Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Die Tabus der «Tabu!»-Schreier

Von Noëmi Landolt

Seit zwei Wochen scheint die ganze Schweiz über Gewalt an Frauen zu diskutieren. Doch worüber wird wirklich diskutiert? Über den Migrationshintergrund der Täter, die, so die Behauptung, aus «patriarchalen Kulturen» stammten. Gerade vor Letzterem verschlössen insbesondere linke Frauen die Augen. Von Gesprächsverweigerung war die Rede. Von einem «grossen Tabu».

Die Vorfälle in Genf und Zürich zeigten Gewalt gegen Frauen in ihrer offensichtlichsten Form: brachiale physische Gewalt im öffentlichen Raum. Gewalt gegen Frauen kennt jedoch viele und oft verstecktere Formen – zu Hause, am Arbeitsplatz, im Internet. Sie muss nicht immer physisch sein. Auch über strukturelle Gewalt müssen wir sprechen. Diese, und nicht die sogenannte «Ausländerkriminalität», ist das grosse Tabu in diesem Land.

Gewalt an Frauen ist auch eine Auswirkung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wie die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen festhält, ist einer der wichtigsten Schritte die Gleichstellung in allen Lebensbereichen. Ein Grundpfeiler des Kapitalismus ist hingegen die geschlechtliche Arbeitsteilung. Ohne die von Frauen geleistete unentlöhnte Reproduktionsarbeit könnte der Kapitalismus nicht funktionieren, wie die feministische Philosophin Silvia Federici kürzlich darlegte (siehe WOZ Nr. 22/2018). Frauen in der Schweiz verdienen im Schnitt zwölf Prozent weniger als ihre Arbeitskollegen. Ökonomische Ungleichheit in einer Paarbeziehung ist einer der Risikofaktoren, die häusliche Gewalt begünstigen. Ist die Frau finanziell abhängig von ihrem Partner, ist die Hürde, ihn zu verlassen, ungleich höher, selbst wenn er gewalttätig ist. Lohnungleichheit ist eine Form von struktureller Gewalt.

Das nächste Tabu: dass wir auch hierzulande in einer «patriarchalen Kultur» leben. Das Bild vom Mann als Ernährer und Familienoberhaupt ist nach wie vor in vielen Köpfen verhaftet. Das zeigt sich nur schon bei der Steuererklärung. Kann der Mann diese Rolle nicht mehr erfüllen, weil er beispielsweise seine Stelle verliert, erleidet er einen Statusverlust. Eine verbreitete Reaktion darauf: nach unten treten. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Vielen der sogenannten Familiendramen, wenn ein Mann sich und seine Familie mit dem Sturmgewehr erschiesst, geht ein Jobverlust voraus. Finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit, soziale Isolation, enge Wohnverhältnisse, das sind alles Risikofaktoren für häusliche Gewalt. MigrantInnen sind davon besonders oft betroffen. Schweizer, die denselben Risikofaktoren ausgesetzt sind, werden gleich oft gewalttätig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Nationalität und Gewalt. Das Narrativ des ausländischen Täters aus einer patriarchal-konservativen Kultur ist dennoch verdammt hartnäckig. Weil es einfacher ist, die Schuld den «anderen» zuzuschieben, weil es schön gemütlich ist im eigenen Überlegenheitsgefühl.

Wir müssen uns ebenso davor hüten, Gewalt gegen Frauen zu proletarisieren. Auch Frauen vom Züriberg suchen in Frauenhäusern Zuflucht. Es ist immer ein Konglomerat von Risikofaktoren, das zu Gewalt an Frauen führt. Die einzig richtige Antwort auf die Frage nach der Ursache von geschlechtsspezifischer Gewalt ist: Es gibt keine einfachen Antworten.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist gewissen Kreisen nur dann wichtig, wenn sie behilflich ist, MigrantInnen zu verunglimpfen und rassistische Stereotype zu pflegen, nur um nicht den eigenen Machismo und die patriarchalen Strukturen in der Schweiz hinterfragen zu müssen.

Mit ihrer Politik hält die bürgerliche Mehrheit im Land ein System am Laufen, das in sich gewalttätig ist: Wenn sie das Geld für Gleichstellungsbüros streicht, jegliche Bemühungen um verbindliche Lohnkontrollen blockiert oder einen anständigen Vaterschaftsurlaub als Luxus abtut, hält sie die strukturelle Gewalt am Laufen, die Gewalt an Frauen erst entstehen lässt. Die Gewalt liegt im System.

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