Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Wie Nikolai Nischtscheret nach Reinach kam

Über tausend Deserteure eines russischen Expeditionskorps in Frankreich flohen im Frühjahr 1918 in die Schweiz. Ihr Aufenthalt vor hundert Jahren war geprägt von bürgerlicher Revolutionshysterie und wachsenden sozialen Spannungen am Ende des Ersten Weltkriegs.

Von Thomas Bürgisser

Schwere Arbeit für die «verhetzten, renitenten Elemente»: Ein «Russendetachement» 1918 beim Ausheben des Surbkanals im zürcherischen Niederweningen. Foto: Firmenarchiv der Bucher-Guyer Ag, Niederweningen

Etwas vom Letzten, was Nikolai Nischtscheret von der Schweiz sah, war der Lauf eines Maschinengewehrs. Eine Kompanie Schweizer Soldaten sorgte dafür, dass unter den am Grenzbahnhof Schaffhausen versammelten Russen keine «Complotte und Streiks» entstünden. Zusammen mit fast tausend Kameraden trat Nischtscheret am 29. Juni 1918 in einem Repatriierungszug die weite Rückreise in seine Heimat an. Welches Schicksal ihn im revolutionären Russland erwartete, ist unbekannt. Stattdessen soll hier erzählt werden, wie es ihn auf seiner Odyssee nach Reinach im Aargauer Wynental verschlagen hatte.

Viel wissen wir nicht über Nikolai Nischtscheret. Geboren wurde er 1886 wohl als einfacher Bauernsohn in der Nähe von Moskau, wo er im November 1915 als Soldat für die Zarenarmee rekrutiert wurde. Er wurde einer besonderen Einheit zugeteilt: einem 40 000 Mann starken russischen Expeditionskorps, das für den Einsatz an der Westfront vorgesehen war. Nach zweimonatiger Ausbildung wurde seine Brigade mit der Eisenbahn quer durch das Russische Reich, die Mongolei und die Mandschurei zum ostchinesischen Pazifikhafen Dairen transportiert. Von dort ging es zu Schiff über Saigon, Singapur, Colombo, Dschibuti und Suez bis nach Marseille. Frenetisch feierte man in Frankreich die Ankunft der russischen Verbündeten.

Enormer Blutzoll

Die Beteiligung an den alliierten Offensiven an der Somme und in der «Knochenmühle» von Verdun forderte in den Reihen des Expeditionskorps einen enormen Blutzoll. Nach dem verheerenden Misserfolg der verlustreichen Nivelle-Offensive im Frühjahr 1917 hatten die Russen endgültig die Schnauze voll vom Krieg, den sie nicht als den ihren ansahen, sondern als einen der feinen Herren. Mit der Februarrevolution hatte der Zar abgedankt. Die provisorische Regierung in Petrograd hatte sich zwar für eine Weiterführung des Krieges ausgesprochen. Die radikale Reform des Wehrwesens hatte die rechtlosen «Muschiks» allerdings zu mündigen Bürgern in Uniform erklärt. Zunehmend selbstbewusst forderten sie ihre neu erworbenen Rechte ein. Und schliesslich trat ein Grossteil von Nischtscherets Brigade, ebenso wie Zehntausende ihrer französischen Kameraden, in den «Schützengrabenstreik».

Der «Meuterei» der 1. Russischen Sonderbrigade begegneten die Offiziere mit beispielloser Härte. Die Garnison in La Courtine im Zentralmassiv wurde von loyalistischen Truppen umzingelt und während Tagen mit Artillerie beschossen, bis den Meuterern nur die Kapitulation blieb. Das Expeditionskorps wurde aufgelöst, in Arbeitskompanien eingeteilt und zum Strassenbau nach Marokko verschifft. Nischtscheret und seine Kameraden hatten Glück: Sie wurden zu Forstarbeiten bei Pontarlier im französischen Jura abkommandiert. Die neutrale Schweiz war nur wenige Kilometer entfernt. Zu Hunderten flohen sie ab Januar 1918 über die Grenze.

