Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Die zwei Seiten der Barrikade

Die Provinzstadt Masaya war Mitte des vergangenen Jahres ein Zentrum des Widerstands gegen Präsident Daniel Ortega. Ein Besuch bei einer sandinistischen Familie zeigt, dass dabei etwas Grundlegendes zerbrochen ist.

Von Toni Keppeler, Masaya

Wenn man einfach nur die Geschichte einer Familie erzählen will und dabei alle Namen unterdrücken muss, dann stimmt etwas nicht in diesem Land. Diese Geschichte handelt von einer Familie in Nicaragua, und es werden keine Namen genannt. Nicht die von Personen, die geschützt werden sollen, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber auch nicht die Namen von denjenigen, die auf der Täterseite stehen; weil man von ihnen Spuren finden könnte zu denen, die, würden sie enttarnt, zu Opfern werden könnten.

Die Geschichte spielt in Masaya, einer Provinzstadt von knapp 150 000 EinwohnerInnen, rund dreissig Kilometer südlich der Hauptstadt Managua. Masaya wirkt eher wie ein Dorf, kaum ein Haus, das mehr als ein Geschoss hätte. Keine kolonialen Prunkbauten, eher geduckte zentralamerikanische Idylle mit Ziegeldächern. Die Luft ist heiss, das Leben träge. Es gibt genauso viele Pferdekutschen wie Taxis.

Vor vierzig Jahren, beim Aufstand gegen das Somoza-Regime, hat Masaya eine entscheidende Rolle gespielt. Kaum sonst wo in Nicaragua war der Widerstand gegen die Nationalgarde des Diktators so militant. Der sogenannte Rückzug nach Masaya wird zu jedem Jahrestag bis heute von Tausenden nachgespielt: Damals holten die SandinistInnen wenige Tage vor dem Sturz des Tyrannen ihre KämpferInnen in einem nächtlichen Marsch aus Managua ins schon befreite Masaya, um von dort siegreich in die Hauptstadt zurückzukehren.

Während des Aufstands gegen den jetzigen Präsidenten und damaligen Guerilla-Comandante Daniel Ortega, der in Masaya von Ende April bis Mitte Juli vergangenen Jahres dauerte, gab es in der Stadt mehr als hundert Barrikaden.

Die Familie, um die es geht, zählt zwanzig Mitglieder, verteilt auf vier Generationen. Alle aus den ersten drei Generationen sagen von sich, sie seien SandinistInnen. Die vierte ist noch zu jung, um sich darüber Gedanken zu machen. Die ersten drei seien deshalb der Einfachheit halber in eine Eltern-, Kinder- und Enkelgeneration aufgeteilt.

Wenn man erfahren will, was sie wirklich denken und in den vergangenen Monaten alles getan haben, muss man einzeln mit ihnen sprechen. Am Ende des Gesprächs heisst es dann, man dürfe das, was gesprochen wurde, auf keinen Fall den anderen erzählen. Obwohl sie nichts so umtreibt wie das, was sie in den vergangenen Monaten erlebt haben, wird in der Familie nicht darüber gesprochen. Jeder weiss, wer auf welcher Seite der Barrikade steht. Mehr weiss keiner. Man belauert sich gegenseitig und schweigt darüber. Wenn man weiss, was NicaraguanerInnen ihre Familie bedeutet, dann weiss man auch, dass in diesem Land etwas ganz Grundlegendes zerbrochen ist.

Die historischen KämpferInnen

Das Elternpaar dieser Grossfamilie lebt seit bald fünfzig Jahren im selben Haus. Nur die Fassade ist gemauert, nur das Zimmer hinter dem Eingang hat ein Ziegeldach. Dahinter sind die Türen ein Stück Stoff und die Wände aus Holz, darüber Platten aus Wellblech. Sie stammen aus einem Sozialprogramm der Regierung. Die Mutter sagt: «Das hat uns Daniel gegeben.» Sie ist inzwischen über siebzig, schmal und klein, nicht mehr als 1,50 Meter gross. Sie sieht so aus, wie sich europäische Kinder eine alte Indianerin vorstellen. Alle ihre Kinder sind in diesem Haus geboren und aufgewachsen, bei der Geburt des ersten war sie sechzehn Jahre alt. Sie hat bei anderen Leuten geputzt und gebügelt, hat erst ihre Kinder, dann die Enkel grossgezogen und zieht heute die Urenkel auf. Jeden Mittag trifft man sich bei ihr zum Essen, und immer sind so gut wie alle da.

