Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Keine Pestizide – oder keine Insekten

Von Bettina Dyttrich

Rübenfelder, auf denen das Unkraut kniehoch steht, von Raupen zerfressener Kohl, angefaulte Kartoffelstauden: Wenn es nach dem Schweizer Bauernverband (SBV) geht, werden einige Felder diesen Sommer richtig wüst aussehen. Auf den sogenannten Nullparzellen sollen die LandwirtInnen keinerlei Chemikalien einsetzen, weder jäten noch hacken – und davor eine Tafel aufstellen mit der Botschaft: Ohne Pflanzenschutzmittel ist das Essen in Gefahr.

Die Kampagne wendet sich gegen die beiden hängigen Volksinitiativen, die den Einsatz von Pestiziden radikal beschränken respektive verbieten wollen. Doch mit der Ankündigung der neuen Kampagne hat der SBV einen Teil seiner Mitglieder verärgert: die BioproduzentInnen. Sie haben das Unkraut auch ohne Herbizide im Griff, bekämpfen Pilzkrankheiten und gefrässige Insekten präventiv mit einer klugen Fruchtfolge, robusten Sorten und Nützlingsförderung – und nur im Notfall mit (mineralischen oder pflanzlichen) Spritzmitteln. Mit dieser Kampagne schiesse der SBV «den Vogel ab», schreibt ein Zürcher Biobauer in der Zeitung «Schweizer Bauer». Er finde es «eine Gemeinheit», dass der SBV die Leistung des Biolandbaus nicht anerkenne.

Der Mann hat recht. Gerade ist im Fachmagazin «Biological Conservation» eine Studie erschienen: Der Forscher Francisco Sánchez-Bayo und seine MitautorInnen haben versucht, einen globalen Überblick über das Insektensterben zu bekommen. Mit grauenhaften Resultaten: Über 40 Prozent aller Arten sind vom Aussterben bedroht. Jedes Jahr nimmt die Masse an Insekten um 2,5 Prozent ab. Hauptgrund ist laut Sánchez-Bayo der Lebensraumverlust durch Überbauung und industrielle Landwirtschaft – also die ausgeräumten Landschaften, die auch das Schweizer Mittelland dominieren. Zudem beurteilt der Forscher Pestizide als fatal, speziell Neonikotinoide, von denen zwei auch in Schweizer Gewächshäusern zugelassen sind. Ohne Insekten gibt es nicht nur keine Bestäubung, sondern auch keine fruchtbaren Böden, keine Nahrung für Vögel und andere Tiere – Ökosysteme brechen zusammen. Wie wäre es mit einer Kampagne dazu?

Nachtrag vom 14. Februar 2019: Kurz nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass der SBV die Nullparzellen-Kampagne stoppt, weil sie von vielen BiolandwirtInnen kritisiert wurde.

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