Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Ein Jahr danach

Von Jens Renner

Ein anonymes «Komitee 17» zeichnet verantwortlich für eine lesenswerte Analyse der Hamburger G20-Gipfeltage im Juli 2017. Es besteht aus «Zeugen, Aktivisten und Beobachtern, die sich für die Nachbesprechung des G20-Gipfels gesammelt haben, Frauen und Männer mit dem Bedürfnis, dieses Grossereignis, seine Voraussetzungen und seine Konsequenzen in Worte zu fassen.» Oft sind das starke Worte, Pathos inbegriffen. Anregend ist das Buch vor allem dort, wo die Ereignisse nüchtern analysiert werden: der tagelange Ausnahmezustand, brutale Polizeieinsätze, die Rolle der Medien, die Repression, der Schauprozess gegen den jungen italienischen Aktivisten Fabio. Fotos der autofreien, aber auch menschenleeren Hamburger Strassen veranschaulichen, was die diktatorische Herrschaft der Staatsgewalt aus einer belebten Metropole macht: eine Geisterstadt. Mitverantwortlich dafür war der SPD-Bürgermeister Olaf Scholz, mittlerweile zum Bundesfinanzminister aufgestiegen. Das sarkastische Porträt dieses «notorischen Verlierers» gehört zu den Highlights des Buchs.

Auch Kritik an der Linken kommt in «Verkehrsprobleme in einer Geisterstadt» nicht zu kurz. Dabei irritiert allerdings mitunter ein besserwisserischer Ton. In auffälligem Kontrast dazu steht die positive Gesamteinschätzung der Protesttage. Begründet wird sie mit dem «Gefühl der Verbundenheit» und der «Ermächtigung», der «Bejahung der Vielfältigkeit» unterschiedlicher Aktionsformen.

Dazu zählen auch die Riots am Freitagabend, denen das Komitee 17 einigen Raum widmet. Das «ambivalente Zeichen der kurzen Barrikadennacht» habe gezeigt: «Die Frage, mit welcher Militanz, mit welcher Vehemenz, mit welchen Mitteln protestieren, kann sich nicht nach den lokalen Gewohnheiten richten; ‹angereisten Militanten› auf dieser Grundlage einen Platzverweis zu erteilen, verbietet sich von selbst. Für einen internationalen Protest entscheidet über die Form des Protests die internationale Bewegung.» Das ist gut gesagt, bleibt aber auch ein Jahr nach der «Barrikadennacht» umstritten, nicht nur in Hamburg.

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