Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

«Es herrschten himmeltraurige Zustände»

Anfang der neunziger Jahre hatte Bern vorübergehend die grösste offene Drogenszene Europas. Ein Stadtrundgang des Strassenmagazins «Surprise» erinnert an damals und zeigt, unter welchen Umständen Drogenabhängige heute leben.

Von Martin Germann (Text) und Franziska Rothenbühler (Foto)

«Es hat gerochen wie in einem Schlachthof, in dem jemand Kompost ausgeschüttet hat»: Die StadtführerInnen Franziska Lüthi und Roger Meier im Kocherpark.

Sie haben sich in die Köpfe einer ganzen Generation eingeprägt, die Bilder vom Elend der offenen Drogenszenen in der Schweiz: dahinsiechende Menschen auf dem Zürcher Platzspitz, verwahrloste Gestalten im Berner Kocherpark. Es ist ein unrühmliches Kapitel der Schweizer Geschichte. Doch sosehr sich die Bedingungen für suchtkranke Menschen durch die darauf erfolgte drogenpolitische Neuorientierung verbessert haben: Verschwunden sind die Drogen und die davon abhängigen Menschen nicht – auch wenn die Städte weiterhin alles dafür tun, dass die Öffentlichkeit sie so wenig wie möglich zu Gesicht bekommt.

Eine gewisse Ruhe beim Konsum

An der Berner Hodlerstrasse, unweit der Reitschule, befindet sich die Anlaufstelle der Stiftung Contact für suchtmittelabhängige Menschen. Hier beginnt der Stadtrundgang des Strassenmagazins «Surprise» in Bern zum Thema «Armut und Sucht» mit den beiden StadtführerInnen Franziska Lüthi und Roger Meier. Die Tour wurde von den beiden persönlich zusammengestellt. Sie ist ein Stück weit Teil ihrer eigenen Biografien.

Das Gebäude und der Aussenbereich der Anlaufstelle Contact sind umzäunt, zahlreiche Graffiti zieren es. Wenn die Anlaufstelle geöffnet hat, stehen Tag für Tag zwei Sicherheitsbeamte am Eingang und kontrollieren die BesucherInnen. Nur registrierten Personen wird Einlass gewährt. Drinnen gibt es auch ein kleines Bistro, in dem günstige Menüs gekocht werden – das Essen geht in der Sucht schnell einmal vergessen.

Das Herzstück der Anlaufstelle bleibt aber der «Konsumraum». Genauer gesagt sind es drei Räume: einer für den intravenösen Konsum, einer fürs Rauchen und einer zum Schnupfen. «Auf der Gasse ist der Konsum sehr anstrengend, man befindet sich in einem anhaltenden Stress», erzählt Franziska Lüthi. Contact wirkt dem entgegen und ermöglicht eine gewisse Ruhe beim Konsum. Und was noch wichtiger ist: einen Konsum mit sauberen Spritzen. Über 1300 Spritzen und Nadeln beziehen die KonsumentInnen pro Tag in der Anlaufstelle oder an den Spritzenautomaten. Rund 82 Prozent werden danach wieder zurückgebracht, was verhindert, dass die Spritzen massenhaft auf den Strassen Berns liegen bleiben.

Man könne nur Schadensminderung betreiben und das Konsumationsrisiko so gering wie möglich halten, sagen die beiden Contact-Mitarbeiter. So senkt die Abgabe von sauberen Spritzen und Nadeln das Ansteckungsrisiko mit Infektionskrankheiten wie Hepatitis B oder HIV. Daneben leistet man im Contact auch medizinische Erstversorgung und bietet den Drogensüchtigen einen Ort, wo sie geduldet sind. Contact sei jedoch keine Drogenabgabestelle, wie fälschlicherweise oftmals vermutet werde, betonen die beiden Mitarbeiter. Auch ist die Anlaufstelle kein rechtsfreier Raum, wie bereits die Eingangskontrollen zeigen. Trotzdem befindet man sich in einem rechtlichen Spannungsfeld, denn während das Angebot der Stiftung Contact legal ist, sind die hier konsumierten Substanzen noch immer illegal. Im Interesse der städtischen Drogenpolitik übt die Polizei im direkten Umfeld der Anlaufstelle eine gewisse Zurückhaltung, ansonsten würde diese von den Süchtigen schnell gemieden werden.