Beim Aufstand gegen Anastasio Somoza Debayle vor vierzig Jahren war sie noch Analphabetin. Sie bastelte Kontaktbomben aus Schwarzpulver, Nägeln und Metallsplittern, die beim Aufschlag auseinanderstoben und fürchterliche Verletzungen anrichteten. Ihr Mann hat diese Bomben in die Festung der Nationalgarde geworfen. Die beiden sind, was man heute in Nicaragua «historische Kämpfer» nennt. Erst nach dem Sieg der SandinistInnen haben sie lesen, schreiben und rechnen gelernt und in den ersten wirtschaftlich schweren Jahren der Revolution einen staatlichen Laden betreut, in dem mit Rationierungskarten Lebensmittel eingekauft werden konnten. Alle ihre Kinder haben die Matura gemacht, eine Tochter hat sogar studiert; damals, in der ersten sandinistischen Zeit, als das Studieren umsonst war. Die Mutter kocht heute auf offenem Feuer und verkauft das Essen über die Strasse, das Gericht zu weniger als umgerechnet zwei Franken.

Während des Aufstands im vergangenen Jahr ist dieses Geschäft völlig eingebrochen. Die Mutter verkaufte hauptsächlich an die Fahrer im nahen Busbahnhof und an Verkäuferinnen auf dem Markt für Kunsthandwerk. Wegen der Barrikaden fuhr kein Bus, und es kam auch keiner, der TouristInnen von den Kreuzfahrtschiffen zum Markt für Kunsthandwerk brachte. Auch heute kommen noch keine. Die Kreuzfahrtschiffe ankern jetzt in Costa Rica. Früher trug ihr Mann um die Mittagszeit 20, manchmal auch 25 Essen zum Markt. Heute verkauft er zwei oder drei und an vielen Tagen gar keines. Die meisten Stände sind noch immer geschlossen.

Trotzdem hat die Mutter die jungen Leute an den Barrikaden in den ersten Tagen unterstützt. Sie hat sogar selbst Hand angelegt. Sie weiss, wie man eine solide Barrikade baut aus den sechseckigen Pflastersteinen, die einmal fast alle Strassen des Landes versiegelten und die man heute unter dem Asphalt findet. Solche Barrikaden wurden im Volkskrieg gegen Somoza zum Symbol der SandinistInnen. Im letzten Jahr tauchten sie wieder auf, die meisten in Masaya.

Die Mutter dachte zunächst, die Barrikaden seien zum Schutz der Bevölkerung da. Nachts sollten an ihnen PassantInnen kontrolliert werden, um Plünderungen vorzubeugen in der gesetzlosen Zeit, in der sich die Polizei in ihrem Hauptquartier verschanzt hatte. Als dann aber trotzdem alle Läden ihrer Strasse geplündert wurden und an manchen Barrikaden junge maskierte Männer von den PassantInnen Wegezoll erpressten, da sah sie ihre sandinistischen Ideale verraten. «Die Händler hier sind nicht reich», sagt sie. «Sie haben beim Aufstand alles verloren.»

