Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Jastina Doreen agiert sich aus

Stefan Gärtner will nicht, dass sein Sohn mal Missenmacher wird

Von Stefan Gärtner

Nun hat mein Söhnchen ja noch ein paar Jahre Zeit, sich einen Beruf zu überlegen, und das überhebt mich fürs Erste der Verlegenheit, ihm zu etwas zu raten; denn dass linksradikaler Satiriker etwas Zukunftsfestes ist, mag man bezweifeln, und rechtsradikaler Satiriker, das muss ja vielleicht nicht sein.

Miss Schweiz wäre eine Möglichkeit, falls er später noch so fotogen ist wie heute. Freilich setzte das voraus, dass er, kommt er ins Natel-Alter, meinen väterlichen Rat ignoriert und einer dieser modernen Menschen wird, die kein Klingeln auslassen: «Die Miss-Schweiz-Organisation wirft die amtierende Miss Jastina Doreen Riederer per sofort raus», begann der «Blick» am 24. 1. seine vorbildlich vielteilige Berichterstattung zu einem üblen Fall von Thronverlust. «Die Organisation rechtfertigt die unpersönliche Freistellung mit der Begründung, dass Jastina Doreen in letzter Zeit nicht mehr erreichbar gewesen sei.» Mag sein, es ist eine steile Vermutung, aber vielleicht ist Jastina Doreen Riederer ein bisschen so wie ich und lässt ihr Mobilgerät gern auf Vibration gestellt in irgendwelchen Manteltaschen zappeln. Mit meinem Patensohn etwa hab ich seit Ewigkeiten kein persönliches Gespräch mehr geführt, weil er mich, gegen meine wiederholte Empfehlung, immer auf dem Mobilgerät anruft, das ich natürlich nicht höre, und meine Rückrufe dann auf dem Festnetz-Anrufbeantworter landen. Ich gehe nicht ans Handy, er geht nicht ans Festnetztelefon, und sagte man früher, die Generationen hätten sich nichts zu sagen, so haben sies heute vielleicht, erreichen sich aber nicht mehr.

Auch Miss Jastina Doreen Riederer aus Spreitenbach AG ist also nicht ans Telefon gegangen. Mein Sohn hat einen Kindergartenfreund, dessen Vater Türke ist, in den USA studiert hat und mit dem Deutschen noch kämpft, und bei einem Kaffee kamen wir gestern darauf, dass man im Deutschen so wenig mehr «Fräulein» sage wie im Englischen «Miss»; es sei dies irgendwas zwischen altmodisch und diskriminierend, und das haben die notorisch aufmerksamen Anti-Gender-Kommandos scheints übersehen, dass man nicht einmal mehr «Fräulein» sagen darf.

Ausser bei Misswahlen natürlich, die mit weiblicher Selbstermächtigung aber mehr zu tun haben, als man glauben möchte: Schliesslich sei, heisst es, Miss Riederer «direkt auf Werbepartner zugegangen und habe die Missen-Macher umgangen» («Blick»), was die Missenmacher und evtl. auch -macherinnen ärgert, denn sie machen die Missen nicht, damit die Missen hernach machen, was sie wollen. Unter diesen Umständen würde ich dem Sohnemann, falls er unbedingt Missen-Macher werden will, auch nicht zuraten. Soll er lieber Schuhmacher werden, denn die sind heute jung und tätowiert, und vielleicht tut er mir den Gefallen und lässt die Tattoos weg. Damit wäre er dann Avantgarde, und welcher junge Mensch wäre das zuzeiten nicht gern?

Falls sich nicht sowieso die Stadtpolizei Zürich als Arbeitgeberin anbietet. Die hat ein zeitgemäss formatiertes Reklamevideo ins Netz gestellt, in dem sich gut aussehende, freundliche Uniformierte als Freundinnen und Helfer in jeder Lebenslage erweisen, und meine Lieblingsszene ist die, wo der Wasserwerfer gegen eine Vermummtendemo anrückt und voll draufhält – und zwar auf den brennenden Müllcontainer. Und da muss ich denken, dass ich das neulich dachte, als die Stadt Hannover eine Kinderkinoveranstaltung mal wieder in aller Besinnungsferne damit bewarb, anschliessend könnten sich die Kinder in einer Bastelstunde noch «kreativ ausagieren»: dass dieses dumme Dogma, Kinder müssten von früh bis spät kreativ sein, zu genau der Welt führt, die aus nichts als Tattoos und Werbung besteht.

Missen möchte man sie keinesfalls.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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