Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Dieses Gefühl von Notstand

Erst letztes Jahr in Grossbritannien entstanden, verbreitet sich Extinction Rebellion in immer mehr Ländern, auch in der Schweiz. Die Bewegung setzt auf zivilen Ungehorsam, drastische Rhetorik – und Sorge füreinander.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Langsam beginnen und dann eskalieren»: Hermann Müller und Marie S. von Extinction Rebellion an der Klimademo vom 6. April in Zürich.

Anaïs Tilquin ist Biologin. Da gehört die Beschäftigung mit der Natur zur täglichen Arbeit. Aber das Klima hatte sie lange nicht im Fokus: Die 26-Jährige forscht darüber, wie sich Sex in der Evolution entwickelt hat. «Beim Klima schaute ich weg. Es gab auch keine Bewegung, mit der ich mich identifizieren konnte.»

Dann, letztes Jahr, begann sie, sich in die Klimaforschung einzulesen, und erschrak. «Ich konnte nicht mehr schlafen. Noch nie hatte ich dieses Gefühl von Notstand gespürt.»

Marie S., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ging es ähnlich. Wie Tilquin ist auch sie Französin und lebt in Zürich. «Es war ein Schock», sagt die 31-jährige Kommunikationsfachfrau. «Ich hörte ja nicht das erste Mal davon – aber plötzlich spürte ich körperlich, dass wir in die Katastrophe laufen.»

Hermann Müller ist der Dritte am Tisch. Für ihn sei das ganz anders, sagt der seit kurzem pensionierte Primarlehrer – er ist fast vier Jahrzehnte älter als Anaïs Tilquin. «In den siebziger Jahren las ich ‹Die Grenzen des Wachstums›, den Bericht des Club of Rome. Ich weiss seit Jahrzehnten, dass das, was wir hier machen, schlecht endet.» Müller lebt in Quarten am Walensee und ist Mitglied der Grünen, hat auch schon für den St. Galler Kantonsrat kandidiert. Doch er ist überzeugt, dass angesichts des Klimanotstands die Parteiarbeit nicht mehr genügt.

«Die Rebellion gehört allen»

Inzwischen hat Tilquin eine Bewegung, in der sie sich wiederfindet. Sie heisst Extinction Rebellion, kurz XR, und ist letztes Jahr in Grossbritannien entstanden – aus «Rising up!», einem Netzwerk erfahrener AktivistInnen, das auf die Occupy-Proteste zurückgeht. Im November blockierten mehrere Tausend Leute fünf Brücken in der Londoner Innenstadt; dabei wurden Dutzende verhaftet. Mit Marie S., Müller und weiteren MitstreiterInnen versucht Tilquin, einen Schweizer Ast der Bewegung aufzubauen. Bereits gibt es Regionalgruppen in mehreren Städten.

Im Logo der «Rebellion gegen das Aussterben» steht das X, das aussieht wie eine Sanduhr: Die Zeit läuft ab. Die Bewegung hat radikale Forderungen gestellt, die auch die Klimajugend inspiriert haben: Die britische Regierung müsse darüber informieren, «wie tödlich unsere Situation ist», und entsprechend handeln, die CO2-Emissionen bis 2025 auf netto null bringen und durch internationale Zusammenarbeit den Ressourcenverbrauch der Wirtschaft drastisch reduzieren. Das verlange eine Mobilisierung, vergleichbar mit Kriegszeiten. Da die Bewegung, wie sie schreibt, der Regierung solche Schritte nicht zutraut, möchte sie zu diesem Zweck BürgerInnenversammlungen («citizen’s assemblies») einberufen. XR hat auch Grundsätze für Aktionen formuliert: «Wir zeigen Respekt für alle und wenden keine körperliche oder verbale Gewalt an.»

Das seien die Grundlagen der Bewegung, auch ausserhalb Grossbritanniens, sagen die drei Schweizer AktivistInnen. «Wir sind horizontal organisiert», erklärt Tilquin. «Die Rebellion gehört allen, solange sie sich an diese Grundsätze halten.» Am 1. April störte ein Dutzend halb nackte AktivistInnen eine Debatte im britischen Unterhaus, um daran zu erinnern, dass es noch dringendere Probleme gibt als den Brexit. «Diese Aktion gefiel wahrscheinlich nicht allen von XR, vielleicht fanden sie manche unanständig. Aber sie hat den Prinzipien der Gewaltlosigkeit entsprochen.»

Angst und Trauer angehen

Ist XR einfach die Klimastreikbewegung für Erwachsene? «Wir wollen weiter gehen als nur demonstrieren», sagt Hermann Müller. «Wir planen Aktionen zivilen Ungehorsams.» Man wolle «langsam beginnen und dann eskalieren», ergänzt Marie S. Im 45-minütigen Referat, mit dem XR Grossbritannien ihre Anliegen vorstellt und das die AktivistInnen nun für ihre Länder weiterentwickeln, stellt sich die Bewegung in die gewaltlose, aber offensive Tradition von Martin Luther King und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Die Bereitschaft, für ein Anliegen ins Gefängnis zu gehen, könne Teil des Erfolgs sein, heisst es darin. Mit Aktionstrainings und Infos über das Rechtliche bereitet XR Interessierte vor.