Über eine Genfer Arbeiterzeitung wandten sich die Flüchtlinge an die Schweizer Öffentlichkeit. Sie äusserten sich empört über ihre Behandlung in Frankreich, für das Tausende von ihnen auf dem Schlachtfeld ihr Leben gelassen hatten. Von ihren Offizieren, die sich weigerten, die Resolutionen der neuen Räteregierung unter Lenins Partei der Bolschewiki umzusetzen, fühlten sie sich verraten. Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 war Sowjetrussland offiziell aus dem Weltkrieg ausgeschieden. Die ehemaligen Soldaten verstanden sich weder als Meuterer noch als Deserteure. Sie erhofften sich, in der demokratischen Schweiz, wo kein Krieg herrschte, als freie Bürger einer freien Republik behandelt zu werden.

Für die Schweizer Militärs war der «Zulauf» aus Frankreich «jedenfalls äusserst unangenehm». Für Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg handelte es sich bei den Russen «um revolutionär verhetzte Leute, die wir nicht ohne Weiteres bei uns frei herumlaufen lassen können». Rundum wütete noch der Weltkrieg. An eine Heimführung der russischen Flüchtlinge war zunächst nicht zu denken. Stattdessen wurden sie in Lagern interniert und in Gruppen – wie in Frankreich unter militärischem Kommando – zu «Arbeitseinsätzen im öffentlichen Interesse» gepresst. Hunderte Russen beteiligten sich in den folgenden Monaten über das ganze Land verteilt an der Urbarmachung von Sumpfgebieten, an der Torfausbeutung, landwirtschaftlichen Arbeiten oder am Kraftwerkbau.

Nikolai Nischtscheret verschlug es mit rund drei Dutzend Schicksalsgenossen ins Obere Wynental. Im Oktober 1914 hatte der Kanton Aargau begonnen, den Lauf der Wyna zwischen Reinach, Leimbach, Gontenschwil und Zetzwil neu zu gestalten und so die landwirtschaftlich nutzbare Anbaufläche zu erhöhen. Die schweren Erdarbeiten waren wenig beliebt. Einheimische Arbeitskräfte im «Stumpenland» wurden während der Kriegszeit von den florierenden Industriebetrieben absorbiert. Lange stand das Projekt auf der Kippe. «Sozusagen als letzte Rettung», schrieb der leitende Ingenieur Christian Riffel in seinem Schlussbericht 1918, «kam dann Ende März ein Russen-Flüchtlings-Detachement.»

Misstrauische Bevölkerung

Der mehrwöchige Aufenthalt der «Bolschewiki-Freunde», wie Riffel sie nannte, hinterliess in Reinach nachhaltigen Eindruck. Bis in die 1950er Jahre, so Dorfchronist Peter Steiner, wurde der Weg entlang des alten Wynabetts, wo sie arbeiteten, «Russenstrasse» genannt. Laut Riffel war es ihr Verdienst, dass bis im Sommer die Hauptarbeit an der Wynakorrektur beendigt werden konnte – «wenn auch gelegentlich zugereiste Hetzapostel unsere Russen-Colonie von der Arbeit abzuhalten suchten». Dennoch bestand bei der Dorfbevölkerung von Beginn an Misstrauen gegenüber den Russen. Die lokale Presse apostrophierte Nischtscheret und seine Kameraden als «Halbasiaten», «üble Gesellschaft» und «renitente Elemente».

