – was also hinter Bildern und Argumenten steckt und wie Argumentationen gebaut werden. Letztlich zeigt sich die Qualität des Puddings beim Essen und die Wirksamkeit der Rhetorik anhand ihrer Plausibilität für handfeste Probleme.

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