Die Mutter ist lange nicht mit allem einverstanden, was heute von der Regierung «Sandinismus» genannt wird. Rosario Murillo, die Vizepräsidentin und Ehefrau Ortegas, mag sie überhaupt nicht. Die habe sich unter den jungen Leuten AnhängerInnen geschaffen, und mit denen regiere sie heute. Diese seien ihre Augen und Ohren im Land und dienten auch als Stosstrupp, wenn es gelte, oppositionelle DemonstrantInnen zu verprügeln. Alte wie sie, die früher in den Komitees zur Verteidigung des Sandinismus ähnliche Aufgaben übernommen hatten, wurden zur Seite geschoben. «Ich werde schon lange nicht mehr zu ihren Versammlungen eingeladen.» Auf Daniel Ortega aber lässt sie nichts kommen. «Wegen ihm kann ich lesen und schreiben, wegen ihm haben meine Kinder die Matura.» Auch die kürzlich erfolgten Knieoperationen ihres Mannes seien – anders als unter rechten Regierungen – gratis gewesen. «Wir hätten das nie bezahlen können.»

Der Vater zeigt, wie beweglich er wieder ist. Er deutet eine Kniebeuge an. Aber er sitzt noch immer lieber, als dass er geht, auf einem Plastikstuhl im Hauseingang, ein Transistorradio auf dem Schoss. Er hört Nachrichten, stundenlang, jeden Tag. Er ist einen Kopf grösser als seine Frau und macht den Eindruck eines freundlichen Mannes, der auf die achtzig zugeht. Er scherzt mit den PassantInnen, und wenn er lacht, sieht man nur noch einen Zahn in seinem Mund. Selbst als auf der Strasse geschossen wurde, sass er auf seinem Platz in der Tür. «Die jungen Leute sagten, das sei gefährlich, ich solle hineingehen und die Tür schliessen. Aber ich bin nicht gerne eingeschlossen.»

Daniel Ortega mag er schon lange nicht mehr. «Der ist ein Diktator, wie Somoza.» Und doch sei der Aufstand im vergangenen Jahr etwas ganz anderes gewesen als der, bei dem er dabei war. «Wir haben Banken überfallen, um Waffen zu kaufen. Es gab eine klare Kommandostruktur.» Die jungen Leute heute hätten nichts davon. Keine Strategien und nur lächerliche Waffen. Sie schössen mit selbstgebastelten Knallkörpern aus Stahlrohren, hätten höchstens ein paar Schrotflinten und vielleicht eine Kalaschnikow. Als dann die Polizei Scharfschützen in Stellung brachte und es Tote in Masaya gab, «da ist die Lage ausser Kontrolle geraten». Ein Teil der jungen Leute habe Gebäude abgefackelt – das Rathaus, die Staatsanwaltschaft, einen Teil des Marktes für Kunsthandwerk. Und es wurde geplündert. «Ein Krieg», sagt der Alte, «ist etwas anderes.» Es sei kein Wunder, dass die Aufständischen von Paramilitärs in nur zwei Tagen vertrieben wurden.

Die Paramilitärs

Die Paramilitärs – mit Sturmhauben maskierte bewaffnete Männer in Uniform, die am 17. Juli vergangenen Jahres zu Hunderten auf Pritschenwagen in Masaya einfuhren – waren plötzlich da. Niemand ausser ihnen selbst wusste, woher sie gekommen waren. Klar war nur: Sie waren militärisch ausgebildet. Sie waren die Vorhut von dem, was Ortega eine «Säuberung» nannte.

Ein Schwiegersohn der beiden Alten ist so ein Paramilitär. Sechs Jahre war er bei der Armee. Heute ist er knapp fünfzig Jahre alt, und seit ihm der Drill fehlt, ist er in die Breite gegangen. Er gehört noch immer zur Vereinigung der Veteranen des sandinistischen Heers. Den Präsidenten nennt er nicht beim Nachnamen, er spricht von «unserem Comandante» oder von «Comandante Daniel». Der habe sich bei den Unruhen sehr klug verhalten. «Er hat nie die Armee ins Feld geschickt, das hätte nicht gut ausgesehen.» Auch die Polizei sei kaserniert worden, um einen Dialog mit der Opposition zu ermöglichen. Dieser aber scheiterte schnell. «Es war klar: Denen geht es nicht um die Lösung eines Konflikts, die wollen einen Umsturz.» Und der sei von langer Hand geplant gewesen. Die jungen Leute an den Barrikaden – «die meisten waren Kleinkriminelle» – seien bezahlt worden, von sandinistischen DissidentInnen und «von den USA».