Contact sensibilisiert ihre BesucherInnen nach Möglichkeit für therapeutische Angebote, gezwungen wird hier aber niemand. «Die Angestellten begegnen einem immer auf Augenhöhe. Man fühlt sich ernst genommen und wird zu nichts gedrängt», sagt Roger Meier. Nicht umsonst ist die Anlaufstelle für einige Leute von der Gasse eine Art Wohnzimmer geworden. An ein solches erinnert auch eine eigens eingerichtete Ecke für Frauen – eine hellgrüne Couch bietet ein wenig Ruhe vor der ewigen Jagd nach der nächsten Dosis. Die Wände sind lavendelfarben gestrichen. Ein Hauch von Provence in der Tristesse des Lebens in den Berner Gassen.

Die Konsumräume dagegen verströmen eine spitalartige Atmosphäre. Die Wände sind weiss, auf den Metalltischen warten säuberlich aufgereiht Spritzen, Löffel, Desinfektionstücher und andere Gerätschaften auf ihren Einsatz. Im Unterschied zu damals, als Roger Meier einst als Haschdealer anfing und bald jede Droge kennenlernte, ohne sie selber im grösseren Stil konsumiert zu haben, findet der Konsum heute weitgehend hinter verschlossenen Fenstern statt.

Wie bei so vielen Leuten, die auf der Strasse leben, ist auch Meiers Biografie geprägt von einer schwierigen Kindheit. Nachdem er in den ersten Lebensjahren faktisch von den Krankenschwestern seines Geburtsspitals in Fleurier grossgezogen worden war, steckte man ihn in eine Pflegefamilie. Schläge der Pflegeeltern gehörten zum Alltag. Das Leben auf den Berner Gassen kennt der heute 57-Jährige seit 36 Jahren – über 30 davon lebte er auf der Strasse. Mit siebzehn Jahren legte er die Lehrabschlussprüfung mit dem zweitbesten Ergebnis in der gesamten Schweiz ab – er war zu diesem Zeitpunkt bereits obdachlos. Seit kurzem lebt er in einer Wohnung von «WOhnenbern», vermittelt hat sie ihm die Kirchliche Gassenarbeit Bern: die nächste Station des Rundgangs.

Hundefutter und Shampoo

Die Kirchliche Gassenarbeit ist in den Strassen von Bern fast rund um die Uhr präsent. Sie schenkt den Menschen auf der Gasse ein offenes Ohr, für viele Betroffene alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Neben der Beratung und Betreuung gibt es auch niederschwelligere Angebote. So verteilt die Gassenarbeit etwa Shampoo oder Hundefutter, einmal im Monat bietet ein Gassentierarzt Sprechstunden an. Jeden zweiten Dienstag schreiben und zeichnen Frauen zudem für das Magazin «Mascara». Das ist eine willkommene Abwechslung. «Es gibt auf der Strasse sehr viel Gewalt gegen Frauen. Trotzdem ist das immer noch ein Tabuthema, auch unter den Frauen selbst», sagt Franziska Lüthi. «Mascara» bietet den Frauen die Möglichkeit, ihre Erlebnisse und Emotionen auszudrücken. Viermal im Jahr erscheint das Magazin in gedruckter Form.

Zwar lebte Franziska Lüthi selber nie auf der Strasse, deren Elend lernte sie aber trotzdem hautnah kennen. Mit achtzehn Jahren begann sie mit dem Konsum von harten Drogen und brach ihre Lehre ab. Nachdem sie bereits mit neunzehn zum ersten Mal in einem Entzug gelandet war, folgte nach einer längeren abstinenten Zeit und dem Scheitern ihrer Ehe der Rückfall. Es sei eine klassische Drogenkarriere, sagt sie: immer wieder geprägt von neuen Hoffnungen, auf die der erneute Absturz folge. Komplette Sicherheit vor einem Rückfall gibt es nie.

Gleich neben dem Bundeshaus

Nach einigen weiteren Zwischenstationen geht es auf die Kleine Schanze in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses, für Roger Meier eine der wichtigsten Ecken von Bern.

