Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Antiautoritärer Kindergarten und Stalinismus – wie ging das zusammen?

Der Ökonom und Buchautor Gian Trepp erzählt über seine Politisierung an der Universität 1968, wie er Maoist wurde, eine dogmatische Organisation gründete und sich in der Fabrik proletarisierte.

Von Daniel SternMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Wir waren dumm genug, der chinesischen und albanischen Propaganda zu glauben, Stalin sei zu siebzig Prozent gut und zu dreissig Prozent schlecht gewesen»: Gian Trepp am Zürichsee.

WOZ: Gian Trepp, dieses Jahr wurde anlässlich des Fünfzig-Jahr-Jubiläums viel über den politischen Aufbruch von 1968 geschrieben. Was bedeutete 1968 für Sie?
Gian Trepp: Viel. Ich erlebte einen Radikalisierungsschritt. Ich nahm damals an Sitzungen teil, an denen die berühmte Demonstration vor dem Globus-Provisorium geplant wurde. Allerdings führte ich nicht das grosse Wort. Ich war ein Basisgenosse.

Sie haben Anfang der siebziger Jahre mit dem Maoismus sympathisiert. Wie kam es dazu?
Ich habe schon als Mittelschüler die chinesische Kulturrevolution bewundert. Ich glaubte, dass da die Jugend in China was zu sagen hatte und die Parteibonzen stürzte. Es ist mir erst viel später klar geworden, dass das ein mörderischer Fraktionskampf innerhalb der Kommunistischen Partei war. Aber wenn man jung ist, dann ist man manchmal bis zur Lächerlichkeit naiv. 1969 ging ich dann auf eine Weltreise und kam mit vielen Maoisten in Kontakt. China galt bei vielen jungen Linken als die Zukunft. Das Land hatte die sowjetische Invasion in die Tschechoslowakei verurteilt, solidarisierte sich mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und half den vietnamesischen Revolutionären gegen den US-Imperialismus.

Zurück in Zürich, schlossen Sie sich einer maoistischen Gruppe an, der Vorläuferorganisation der Kommunistischen Partei der Schweiz / Marxisten-Leninisten.
Ich hatte dort den Status des Sympathisanten. Die Leute wurden mit solchen hierarchischen Einordnungen im Vagen gelassen. So wurde die Sektenmechanik eingeübt. Man sagte uns, es gelte, eine Organisation im Stil der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg aufzubauen. Je weniger einer weiss, desto weniger kann er verraten. Ich musste vor der Sihlpapierfabrik die Zeitung «Oktober» verkaufen. Wir sahen im Proletariat das revolutionäre Subjekt.

Wieso haben Sie dieser Organisation den Rücken gekehrt?
Etwa nach einem Jahr kam der führende Genosse und verkündete, nun sei die Partei gegründet worden, halleluja! Da habe ich nicht mitgemacht. Ich sah nicht ein, weshalb die Partei von oben herab und nicht von der Basis her gegründet wurde. Doch er behauptete, es seien ganz viele Arbeiter in der neuen Partei organisiert und alles müsse geheim bleiben.

Was kam danach?
Ich wurde Vater, habe weiter Marx und die bürgerliche Ökonomie studiert und mich politisch etwa an Mieterkämpfen und Hausbesetzungen beteiligt. Ich war auch ein Jahr Hausmann.

Und dann gründeten Sie eine andere maoistische Gruppe, die Kommunistische Bewegung / Marxisten-Leninisten. Wieso denn das?
Unser Ziel war die Weltrevolution. Es sah gut aus. Die USA hatten in Vietnam verloren. Das gab einen grossen Schub. Der Kapitalismus war in der Krise. Der Ölpreisschock von 1973 war so einschneidend wie später die Finanzkrise von 2008. Die alten Gewissheiten der bürgerlichen Ökonomie fielen in sich zusammen.

Im Statut Ihrer Organisation hiess es, jedes Mitglied habe sein Leben in den Dienst des Kommunismus zu stellen. Nahmen Sie das ernst?
Wir hatten das der KP China abgeschrieben und dachten, so muss das sein. Für mich und wohl auch für meine damaligen Genossinnen und Genossen hatte die geforderte Selbstauslöschung keine konkrete Bedeutung. Bei allem verbiesterten Dogmatismus ging es doch um etwas Grundlegendes, das man sich heute noch fragen kann: Wie wichtig ist die Gesellschaft, wie wichtig bist du selbst?

Sie haben sich auch proletarisiert, wie das damals hiess, nahmen eine Stelle in einer Fabrik an. Wie kamen Sie da überhaupt rein?
Ich musste lügen. Ich erzählte dem Personalchef, ich hätte mein Studium verbockt und bräuchte als Familienvater dringend Geld. Ich wurde als Maschinist angelernt und schweisste Schächte für grosse Mühlen zusammen.

Konnten Sie die Arbeiter so erreichen?
Nein, alle haben gesagt, ich spinne. Ein ehemaliger Kollege hat mir später erzählt, dass er sich über mich fürchterlich aufgeregt habe. Er selber wollte unbedingt raus aus der Fabrik, die Matur nachholen und studieren. Und dann taucht einer mit einem Uniabschluss an seinem Arbeitsplatz auf. Ich führte allerdings neben der Fabrik auch noch ein anderes Leben: Ich arbeitete bei einem Kinderladen mit, einer Art antiautoritärem Kindergarten.

Im Zeitungskopf Ihrer Organisation prangte ja lange auch der Kopf von Stalin. Antiautoritärer Kindergarten und Stalinismus – wie ging das zusammen?
Wir waren dumm genug, der chinesischen und albanischen Propaganda zu glauben, Stalin sei zu siebzig Prozent gut und zu dreissig Prozent schlecht gewesen. Die Gulags und andere Verbrechen gehörten nach unserer Auffassung zu den dreissig Prozent. Das war eine Immunisierungsstrategie. So konnten wir an unserem blinden Dogmatismus bis Ende der siebziger Jahre festhalten.

Gian Trepp (71) verliess nach einem Jahr die Fabrik und zog sich Anfang der achtziger Jahre aus seiner Maoistengruppe zurück. Später wurde er freischaffender Journalist. Auf den Redaktionen traf er manchmal ehemalige GenossInnen, denen die gemeinsame Vergangenheit peinlich war.

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