Nr. 22/2018 vom 31.05.2018

Das Rohr zuhalten? Den Hahn zudrehen!

Warum nicht Öl, Gas und Kohle einfach verbieten? Der ehemalige WOZ-Redaktor Marcel Hänggi plant eine Volksinitiative mit diesem Ziel. Warum er diesen radikalen Weg für sinnvoll hält, erläutert er in seinem neuen Buch.

Von Bettina Dyttrich

Wird das Benzin verboten, hat sichs wohl ausgerutscht für TouristInnen aus fernen Ländern. Dafür überlebt vielleicht der Gletscher bei Les Diablerets. Foto: Denis Balibouse, Reuters

Christine Hofmann, die stellvertretende Direktorin des Bundesamts für Umwelt, hat das Pariser Klimaabkommen verstanden. «Die Staatengemeinschaft hat am 12. Dezember 2015 Ja gesagt zu einer Welt, die das Zeitalter der fossilen Energieträger hinter sich lässt», schreibt sie im Vorwort einer neuen Broschüre über die Schweizer Klimapolitik. (Der Rest der Broschüre zeigt vor allem: Was die Schweiz bisher dafür tut, reicht nirgends hin.)

Die Umweltkommission des Nationalrats hingegen hat das Pariser Abkommen nicht begriffen. Vorletzte Woche hat sie mit der Detailberatung des neuen CO2-Gesetzes begonnen. Die Kommission unterstützt den ungenügenden Plan des Bundesrats: 2030 sollen die Schweizer Treibhausgasemissionen halb so hoch sein wie 1990. Aber vierzig Prozent dieser Einsparungen darf die Schweiz machen, indem sie Klimaschutzprojekte im Ausland finanziert. Wer auf solche Projekte setzt, ignoriert die Beschlüsse von Paris: In einer «Welt, die das Zeitalter der fossilen Energieträger hinter sich lässt», gibt es kein Ausland mehr. Alle müssen auf null reduzieren, und zwar so schnell wie möglich.

CO2 endlagern klappt nicht

Viele kluge Leute haben sich schon den Kopf darüber zerbrochen, wie sich der Treibhausgasausstoss reduzieren liesse: mit effizienter Technik, Lenkungsabgaben, Emissionshandel. Besonders bei Letzterem sind unglaublich komplizierte Regelwerke entstanden – viel gebracht haben sie nicht. Der Wissenschaftsjournalist und ehemalige WOZ-Redaktor Marcel Hänggi setzt dem einen radikal einfachen Vorschlag entgegen: Öl, Gas und Kohle gehören verboten. Mit einem Vergleich gesprochen, den Hänggi gerne braucht: Wer will, dass kein Wasser mehr aus einem Brunnenrohr fliesst, sollte nicht versuchen, das Rohr zuzuhalten, sondern den Hahn zudrehen.

Im März hat Hänggi die sogenannte Gletscherschutzinitiative vorgestellt. Offiziell lanciert ist sie noch nicht, doch WWF, Greenpeace, die Klimaseniorinnen und andere haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. «Spätestens Ende 2050 darf kein fossiler Kohlenstoff in Verkehr gebracht werden» – so lautet der Kernsatz der Volksinitiative. Mit der Formulierung «in Verkehr gebracht» wäre sichergestellt, dass die Schweiz nicht nur weder Öl noch Gas noch Kohle importiert, sondern auch nicht ihre (sehr bescheidenen) Vorräte im eigenen Boden abbaut. In seinem neuen Buch «Null Öl. Null Gas. Null Kohle» stellt Hänggi die Initiative vor und gibt ausserdem einen gut lesbaren Überblick über den aktuellen Stand der Klimapolitik.

Technikgläubige werden am Buch keine Freude haben. Erneuerbare Energien fördern? Das genügt nicht – solange fossile Energieträger nicht verschwinden, tragen die Erneuerbaren einfach zu einem grösseren Angebot bei. Technische Effizienzgewinne? Sie haben oft gegenteilige Folgen: Wer ein sparsames Auto kauft, hat ein gutes Gewissen und fährt mehr; wenn viele Leute Benzin sparen, sinkt die Nachfrage, dadurch wird das Benzin billiger, was die Nachfrage wieder ankurbelt. «Wer sich effizienter in die falsche Richtung bewegt, kann dies länger tun, bevor er umkehren muss.» CO2 aus der Luft entfernen? Das ist im grossen Stil kaum machbar: Es braucht viel Energie, der Transport der enorm voluminösen Abgase in Tanks würde eine Infrastruktur «in der Grössenordnung der heutigen Mineralölindustrie» benötigen, und vor allem ist eine sichere Endlagerung des CO2 kaum möglich, denn unterirdische Hohlräume sind selten wirklich dicht. Und auch eine unter Biolandbaufans beliebte Technik wird das Klima nicht retten: Den Humusaufbau, also das Binden von Kohlenstoff im Boden, beurteilt Hänggi zwar als wichtig – aber er wird nie genügen, um die Treibhausgase aus der Verbrennung von Kohle und Öl zu neutralisieren.

Was ist mit den Armen?

Es ist eine Stärke von Marcel Hänggi, dass er über die naturwissenschaftlichen und technischen Fakten bestens Bescheid weiss, dabei aber die gesellschaftspolitische Dimension, etwa Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen, selten ausser Acht lässt: «Klimapolitik ist (…) Machtpolitik, und eine intelligente Klimapolitik wäre eine, die machtausgleichend wirkt – wäre Demokratiepolitik.»

Hänggi betont immer wieder, sein Vorschlag sei liberal. Das wirkt etwas angestrengt – die historischen Liberalen, die sich gegen die traditionellen Obrigkeiten auflehnten und auf die sich viele Linke gern berufen, hatten die Grenzen des Wachstums schlicht noch nicht im Blick. Und die meisten heutigen Liberalen werden den Annäherungsversuch entsetzt von sich weisen: Die Gletscherschutzinitiative ist und bleibt ein tiefgreifender regulierender Eingriff.

Die Diskussion wäre müssig, wenn sie Hänggi nicht dazu verleiten würde, plötzlich selber marktradikal zu argumentieren: Eine freiheitliche Energiepolitik dürfe zwar fossile Energieträger verbieten, überlasse es aber «dem Markt, was mit dem verkleinerten Energieangebot geschehen soll». Das ist fahrlässig: Eine sorgfältige begleitende Sozialpolitik, die verhindert, dass die Armen unter die Räder kommen, ist beim Ausstieg aus der fossilen Energie unabdingbar.

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