Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

«Der Horror des Kriegs liegt im Gesamtbild»

Der Mediziner und anarchistische Aktivist Michael Wilk hat die Kämpfe der KurdInnen in Nordsyrien hautnah erlebt. Im Interview berichtet er von seinen Erlebnissen an der Front.

Interview: Ruhat Cicek

Michael Wilk, Aktivist und Arzt. Foto: Reinhard Berg

WOZ: Herr Wilk, Sie sind in den vergangenen Jahren oft nach Rojava, der kurdischen Enklave im Norden Syriens, gereist. Was war Ihre Motivation?
Michael Wilk: Es ging mir so wie vielen anderen auch: 2014 war der sogenannte Islamische Staat (IS) unglaublich auf dem Vormarsch. Kobane wurde dann von Kämpferinnen und Kämpfern der Volksverteidigungseinheiten befreit. Die Bilder in den Medien waren so eindrucksvoll, dass ich mich als politischer Mensch, der immer schon emanzipative Bewegungen unterstützt hat, aber auch einfach als Notarzt entscheiden musste: Bleibe ich hier in Deutschland, oder helfe ich vor Ort? Ich habe mich dann entschieden, die Menschen vor Ort zu unterstützen.

Was haben Sie in Rojava erlebt?
2014 war ich zum ersten Mal dort. Der IS kontrollierte damals ein grosses Gebiet, entsprechend schwierig waren die Bedingungen. Man kam nur über den Nordirak und den Tigris mit dem Boot nach Sere Kaniye. Ich fing dort an, als Notarzt mit dem Kurdischen Roten Halbmond zu arbeiten. Später war ich auch an den Fronten in Manbidsch und Rakka, wo es heftige Gefechte zwischen den Volksverteidigungseinheiten und dem IS gab. Dort sah ich alles, was ein Krieg zeigt: Schwerverletzte, Sterbende, von Minen zerfetzte Menschen. Und auch Menschen mit amputierten Gliedmassen oder solche, denen Körperteile amputiert werden mussten.

Wie muss man sich Ihren Tagesablauf dort vorstellen?
Es gab keinen geregelten Tagesablauf: Man musste 24 Stunden bereit sein, hatte keine Pause – ausser wenn man Glück hatte und es keine neuen Verletzten gab. Wir Ärzte und Helfer schliefen und arbeiteten im selben Gebäude. Arbeitet man direkt hinter der Front, ist es noch einmal anders: Dort konntest du jeden Moment mit dem Tod konfrontiert werden. Der kurdisch-britische Journalist Mehmet Aksoy wurde durch ein Selbstmordkommando ermordet – es waren IS-Leute, die sich als kurdische Kämpfer verkleidet hatten –, an derselben Stelle, an der ich noch einen Tag zuvor gearbeitet hatte.

Wie sah Ihre Arbeit konkret aus?
Ich schulte Einsatzhelfer in Notfallmedizin und versorgte Verletzte – sowohl solche aus der Zivilbevölkerung als auch angeschossene Kämpferinnen und Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten. Wir versorgten auch verletzte IS-Kämpfer. Das ist eine humanitäre Pflicht.

Wie beschafften Sie die notwendigen Medikamente?
Das war sehr schwierig: Rojava leidet immer noch unter dem türkischen Embargo. Es fehlte manchmal an Narkotika, Insulin und Muskelrelaxanzien für die Kranken und Verletzten. Das war katastrophal, schliesslich reden wir hier von mehreren Millionen Menschen, die ausserdem noch andere Medikamente benötigten.

Was haben Sie gemacht, wenn keine Medikamente mehr da waren?
Dann musste improvisiert werden. An Bedürftige, die von Stadtteilkomitees ermittelt werden, werden ja die Medikamente gratis ausgegeben. Gibt es keine, leiden die Menschen Not. Manche Medikamente oder Ersatzteile mussten geschmuggelt werden. In Derik etwa waren zwei von sechs Dialysemaschinen kaputt. Ich nahm dann mit einer deutschen Firma Kontakt auf; es dauerte fast ein Jahr, bis ich an die Ersatzteile kam. Wegen des Embargos war es kompliziert, die Teile nach Rojava zu schaffen. Ich brachte sie schliesslich über die Türkei dorthin.

