Nr. 35/2018 vom 30.08.2018

Wie haben Sie es mit der Romandie?

Die Juristin Hélène Agbémégnah über ihre Motivation, beim Institut Neue Schweiz mitzumachen, Rassismus im Alltag und Unterschiede zwischen der Deutsch- und der Westschweiz.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Hélène Agbémégnah: «In einem Land mit vier verschiedenen Sprachen muss man Kompromisse finden.»

WOZ: Hélène Agbémégnah, was hat Sie am Institut Neue Schweiz angesprochen?
Hélène Agbémégnah: In der Schweiz wie auf der ganzen Welt hat die Globalisierung die Gesellschaften verändert – eine Tatsache, die wir nicht verhindern können, selbst wenn wir wollten. Vor diesem Hintergrund braucht es Organisationen, die Diskurse über Rassismus, aber vor allem auch über Diversität und Identität fördern und die Welt aus der Sicht von Migrantinnen und Migranten darstellen. Denn in den Medien sehen wir nur wenige Menschen mit Migrationsgeschichte, die ihre Erfahrungen teilen. Toll an Ines, also am Institut Neue Schweiz, finde ich den Versuch, eine nationale Diskussionsplattform zu schaffen. So etwas gab es vorher nicht.

Und warum wollten Sie selbst ein Teil davon werden?
Ich kenne zwar Aktivisten in Genf oder Fribourg, aber die Vernetzung über die ganze Schweiz hinweg fehlte bisher. Dabei sind gerade für die verschiedenen Gruppen Netzwerke wichtig, die auch etwas Neues und Positives erschaffen. Allein das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, gibt mir viel Energie.

Ihre Mutter kommt aus Graubünden, Ihr Vater aus Togo. Wie erleben Sie in der Schweiz den Rassismus gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe?
Meine Mutter hat mir immer folgende Anekdote erzählt: Als Kind wollte ich immer Süssigkeiten, wenn wir einkaufen waren. Einmal habe ich geweint, weil ich ein Glace wollte. Da kam eine Frau auf meine Mutter zu und sagte: «Diese adoptierten Kinder haben in Afrika nichts zu essen, dann kommen sie hierher und wollen alles.»

In der Schweiz ist es weiterhin tabu, über Rassismus zu sprechen, man sagt lieber nicht, dass es ihn gibt. In meinem Bekanntenkreis haben zwar einige Leute Erfahrungen damit gemacht – mir selbst war jedoch nicht immer klar, ob eine gemeine Äusserung rassistischen Ursprungs ist oder nicht. Sehr oft ist es mehrdeutig. Die letzte Situation, die ich erlebt habe, war während eines Praktikums in einem anderen europäischen Land, in einem internationalen beruflichen Umfeld, als Kollegen das Foto einer dunkelhäutigen Frau mit dem eines Affen verglichen haben. Weil ich von diesem Umfeld meinte, dass interkulturelle Fragen kein Problem darstellten, hat mich dieser Rassismus völlig perplex gemacht.

Wie haben Sie reagiert?
In dem Moment wollte ich etwas sagen, war aber so überrascht und auch deprimiert, dass ich dann nichts gesagt habe. Inzwischen würde ich mit solchen Leuten diskutieren und mich aktiver verhalten.

Wie alltäglich ist Rassismus in der Schweiz?
Schwierig zu sagen. Es gibt Diskriminierung, und es gibt Rassismus – und es ist nicht immer einfach, zwischen beidem zu unterscheiden. Klar ist, dass die Justiz oftmals nicht hilft, wenn man rassistische Erfahrungen mit Behörden gemacht hat. Es gibt keine Sicherheit, fair behandelt zu werden. Und um einen Anwalt zu nehmen, braucht man viel Zeit und vor allem Geld. Aber diskriminiert wird auch woanders: bei der Job- oder Wohnungssuche etwa.

Sie sind in der Romandie aufgewachsen. Gibt es zwischen der Deutsch- und der Westschweiz Unterschiede im Umgang mit Rassismus?
Ich glaube nicht, dass es da einen Röstigraben gibt. Eher bestehen zwischen den einzelnen Kantonen grosse Unterschiede. Der politische Wille, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und sich im Kampf dagegen zu engagieren, hängt deshalb sicherlich mit der Geschichte eines Kantons und seiner Bevölkerung zusammen. Genf ist in dieser Hinsicht eine besondere Stadt, weil sie viele internationale Organisationen beherbergt und eine spezielle Migrationsgeschichte hat. In Bern lebe ich noch nicht lange genug, um einen genauen Einblick zu haben.

Sie haben an Projekten zur Bekämpfung von Rassismus mitgewirkt. Welche Massnahmen versprechen am meisten Erfolg?
Sehr wichtig ist Sensibilisierung für das Thema. Wir müssen in die Schulen, um mit Jugendlichen über das Thema zu sprechen. Und wir brauchen Plattformen wie Ines. Zwar werden in den einzelnen Kantonen sicher mehr entsprechende Projekte als früher finanziert, es braucht jedoch mehr Massnahmen. Das Problem muss in verschiedenen Bereichen angegangen werden.

Die Vernetzung über die Sprachgrenzen hinweg scheint oft schwierig zu sein. Welche Ausstrahlung hat Ines in die Romandie?
Ein grosses Hindernis ist die Sprache. Da gibt es etwa bei der Wortwahl grosse Unterschiede. Wir haben bei Ines viel über den Begriff «postmigrantisch» gesprochen, in der Romandie kann man mit diesem Wort nur wenig anfangen. Die Frage ist, wie sich Ideen und Konzepte übersetzen lassen. Bei Ines haben wir am Anfang mit einer Übersetzung gearbeitet. Denkbar wäre aber auch, dass Leute, die beide Sprachen beherrschen, für einen engeren Austausch sorgen. Die Schweiz ist nun mal ein Land mit vier verschiedenen Sprachen, da muss man Kompromisse finden.

Hélène Agbémégnah (36) ist Juristin und Leiterin für Migrationspolitik und Rechtsfragen bei Travail Suisse. Mehr Infos zu Ines gibt es unter www.institutneueschweiz.ch.

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