Als dann die Lage ausser Kontrolle geriet, als es Plünderungen und Brandschatzungen gab, «da musste unser Comandante handeln». Er und seine Kameraden von der Veteranenvereinigung seien gerufen worden, und sie hätten die Aufgabe erledigt. Er beschreibt das wie ein Räuber-und-Gendarm-Spiel: «Wir haben die Leute eingesammelt und sie dann der Polizei übergeben.» Nur in Monimbó, einem hauptsächlich von Indígenas bewohnten Stadtviertel, gab es Schiessereien und Tote. «Dahin haben sie sich zurückgezogen.» Nach zwei Tagen aber war es ruhig in Masaya. Bautrupps rückten an und flickten die aufgerissenen Strassen. Heute erinnern nur noch die Ruinen der Brandschatzungen an die Unruhen. Die Antiaufstandspolizei patrouilliert nach Einbruch der Dunkelheit durch leere Strassen. «Auch wir müssen weiterhin wachsam sein», sagt der Paramilitär. «Alles, was wir sehen, melden wir der Polizei. Diese holt dann nachts die jungen Leute ab.»

Sein Chef bei der Truppe ist ein kräftiger, untersetzter Veteran, der auf die sechzig zugeht. Seit ein paar Jahren ist er nicht mehr bei der Armee, aber er trägt noch immer den klassischen Bürstenhaarschnitt. Er komme aus einer sehr armen Familie, erzählt er. «Als Kind habe ich keine Schuhe besessen.» Mit vierzehn Jahren meldete er sich beim sandinistischen Heer, war später auf Auslandsmissionen und sogar einmal zur Ausbildung in den USA. Er schied mit einem hohen Rang aus. «Ich habe mich bei der Armee in den Sandinismus verliebt», sagt er. «Alles, was ich heute bin, verdanke ich unserem Comandante.» Dessen Frau aber mag er nicht. Diese habe die VeteranInnen zu lange ignoriert.

Dass es im April zum Aufstand kommen konnte, ist für ihn «ein Versagen des Geheimdienstes». Der habe einfach geschlafen. Den VeteranInnen, behauptet er, wäre das nicht passiert. «Wir haben noch immer unsere alten Strukturen, eine Abteilung für Logistik, unseren eigenen Geheimdienst. Wir wissen Bescheid, was läuft.» Als man sie dann endlich gerufen habe, seien sie bereit gewesen – ganz legal im Übrigen, wie er sagt. Es gebe im Polizeigesetz einen Paragrafen, nach dem, wenn es die Lage erfordere, freiwillige HilfspolizistInnen rekrutiert werden könnten, «bis zu drei Hilfspolizisten für jeden Polizisten». Das war denn auch ihre offizielle Bezeichnung: «policías voluntarios», freiwillige Polizisten.

Er selbst sei an der Ausarbeitung des Plans zur Rückeroberung von Masaya beteiligt gewesen. «Wir hatten unsere Männer im Feld und wussten, wo Widerstand zu erwarten war.» Mit 700 Mann seien sie eingerückt, im Schlepptau die Antiaufstandspolizei. «Es war – man kann es nicht anders sagen – eine klassische Militäroperation.» Nur die Panzer fehlten. Stattdessen hatten sie mit Stahlblech bewehrte Kleintransporter mit Schützen auf der Ladefläche, hinter jedem Fahrzeug ein Trupp Infanterie. «Wir wissen, wie man so etwas macht», sagt er. «Wir haben es oft geübt. Es war im Grunde ein Kinderspiel.»

