Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Die berüchtigtste Frau Amerikas

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Es gibt Leute, die haben sich ihr Konterfei auf den Oberarm tätowieren lassen – auch Männer. Da prangt nun das schmale Gesicht einer ernst hinter übergrossen Brillengläsern in die Welt blickenden Frau. Wie kommt eine 86-jährige Feministin ausgerechnet dahin?

Ruth Bader Ginsburg ist Oberste Richterin am Supreme Court der USA, «Notorious RBG» wird sie genannt, seit sie Donald Trump im Wahlkampf 2016 als «faker» bezeichnet hat, als einen, der vorsätzlich Falsches vortäuscht. Wofür sie sich umgehend entschuldigt hat – eine solche Bemerkung sei ihres Amtes unwürdig. Öffentlich äusserte sie sich seither nie mehr kritisch über den Präsidenten. Die Stirn bietet sie ihm trotzdem – noch mindestens bis neunzig wolle sie ihr Amt ausüben, trotz zunehmender Fragilität und Krebsdiagnose.

Das glaubt sofort, wer «RBG» gesehen hat. In ihrem Dokumentarfilm blicken Julie Cohen und Betsy West hinter die Fassade dieser ebenso nüchternen wie intelligenten Frau, die seit der Wahl Trumps zu einer veritablen Ikone des Widerstands avanciert ist. Kein Wunder also, beginnt das Porträt im Kraftstudio, wo wir Ginsburg beim Hantelstemmen und Medizinballwerfen zuschauen. Die zierliche Frau aus Brooklyn hat seit ihrer Jugend mit grosser Hartnäckigkeit bei gleichzeitiger Zurückhaltung für die Gleichberechtigung von Frauen gekämpft.

Ginsburg hatte als eine der ersten Frauen an der Eliteuniversität Harvard studiert. Doch nach ihrem Abschluss 1959 musste sie die Erfahrung machen, dass keine einzige Anwaltskanzlei in New York bereit war, eine Frau anzustellen. «Es gab Tausende von Gesetzen, die auf Grundlage des Geschlechts diskriminierten», erinnert sie sich. Und das musste sie den Richtern in ihren ersten Fällen erst einmal bewusst machen: «Ich kam mir vor wie eine Art Kindergartenlehrerin.»

In ihrem vielschichtigen Porträt gelingt es den Filmemacherinnen, Ruth Bader Ginsburg persönlich so nahe zu kommen, dass glasklar wird, weshalb sie so berüchtigt ist.

Jetzt im Kino.

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