Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Kult um Familie und Vaterland

Auch in der Schweiz ist das katholische Lager gespalten. Am rechten Rand gibt es fragwürdige Verbindungen.

Von Franz-Xaver Hiestand

Illustration: Franziska Meyer

Erneuerung oder Bewahrung? Fünfzig Jahre nach dem epochemachenden Zweiten Vatikanischen Konzil ringt die katholische Kirche noch immer um Klärung dieser Frage. Doch sind die konservativen Kräfte stärker geworden. Ihnen geht es darum, dass die Kirche wieder unangefochten und ehern ihre Autorität behauptet. Die Anliegen der Einzelnen sind dagegen zweitrangig, und soziales Engagement gilt als verdächtig.

Am 7. Dezember 1965 verabschiedete eine Versammlung von 2800 römisch-katholischen Bischöfen und dem Papst beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom mehrere zentrale Dokumente. Die römisch-katholische Kirche verstand sich fortan als pilgerndes Volk Gottes, in dem die einzelnen Gläubigen Mitverantwortung tragen. Die Versammlung hatte unter anderem die Grundlagen für Änderungen in der Liturgie geschaffen, neu entfaltet, welche Bedeutung das Judentum für das Christentum besitzt, und nicht zuletzt für neue Beratungsformen in den eigenen Reihen plädiert.

Doch kaum war das Konzil zu Ende, brach ein Streit aus, wie seine Texte und Beschlüsse zu interpretieren seien. Weltweit betrachtet, nahmen 1965 sowohl die Mehrheit der Bischöfe und TheologInnen als auch sehr viele Gläubige die Impulse des Konzils begeistert auf. Sie lernten, die eigene Position zu relativieren, und übten sich darin, Ambivalenzen, Paradoxien und Spannungen als notwendige Teile von individuellen und kollektiven Entwicklungen anzunehmen. Vor allem engagierten sie sich auch vermehrt für mehr Gerechtigkeit in politischen Fragen und inspirierten damit die Zivilgesellschaft: In Lateinamerika entfaltete sich etwa die Befreiungstheologie; und nicht wenige AchtundsechzigerInnen in Paris, Rom oder Madrid verstanden sich als gläubige KatholikInnen.

Einer Minderheit von Bischöfen und Gläubigen blieben jedoch die Entwicklungen, die vom Zweiten Vatikanum ausgingen, suspekt. Sie trauerten den Zeiten nach, als die römisch-katholische Kirche eine Parallelgesellschaft, eine Societas perfecta bildete, die über alle Mittel verfügte, um ihren Mitgliedern materielles Auskommen und Seelenheil zu ermöglichen. Sie störten sich am zivilgesellschaftlichen Engagement der Kirchen, an ihrem Aktivismus, und erlebten es als Trauma, wie die alten Riten von heute auf morgen ausgewechselt wurden.

Spannungen sind geblieben

Auch in der Schweiz, die vor dem Konzil von einem vergleichsweise konservativen Katholizismus geprägt war, offenbarte sich diese Spaltung. Als seien Dämme gebrochen, setzten die ReformerInnen die Neuerungen enthusiastisch, aber teilweise wenig subtil durch, während jene, die sich in alten Überzeugungen zu Hause fühlten, die neuen Paradigmen und Formen nur widerwillig oder gar nicht annahmen.

Fünfzig Jahre später sind diese Spannungen geblieben. Dabei sind die ReformerInnen schwächer und die BewahrerInnen stärker geworden; sicher auch deshalb, weil die Konzilstexte in einer Zeit allgemeiner Fortschrittseuphorie verfasst wurden und die Verfasser davon ausgingen, dass viele Menschen dauerhaft die Zeit und die Energie aufbringen würden, die Reformen in ihren Ländern umzusetzen.