Momentan sei die Schweizer Bewegung aber noch zu klein für grosse Aktionen, sagt Marie S. Wenn XR am kommenden Samstag auf dem Bundesplatz die Rebellion ausruft, geht das darum als fröhliches Happening mit Reden und Musik über die Bühne. «Beides hat Platz», sagt Tilquin, «ziviler Ungehorsam, aber auch Kunst.»

Und Gefühle: XR lädt zu einem offensiven Umgang mit der Angst vor der Klimakatastrophe und der damit verbundenen Trauer ein – es gibt eigens Treffen, um sich darüber auszutauschen. «Wir versuchen, eine regenerative Kultur zu schaffen», sagt Tilquin, «eine neue Gesellschaft, die auf Resilienz und Solidarität basiert. Sogar falls wir scheitern, wollen wir nicht aggressiv, nicht selbstzentriert werden.»

Manchmal wirkt das gar pathetisch, etwa wenn eine US-amerikanische XR-Gruppe zu einem Treffen mit dem Titel «The Skill of Brokenheartedness» aufruft: «Ein ehrenhaftes Willkommen erwartet Herzen und Tränen, Worte, Stille … alles, was da ist.» Aber es lässt sich kaum bestreiten: Die Sorge füreinander kam in linken Bewegungen oft zu kurz. Dass XR hier gegensteuert, ist eine gute Sache.

«Wir sind nicht alle links», sagt Tilquin allerdings. Es sei nicht einmal nötig, sich in der Umweltpolitik über alles einig zu sein: «Über Atomkraft oder Gentechnik kann es verschiedene Meinungen geben, das tut nichts zur Sache.»

Ihr Umfeld reagiere unterschiedlich auf den Aktivismus, erzählen die drei. «In meinem Dorf denken sie, ich sei verrückt geworden», sagt Hermann Müller. «Auf dem Land verschliessen viele ihre Ohren, wenn es ums Klima geht.» Sie streite mit ihrem Freund über das Thema, sagt Anaïs Tilquin – vor allem darüber, was die richtige Strategie sei: «Er hat mehr Vertrauen in die offizielle Politik als ich.» Aber sonst sei das Ganze erfreulich: «Ich habe in kurzer Zeit mehr Leute kennengelernt als zuvor in vier Jahren.» Marie S. stimmt zu: «Ich fühle mich nicht mehr allein.»

Besser ohne Partei?

Die neue Klimabewegung ist so globalisiert wie wenige solidarische Bewegungen zuvor. Schon die globalisierungskritischen RebellInnen vor zwanzig Jahren nutzten das Internet – doch damals ging es vor allem um E-Mail-Listen. Inzwischen haben Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit des Netzes enorm zugenommen, in Sekundenschnelle zirkulieren Videos von Aktionen um den Globus – die Bewegung produziert Social-Media-Material in einem Umfang, der selbst ein bisschen zum Klimaproblem geworden ist. Und auch die Inhalte haben sich globalisiert: Von New York bis São Paulo, von Kopenhagen bis Kerala die gleichen Parolen, ähnliche Transparente.

Manchmal täuscht die Globalisierung der Bilder aber über bleibende Unterschiede zwischen Staaten hinweg. So fällt auf, wie sehr sich die Forderungen von XR, auch von Marie S. und Tilquin, an «die Regierung» richten. Im zentralistischen Frankreich ist das vielleicht berechtigt – aber wen soll man in der föderalistischen, direktdemokratischen Schweiz eigentlich auffordern, endlich zu handeln?

Auch die Forderung von XR nach «citizen’s assemblies» hat viel mit frustrierenden Erfahrungen in verschiedenen EU-Ländern der letzten Jahre zu tun: mit Parteien, die sich neu gründeten, Alternativen versprachen und dann doch nichts Neues brachten. In verschiedenen Ländern fordern alternative Bewegungen nun die Abschaffung von Wahlen: Gremien sollen per Losentscheid zufällig besetzt werden. Auch Tilquin erwähnt diese Idee: Das sei eine Alternative zu ParteipolitikerInnen mit ihren Lobbykontakten. Sie hofft, dass BürgerInnenversammlungen schneller und wirksamer auf den Klimanotstand reagieren könnten als Parlamente.

Doch warum sollten sie? Das erinnert an die Erwartungen, die hierzulande manche an «parteifreie» Kandidierende haben: als wären Menschen ohne Partei per se frei von Eigeninteressen und nicht korrumpierbar.

XR vorzuwerfen, dass sie keinen realistischen Masterplan für die Rettung der Welt habe, ist allerdings unfair: Der Klimanotstand überfordert alle. Nötig wäre es, die Güterproduktion und den Konsum radikal zu reduzieren, doch mehrheitsfähig ist das nicht. Und der Kapitalismus lebt vom Wachstum: Niemand weiss, wie man die Wirtschaft so organisieren könnte, dass sie schrumpft, aber nicht zusammenbricht. Genauso wenig werden die ölfördernden Länder freiwillig aufhören, ihr Haupteinkommen aus dem Boden zu holen.

«Ich hasse es, wie diese Wirtschaft funktioniert», sagt Hermann Müller. «Wir machen alles kaputt: den Regenwald, die Arktis, die Tiefsee … Das muss aufhören.» Doch niemand kennt den Notausgang. XR hat sich zumindest aufgemacht, ihn zu suchen.

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