Aufgeladene Stimmung

Zum Eklat kam es, als Mitte Juni Ernst Bahne in Reinach auftauchte – auf ihn war Riffels «Hetzapostel» gemünzt. Bahne war Militärattaché der kürzlich in Bern eingetroffenen Sowjetmission. Der Bundesrat erhoffte sich durch die Zulassung der sowjetischen Diplomaten – vergeblich – einen Vorteil bei den Verhandlungen über die Enteignung Zehntausender RusslandschweizerInnen. Am 11. November 1918 würde die Sowjetmission schliesslich unter dem Vorwurf, mit ihrer «revolutionären Propaganda» den Ausbruch des unmittelbar bevorstehenden Landesstreiks zu verantworten, in corpore aus der Schweiz ausgewiesen werden. Zwar sollte sich dies als haltlose Unterstellung erweisen. Im Zuge der nachträglich angeordneten «Bolschewiki- Untersuchung» forderte die Bundesanwaltschaft jedoch auch Auskünfte über den Aufenthalt Bahnes in Reinach.

Im Telegrafenbüro konnte man sich noch gut an das «nervös-aufgeregte, unruhvolle Benehmen des ca. 30–35 jährigen, stämmigen, elegant gekleideten Mannes mit rotem, aufgedunsenen Gesichte» erinnern, der am Schalter seine Rechnung mit einer Tausendfrankennote begleichen wollte. Bahne tauchte unangemeldet im Kantonnement, der Truppenunterkunft, auf. Departementschef Eugen Ramseyer, der in Riga aufgewachsen war und fliessend Russisch sprach, untersagte ihm «barsch» jeden Kontakt zu den Leuten. Am nächsten Morgen erschienen jedoch die Russen geschlossen nicht zur Arbeit. Bahne verkündete, er wolle mit ihnen frische Kleider und gutes Schuhwerk einkaufen gehen. Als Ramseyer ihm mit der Polizei drohte, zog er sich zurück. Nischtscheret fungierte als Kontaktmann zu Bahne. Am Folgetag reiste er nach Bern, um an einem Delegiertenkongress aller Russendetachements teilzunehmen.

Die russischen Militärflüchtlinge waren oft körperlich geschwächt oder chronisch krank und beklagten die Schwere der Arbeit, die ungenügende Ausrüstung und mangelhafte Verpflegung. Aufgrund ihrer Erfahrungen in Frankreich reagierten sie auf Anfeindungen und Repressionsmassnahmen der Behörden mit Widerstandswillen und Eigensinn. Auch wenn es vielerorts zu extremeren Konflikten kam als in Reinach, wirken die Arbeitsniederlegungen insgesamt harmlos (vgl. «Der Streik der Russen» im Anschluss an diesen Text). Gerade deshalb zeigt die Reaktion der Behörden exemplarisch, wie aufgeladen die Stimmung in der Schweiz im Vorfeld des Landesstreiks war. Die Geflüchteten wurden nicht nur mit geläufigen kulturellen Missverständnissen konfrontiert, sondern auch mit einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit sowie der Revolutionshysterie von Bürgertum und Behörden.

Die einfachen russischen Bauernsoldaten wie Nischtscheret, die nach Jahren des Kriegs sehnlichst ihrer Heimkehr harrten, befanden sich mitten im Spannungsfeld der weltpolitischen Umbrüche ihrer Zeit. Als «Fremde» und «verhetzte Elemente» verkörperten sie geradezu die diffusen Ängste, die von den revolutionären Impulsen aus Russland und der klassenkämpferischen Rhetorik von Sozialdemokratie und Gewerkschaften in der Schweiz befeuert wurden. Gleichwohl kam es auch zu freundschaftlichen Kontakten. So entsandte Nischtscherets Russendetachement kurz vor Abreise aus Schaffhausen – unter den Gewehrläufen der Armee – der Einwohnerschaft von Reinach und Menziken per Telegramm ein «herzliches Lebewohl».

Der «Russenabtransport» verlief ruhig an jenem 29. Juni 1918; die Feuerkraft der Ordnungstruppen wurde nicht auf die Probe gestellt. «Die meiste Aufmerksamkeit», so der Bericht des Grenzkommandos, «erforderte die Aufrechterhaltung des Rauchverbots im Kantonnement.»

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