Doch die heutigen ökonomischen Zwänge und Beschleunigungsschübe in vielen Lebenswelten verunmöglichen das ehrenamtliche Engagement vieler Gläubiger in jenen zeitraubenden Veränderungsprozessen, die das Konzil intendierte. Nur schon die gesamtgesellschaftlich vorherrschenden Bedingungen, die wieder eher nach direktiver Führung und kurzen Entscheidungswegen verlangen, bremsen die damaligen Wünsche des Konzils, dass möglichst viele Gläubige die kirchlichen Entwicklungen mitprägen.

«Völkisch, nationalistisch, antiliberal»

Allerdings trifft wohl kaum zu, dass in der Schweiz das Lager der Bewahrer straff organisiert ist und im Verbund mit Dunkelmännern aus der römischen Kurie eine Agenda der Restauration verfolgt.

Sicher finden sich katholische Exponenten aus der Schweiz, die über Internetplattformen und Kongressteilnahmen intensiven Kontakt mit Gleichgesinnten aus Deutschland und Österreich pflegen. Dort wird ein ideologischer Kult um die Familie, das Vaterland und die äussere Gestalt der Kirche gepflegt. Hauptsache ist es, dass diese ein makelloses Prestige geniesst, die Nöte und Leiden der Einzelnen sind dagegen zweitrangig. Während die Schweizer Exponenten vorgeben, sich zu vielen politischen Fragen nicht äussern zu wollen, finden sich in solchen Kreisen auch Berührungspunkte mit der sogenannten neuen Rechten in Deutschland, die nicht mehr solidarisch ist mit dem Fremden, dem Gestrauchelten oder dem Anderen.

Der Politologe Andreas Püttmann, der diese Kreise von innen kennt, sieht in ihnen «vorkonziliare Denkmuster» aufscheinen und schreibt: «Sie stehen ideologisch nah bei der russischen Orthodoxie und erinnern teilweise an die ‹konservative Revolution› der Weimarer Zeit: völkisch, nationalistisch, antiliberal-ordnungsfixiert, parteien- und medienverdrossen, antiwestlich (speziell antiamerikanisch), von Ressentiments gegen Normabweichler und von Untergangsfantasien erfüllt, eine ‹Identität› von Religion, Kultur und Nation, Regierung und Volk erstrebend.»

Der zur Restauration neigende Schweizer Katholizismus, der sich primär um das Seelenheil der Gläubigen kümmern und sich aus vielen politischen Fragen heraushalten will, wird für jene politischen Kräfte interessant, denen eine Kirche, die sich politisch einmischt, schon lange ein Dorn im Auge ist. Manchmal scheinen sich jene Konfliktlinien, die sich in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem in Lateinamerika zeigten, nun auch hierzulande zu etablieren. Dort standen sich teilweise in Bürgerkriegen fromme Präsidenten, die eine unpolitische Kirche wollten, und politisch engagierte Kirchenleute, die mehr soziale Gerechtigkeit einforderten, gegenüber. Nicht selten wurden Letztere umgebracht.

Insgesamt sind die restaurativen Kräfte des Schweizer Katholizismus kein monolithischer Block. Bald sind sie einander in wechselnden Allianzen zugetan, bald mimosenhaft enttäuscht voneinander und unfähig zum Gespräch untereinander.

Beinahe als Ironie der Geschichte erweist es sich, dass Papst Franziskus von der Auseinandersetzung, wieweit und in welcher Form sich die Kirche gesellschaftlich engagieren soll, zutiefst geprägt ist. Im Schreiben «Evangelii gaudium» nimmt er sich der, wie er sie nennt, «spirituellen Weltlichkeit» an. Mit ihrer «ostentativen Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche» sei sie «viel verheerender als jede andere bloss moralische Weltlichkeit».

Sie suche «eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein. Wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und (…) die Energien im Kontrollieren verbraucht.» So vage diese Sätze daherkommen, so deutlich lassen sie den Schluss zu, dass sich jene KatholikInnen, die primär eine Kirche wollen, die in ihrer purpurnen Erhabenheit unbeeindruckt von allem Leiden thront, nicht auf diesen Papst stützen können.

Franz-Xaver Hiestand steht der Zürcher Jesuitengemeinschaft vor und leitet das Aki, die katholische Hochschulgemeinde Zürich.

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