Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Frisst Hänschen viel Torte, säuft Hans zu früh Bier

Von Franziska Meister

Ausgerechnet vor Weihnachten erreichen uns neue apokalyptische Meldungen von der ernährungswissenschaftlichen Front, die uns Guetsli, Christstollen und Fondue chinoise vergällen wollen. Bereits vor zwei Jahren stiess eine seriöse Studie auf eine fatale Kausalität zwischen Softdrinks und Diabetes: Wer täglich zwei Colas trinkt, verdoppelt sein Risiko, an Diabetes zu erkranken. Seit kurzem wissen wir jetzt: Wer als Kind nicht nur viel Zucker, sondern auch noch viel Fett konsumiert, trinkt als JugendlicheR häufiger regelmässig Alkohol. Wird da im Kindesalter ein Suchtverhalten eingeübt, ja, in die Synapsen des Gehirns einprogrammiert? Und wenn ja, wer ist daran schuld?

Die da Alarm schlagen, tun das auf durchaus fundierter Basis: Insgesamt zehn Institutionen haben über sechs Jahre hinweg mehr als 16 000 Kinder und Jugendliche aus acht europäischen Ländern untersucht: Erst im Alter von fünf bis neun Jahren, am Schluss waren die Jugendlichen elf- bis sechzehnjährig. Ihnen und ihren Eltern wurde ein umfangreicher Diätfragebogen vorgelegt, ergänzt mit Fragen zu körperlicher Gesundheit, Lebensstil, Bildung, Einkommen und anderem mehr. Auch die Ernährungs- und Trinkkultur des jeweiligen Landes wurden berücksichtigt.

Leider schien die Bereitschaft zur Teilnahme über die Dauer der Studie rasant zu schwinden. Am Schluss machten nur noch etwas mehr als die Hälfte überhaupt mit, vollständige Datensätze verblieben schliesslich 2263. Die Korrelation lässt sich unter dem Strich so nur an jenen gut hundert Jugendlichen zeigen, die tatsächlich regelmässig mehrmals pro Woche Alkohol trinken. Und der Zusammenhang zu ihrer zucker- und fettreichen Ernährung im Kindesalter ist zwar sehr deutlich, aber letztlich kausal nicht zu begründen. Trotzdem ist das Resultat aussagekräftig, denn es ist der einzige Zusammenhang, den die ForscherInnen überhaupt gefunden haben.

Als Erstes also eine Entwarnung an alle Eltern: Weder Ihr Erziehungsstil noch Ihr Bemühen um eine gesunde Ernährung, auch nicht Ihre Bildung oder Ihr Einkommen ändert irgendetwas. Nicht einmal Ihr Alkoholkonsum hat einen Einfluss. Holen Sie am 24. also ruhig die Magnumflasche aus dem Keller.

Aber halten Sie Ihre Kinder um Himmels willen von den Mailänderli, Schwabenbrötli und Nusshäufchen fern – sonst saufen sie Sie in ein paar Jahren unter den Tisch!

Die Studie geht weiter – immerhin weiss man aus Versuchen mit Ratten, dass exzessiver Zuckerkonsum zu Suchtverhalten führt und sich das Verlangen nach Zucker und Fett gegenseitig verstärkt.

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