Die BarrikadenkämpferInnen

Für die jungen Leute an den Barrikaden war es kein Spiel. Allein in Masaya haben über dreissig von ihnen das Leben verloren. Viele andere sind geflohen. Es heisst, alleine aus dieser Stadt hätten sich 2500 in Costa Rica in Sicherheit gebracht. Andere verstecken sich bei Angehörigen und FreundInnen auf dem Land, meistens weit weg, in einer anderen Provinz. Viele aber sind noch in der Stadt und hoffen, von der Polizei und ihren Spitzeln nicht erkannt zu werden.

Auch ein Sohn des alten Paares, ein Schwager des Paramilitärs, hält sich heute bedeckt. Auch er war ein paar Jahre beim Militär, hat sich mit sechzehn Jahren freiwillig verpflichtet. Er wollte kämpfen, die sandinistische Revolution gegen die von den USA finanzierten rechten Contras verteidigen – irgendwo im Norden in den Bergen und am liebsten Mann gegen Mann. Die zu Hause gelernte politische Überzeugung hatte sich mit jugendlichen Träumen von Heldentum und Abenteuer gemischt. Heute ist er knapp fünfzig und sagt: «Ich habe seither keine Waffe mehr in die Hand genommen.» Er weiss, dass Krieg eine schmutzige Sache ist.

Er wirkt abgeklärt, ruhig und überlegt. Ein für nicaraguanische Verhältnisse grosser Mann mit feinem Schnauz und breiten Schultern. Er spricht langsam und leise. Seine Verwandten aber sagen, er könne auch impulsiv sein. Der Aufstand im vergangenen April, das war für ihn so ein Impuls. «Ich habe lange nicht mehr getragene Kleider angezogen und mir ein altes Hemd ums Gesicht gebunden», sagt er. «Ich arbeite bei einer staatlichen Institution. Ich darf meinen Job nicht verlieren. Ich muss für meine Frau und meine Tochter sorgen.» So ging er zu den Barrikaden. Er nahm eine Steinschleuder mit, mehr nicht. Schleudern sind für ihn keine Waffen.

In den ersten Tagen des Aufstands nahm er auch seine Tochter mit, eine kleine junge Frau, die aussieht wie eine jugendliche Ausgabe ihrer Grossmutter. Sie hat gerade ihr Jurastudium abgeschlossen, aber Anwältin werden will sie nicht. «Es gibt keine Gerechtigkeit in Nicaragua», sagt sie. Sie nennt sich, wie all die jungen Leute, die an den Barrikaden waren, eine «autoconvocada» – eine, die sich selbst zum Protest aufgerufen hat. «Es gibt keine Organisation und keine Parteien», sagt sie. «Wir haben uns über Gruppen bei Facebook oder Whatsapp verabredet.» Als Erstes wurde deshalb die von der Regierung eben erst eingeführte kostenfreie drahtlose Internetverbindung im Zentralpark von Masaya gekappt. Die junge Frau hat inzwischen die entsprechenden Plattformen von ihrem Mobiltelefon gelöscht. Wenn die Polizei nach Einbruch der Dunkelheit junge Leute kontrolliert, will sie als Erstes deren Mobiltelefone sehen. Finden sich dort verdächtige Einträge, werden sie mitgenommen.

«Als immer öfter geschossen wurde, habe ich ihr verboten, mit zu den Barrikaden zu kommen», sagt ihr Vater. «Es wurde zu gefährlich, und die jungen Leute wussten nicht, wie man sich in einer solchen Situation verhält.» Er weiss das, er hat das gelernt, und er hat versucht, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. «Sie konnten die Bewegungen des Feindes nicht lesen und wussten nicht, wann sie in Deckung gehen müssen. Sie waren euphorisch und völlig ungeschützt.» Und weil immer auch ein paar Betrunkene dort gewesen seien und ein paar, die sich mit Marihuana Mut angeraucht hätten und seinen Ratschlägen nicht gefolgt seien, habe es eben auch Tote gegeben. Plünderungen und Brandschatzungen hält er in so einer Situation für normal. «Das passiert bei jeder sozialen Erhebung, man hat nicht immer alles unter Kontrolle.»

