Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Es darf ein Gläschen sein, oder zwei

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Demenz ist das Schreckgespenst unserer alternden Gesellschaft. Um den geistigen Abbau hinauszuzögern, propagieren Fachleute eine gesunde Lebensweise: viel Gemüse und Früchte essen, Sport treiben und auf Rauchen und Alkohol verzichten. Frohe Botschaft für alle, denen das zu anstrengend und lustfeindlich vorkommt: Immerhin dem Alkohol darf, ja soll weiter gefrönt werden! Wenn Mann in der zweiten Lebenshälfte jeden Tag zwei Glas Wein (3 dl) oder einen Liter Bier trinkt (Frauen bitte nur halb so viel), fördert das die geistige Gesundheit. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse von Daten einer breit angelegten Langzeitstudie aus den USA rund um Altern und Gesundheit, an der fast 20 000 Menschen beteiligt sind. Die Spezialstudie widmet sich den in regelmässigen Abständen erfassten kognitiven Funktionen, darunter Gedächtnisleistung, Wortschatz, mathematische Fähigkeiten, Konzentration oder Orientierung.

Das Resultat sei kein Freibrief für ungezügelten Alkoholkonsum, betont der Mediziner Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Alkohol sei immerhin ein Gift, auf das Nerven- und Gehirnzellen besonders empfindlich reagierten. StudienteilnehmerInnen, die allzu tief ins Glas schauten, bauten denn geistig auch rasant ab. Bloss, und das ist überraschend: Auch die AbstinenzlerInnen hatten eine um fünfzig Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit gegenüber den «moderaten» TrinkerInnen, an kognitiven Fähigkeiten einzubüssen.

Einen Wermutstropfen hat die Sache trotzdem. Solche Big-Data-Analysen, wie sie im digitalen Zeitalter immer beliebter werden, zeigen zwar Korrelationen auf – nicht aber kausale Zusammenhänge. Es ist wie mit den Störchen und den Neugeborenen: Treten beide in einer Region gehäuft auf, heisst das noch lange nicht, dass Störche Babys bringen. Lassen wir die Wissenschaft also weiter nach den Ursachen dafür suchen, dass ein bis zwei Gläser Wein pro Tag der geistigen Gesundheit im Alter zuträglich zu sein scheinen. Und sagen, sozusagen präventiv: Prost!

Oder mit E. T. A. Hoffmann: «O Wein! O Wein! Mir ist so wohl wie nie! Schenkt ein! Schenkt ein! Das nenn’ ich Therapie!»

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