Haben Sie auch Opfer von Giftgasanschlägen behandelt?
Ich habe keine Giftgasopfer zu Gesicht bekommen. Wir hatten uns allerdings darauf vorbereitet, dass es einen Giftgasangriff geben könnte. Unsere Befürchtung war, dass der IS über chemische Waffen verfügen könnte.

Gab es Momente, in denen Sie sich hilflos gefühlt haben?
Für mich gab es einen solchen Moment bei meiner letzten Reise nach Afrin, als ich über das Sindschargebirge kam: Damals kamen uns Tausende entgegen, die aus Afrin geflohen waren. Beim Kampf gegen den IS war die Lage noch insofern eine andere, als international Einigkeit über die Verbrechen des IS herrschte; dieses Mal aber wurde die Bevölkerung von einem Nato-Land angegriffen, und das mit der Duldung Russlands. Ich habe Tausende auf der Flucht gesehen, ihre Ratlosigkeit und Angst. Das hat mich mehr und anders belastet. Als Arzt konnte ich helfen oder es wenigstens versuchen, aber in dieser Situation war ich voller Wut über den politischen Hintergrund.

Wie sind Sie mit belastenden Situationen umgegangen?
Man muss Methoden entwickeln, um in Stressmomenten handlungsfähig zu bleiben. Man darf nicht einfach alles runterschlucken, sondern muss darüber reden. Aber natürlich: Manches ist kaum zu ertragen. Einmal, in Rakka, kam ein Lastwagen zu unserer Station gefahren, dessen Ladefläche mit einer Plane bedeckt war. Als ich darunterschaute, lag dort eine tote Mutter mit ihren drei toten Kindern.

War das für Sie der schlimmste Moment, den Sie in Rojava erlebten?
Es gibt nicht den einen Moment, der der schlimmste wäre. Es sind die vielen einzelnen Facetten, die ein grosses Bild ergeben; und in diesem Gesamtbild liegt der Horror.

In Deutschland betätigten Sie sich lange als Umweltaktivist und Anarchist, zum Beispiel bei den Protesten gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Waren Sie da auch mit Gewalt konfrontiert?
(Lacht.) Mir ist einmal die Nase gebrochen worden, an der Startbahn West am Flughafen Frankfurt. Aber das war nicht so schlimm. Zuvor als Atomkraftgegner hatte ich auch schon viel Gewalt erlebt. Und später bei einer antifaschistischen Demo wurde der Aktivist Günter Sare von einem Wasserwerfer der Polizei überrollt. Er starb mir unter den Händen weg.

Sind Sie immer noch politisch aktiv oder nur noch als Arzt?
Für mich sind das Private und das Politische keine Gegensätze. Ich finde, jeder Beruf, jede Art, zu leben, hat eine politische Dimension. Das trenne ich nicht.

Was fasziniert Sie als Anarchist am politischen System in Rojava?
Es gibt gemeinsame Punkte, beispielsweise die Selbstverwaltung, die nicht nur aus Kurden, sondern auch aus Araberinnen oder Assyrern besteht. Das Modell Rojava bemüht sich um Basisdemokratie und Emanzipation. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist real, und man begegnet ihr überall. Die Frauen treten selbstbewusst auf. Ich denke, Rojava wäre ein Modell für viele Länder, nicht nur für Syrien oder den Nahen Osten.

Michael Wilk ist Arzt, Psychotherapeut, Autor und Umweltaktivist. Seit 2014 war der Deutsche mehrmals für Hilfseinsätze in Rojava im Norden Syriens, zuletzt mit einem Hilfskonvoi des Kurdischen Roten Halbmonds, um die aus Afrin Geflüchteten zu versorgen.