Ein Neffe von ihm, den er oft bei den Barrikaden traf und der damals für die Logistik zuständig war («Schwarzpulver besorgen und verteilen und solche Sachen»), sieht das nicht so gelassen. «Die Plünderungen haben uns sehr geschadet», sagt er. «Und noch viel mehr, dass ein gefangen genommener Polizist bei lebendigem Leib verbrannt worden ist.» Da sei es leicht, die Aufständischen als TerroristInnen hinzustellen, wie die Regierung es tut. Es habe nie Einigkeit geherrscht, Versammlungen im Zentralpark seien immer chaotisch verlaufen. Die einen sahen die Barrikaden als Druckmittel, um Verhandlungen mit der Regierung zu erzwingen. «Es gab aber auch eine bewaffnete Gruppe aus Monimbó, die versucht hat, die Polizeistation zu stürmen. Als die Polizei dann zurückgeschossen hat, gab es die ersten Toten.» Hinterher habe man behauptet, die Polizei habe das Feuer eröffnet. «Das stimmt nicht, ich habe es gesehen. Ich war in derselben Strasse keine zwei Häuserblocks entfernt.»

Als dann die Paramilitärs anrückten, riet sein Onkel zum Rückzug. «Ich sah, dass wir keine Chance hatten, und wollte weitere Tote vermeiden», sagt er. Die meisten hätten das eingesehen. Nur vielleicht 200 hätten sich in Monimbó verschanzt und die dortigen Barrikaden verteidigen wollen. Am zweiten Tag der paramilitärischen Operation gab es dort dann auch ein halbes Dutzend Tote. Viele wurden verhaftet.

Und nun? «Wir machen weiter», sagt der Neffe. Viel sei aber derzeit nicht möglich. Zuletzt hat er zehn Kontaktbomben besorgt, bei einem alten Bastler, der solche Sprengkörper schon beim Aufstand gegen Somoza gebaut habe. «Ich habe sie mit dem Fahrrad abgeholt. Wenn ich da erwischt worden wäre … Ich weiss auch nicht, wo ich den Mut hergenommen habe.» Nachts fuhr er mit drei Freunden auf zwei Motorrädern los. Die beiden Männer auf dem Sozius warfen die Bomben gegen die Haustüren von ihnen bekannten Paramilitärs und Spitzeln. «Die Sprengsätze waren nicht sehr potent», sagt er. «Wir wollten niemanden verletzen. Wir wollten sie nur erschrecken und zeigen, dass wir noch da sind.» Der Bombenbauer wurde kurz darauf verhaftet und sitzt noch immer im Gefängnis. Er hat keine Namen verraten. Sonst sässen heute auch die vier jungen Männer hinter Gittern.

Wichtiger als solche Aktionen aber sei, dass man sich organisiere, um es beim nächsten Mal besser zu machen. «Wir haben täglich Kontakt über Internetplattformen», erzählt er. «Auch mit den Freunden, die in Costa Rica sind.» Es gebe da viele Gerüchte, von Ausbildungslagern für eine Guerilla im südlichen Nachbarland, von angeblichen Containern voller Waffen. «Alles Quatsch», sagt der junge Mann. «Wir wollen keinen Krieg.» Er hofft auf die kürzlich gegründete Unidad Nacional Azul y Blanco, eine nach den Nationalfarben Blau und Weiss benannte Sammelbewegung aus rund vierzig oppositionellen Organisationen. Diese könnte, glaubt er, der Keim einer wirklichen Oppositionspartei werden. Einer, die in der Lage ist, Daniel Ortega herauszufordern.

Sein Onkel ist da nicht so optimistisch. «Wir leben in einer Diktatur», sagt er. Erst habe sich Ortega das Parlament untertan gemacht, dann den Obersten Gerichtshof, dann den Wahlrat. Und dann auch noch seine Frau zur Vizepräsidentin gemacht. «Das Einzige, was ihm noch zum Diktator fehlte, waren Tote. Jetzt hat er sie.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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