Heute ist die Kleine Schanze ein sauber gepflegter Park wie jeder andere. Vor knapp dreissig Jahren befand sich hier eine der grössten offenen Drogenszenen Europas. Roger Meier war dabei und erinnert sich: «Es herrschten himmeltraurige Zustände. Es hat gerochen wie in einem Schlachthof, in dem jemand Kompost ausgeschüttet hat, während daneben noch einer in die Ecke geschissen hat.» Ein Geruch, der wohl auch ins benachbarte Bundeshaus hinübergezogen war. Nach einer Intervention des Bundesrats musste der Gemeinderat reagieren und schloss die Kleine Schanze in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Es war eine Verzweiflungstat ohne jeglichen Weitblick – die offene Szene verlagerte sich auf die Bundesterrasse und damit noch näher an das Bundeshaus. Daraufhin sperrte der Gemeinderat auch die Terrasse und erklärte den Kocherpark zum neuen Standort der Drogenszene.

Natürlich tat er dies nicht offen. Zu gross wäre die Empörung der angrenzenden BewohnerInnen gewesen. Den Drogensüchtigen sei damals von den PolizistInnen deutlich gesagt worden, dass der Kocherpark nun ihr neuer Treffpunkt sei, sagt Meier. Natürlich habe man das der Öffentlichkeit nicht so verkaufen dürfen. Aber von den Süchtigen selber wäre doch niemand auf die Idee gekommen, sich einen Treffpunkt auszusuchen, wo der nächste Denner so weit weg liege, meint er und lacht.

Trotz fehlendem Denner und dem Mangel an billigem Dosenbier bildete sich im Kocherpark ab April 1991 innerhalb kürzester Zeit erneut eine offene Drogenszene. Nachdem im Februar 1992 der Platzspitz in Zürich geräumt worden war, verschärfte sich das Problem weiter – Bern hatte mit dem Kocherpark nun die grösste offene Drogenszene in ganz Europa. Eine Szenerie, die Roger Meier am eigenen Leib miterlebt hat. Um das grösste Elend zumindest ein wenig zu lindern, war Contact damals im Kocherpark präsent. Roger Meier setzte sich für den Spritzenumtausch und den Kontakt mit der Sanitätspolizei ein. «Unser Hauptziel war, dass uns keiner wegstirbt. Und dieses Ziel haben wir tatsächlich erreicht. Keine einzige Person starb damals im Kocherpark», sagt er. Dennoch: Die damaligen Zustände waren ungeheuerlich. Einige Drogensüchtige darbten monatelang in den eigenen Exkrementen dahin. «So etwas Schlimmes wie damals will ich nie mehr erleben müssen», sagt Meier. Gelegentlich führte die Polizei Razzien durch. Der Effekt war jeweils nur von kurzer Dauer, die Süchtigen kehrten schnell wieder in den Park zurück.

Am 31. März 1992 folgte schliesslich die endgültige Räumung des Kocherparks, sie war verbunden mit einem Umdenken in der städtischen Drogenpolitik. Neue Angebote wie die Anlaufstelle entstanden. Eine grössere offene Drogenszene sollte es in Bern nie mehr geben. Das ist bis heute so geblieben.

Verglichen mit ihren Vergangenheiten kann man das heutige Leben von Franziska Lüthi und Roger Meier als einigermassen gefestigt bezeichnen. Lüthi lebt mit ihrer Tochter zusammen. Mit ihren Eltern, mit denen sie über Jahre hinweg keinen Kontakt hatte, versteht sie sich heute wieder gut. Meier lernt zum ersten Mal kennen, was eine Familie bedeuten kann. Er habe in dieser Hinsicht noch viel nachzuholen, sagt er.

Auch für diejenigen Menschen, die heute auf der Strasse leben, haben die beiden klare Wünsche an die Politik. So gibt es in Bern eine einzige Notschlafstelle mit rund zwanzig Betten. Das sei viel zu wenig. Die Zahl der Obdachlosen ist deutlich höher. Auch Therapiezentren für Drogenabhängige gebe es immer weniger.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch