Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Der Streik beginnt im Gasthaus

Von Stefan KellerMail an AutorIn

Foto: Archiv Stefan Keller

Zürich am Ende des Ersten Weltkriegs: Die Emigranten, die Revolutionäre, die Literatinnen, die Kaffeehauskultur. Lenin ist schon abgereist, er führt jetzt in Moskau die Regierung an. James Joyce ist noch da. Sitzt im «Odeon» oder vis-à-vis im «Terrasse». Dort beginnt unsere Geschichte, August 1918. Im «Terrasse» streikt das Personal.

Servieren ist ein prekärer Beruf. Rauchgeschwängerte Luft, kaum Freizeit, viele Berufskrankheiten, oft nur Trinkgeld als Lohn. Versammlungen des Verbands der Gastwirtsgehilfen müssen nachts stattfinden, nach Beizenschluss ab ein Uhr früh. 1913 haben die Kellner in Zürich einen Festlohn erstreikt, 30 Franken im Monat. 1914 drohen die Kellnerinnen in St. Gallen mit Streik und erhalten 20 Franken. KellnerInnen sind MigrantInnen. Sie kommen aus Deutschland, dem Thurgau, aus Appenzell. Der Streik im «Terrasse» sei ein Problem der «Überfremdung», schreibt die NZZ. Die Zürcher Arbeiterschaft sieht es anders: Solidaritätskundgebungen, Polizeieinsätze. Nach einem Monat lenkt die Wirtin ein. Bis zum Landesstreik dauert es noch sieben Wochen.

Nächste Woche: Der Tod des Monsieur Fromage

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