Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Vulven im Widerstand

Die spanische Frauenbewegung wächst seit ein paar Jahren stetig – das gefällt den Rechtkonservativen gar nicht.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

«Im Namen unserer allerheiligsten Vulva»: Die an dieser Aktion am 1. Mai 2014 beteiligten Frauen wurden wegen Verletzung religiöser Gefühle angeklagt. Foto: Pit Wuhrer

Ein Tag reicht nicht, um alles anzuklagen, was Spaniens Frauen widerfährt, oder alle Rechte einzufordern, die ihnen noch verweigert werden. Deswegen dauerte der «8M», der 8. März, nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche: Im Mittelpunkt der vielen Seminare und Veranstaltungen standen sexistische Männergewalt, Diskriminierung im Arbeitsmarkt, sexuelle Rechte. Und dieses Jahr zum ersten Mal auch Rassismus.

Nach der Kritik von 2018, als sich viele Migrantinnen nicht repräsentiert fühlten, nahm die «Kommission 8M» – die in den vergangenen Jahren den Weltfrauentag koordinierte und in der diverse Frauengruppen organisiert sind – dieses Mal eine klare antirassistische Position ein und forderte eine Änderung des Ausländergesetzes, das Ende der Diskriminierung nichtspanischer Frauen (und Männer) und die Schliessung aller «Ausländerhaftanstalten» (CIE), so der Name für Aufnahmezentren für papierlose ZuwanderInnen.

RassistInnen mit Oberwasser

Diese Forderungen sind dieses Jahr noch dringender geworden: Seit den Wahlerfolgen der neuen rechtsextremen Partei Vox fühlen sich Spaniens RassistInnen gestärkt. «Früher kam es ab und zu vor, dass ich aufgrund meiner Hautfarbe beleidigt wurde. Jetzt werde ich fast täglich angepöbelt», sagt Gloria Ekereuwem.

Die 55-jährige Nigerianerin und Mutter von zwei Kindern lebt seit 33 Jahren in Sevilla. Sie ist Vorsitzende der Vereinigung Mujeres entre Mundos (MeM, etwa: Frauen zwischen Welten), die seit zwanzig Jahren Frauen jeglicher Herkunft zusammenbringt. Inzwischen leistet die NGO jährlich rund 500 Frauen aus Sevilla und Umgebung Beistand bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, bei Ausbeutung am Arbeitsplatz, sexuellem Missbrauch oder anderer Männergewalt.

Am 8. März unterstützte MeM den Aufruf der Kommission, die familiäre Pflege, die Arbeit, den Konsum und die Studien einzustellen, um zu zeigen, dass «ohne Frauen weder produziert noch reproduziert wird». Am Arbeits- und Pflegestreik nahmen jedoch die wenigsten Migrantinnen teil. «Die meisten zugewanderten Frauen haben einen prekären Arbeitsplatz als Haushaltshilfe oder Reinigungskraft und können es sich nicht leisten, einen Tag die Arbeit niederzulegen. Und wenn du keine Familie in der Nähe hast, kannst du auch am Pflegestreik nicht teilnehmen. Wer soll sich um deine Kinder kümmern?», sagt Gloria Ekereuwem.

Zu den Demonstrationen aber kamen auch sie. Gloria Ekereuwem ist überzeugt, dass der Weltfrauentag in Spanien erst richtig gross ist, seit Frauen afrikanischer, südamerikanischer und asiatischer Herkunft miteinbezogen werden.

Ähnlich denkt Antonia Ávalos. «Der traditionelle institutionalisierte Feminismus hat bis vor ein paar Jahren die spezifischen Probleme nichtspanischer Frauen eher ignoriert. Oder die der LGBTIQ-Gruppen. Oder die der Prostituierten. Persönlich bin ich für ein Sexkaufverbot, denke aber, dass die Prostituierten gefragt werden sollten», sagt sie.

Die 56-jährige Mexikanerin kam vor dreizehn Jahren mit ihrer Tochter nach Spanien, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann. Seither ist sie Aktivistin der Gruppe Mujeres supervivientes, einer NGO von Frauen, die Männergewalt überlebt haben.

Die Männergewalt nimmt eher zu

Die Integration weiterer benachteiligter Gruppen ist wichtig für das Anwachsen der spanischen Frauenbewegung in den letzten Jahren. Aber es gibt noch weitere Gründe: die Männergewalt, die nicht ab-, sondern eher zunimmt; die patriarchalische Justiz, die Aussagen weiblicher Opfer meist infrage stellt und männliche Täter entschuldigt; und den Angriff von rechts auf das Abtreibungsgesetz.

2014 war der rechtskonservative Partido Popular, der damals mit absoluter Mehrheit regierte, kurz davor, Schwangerschaftsabbrüche nur noch im Fall einer Vergewaltigung und bei schwerer Gesundheitsgefährdung der Mutter zu erlauben. Hunderttausende protestierten so lange, bis das Vorhaben zurückgenommen wurde. Auch Antonia Ávalos war dabei.

Bei der 1.-Mai-Demo 2014 trug sie mit anderen Frauen eine zwei Meter grosse Vulva aus Pappmaché durch die Strassen Sevillas. Dazu beteten sie «Weder im Namen des Vaters noch des Sohnes, sondern unserer allerheiligsten Vulva».

Der «santísimo coño insumiso», die allerheiligste ungehorsame Vulva, gefiel der ultrarechten katholischen Vereinigung Christlicher Rechtsanwälte gar nicht, und so erstattete sie Anzeige gegen drei Frauen, die identifiziert werden konnten, darunter Antonia Ávalos. Sie hätten «das Dogma der Jungfräulichkeit der Jungfrau Maria angezweifelt» und somit – so die Anklage – gegen Paragraf 525 des Strafgesetzbuchs verstossen, der das Beleidigen religiöser Gefühle unter Strafe stellt. Die drei Frauen wurden 2015 zwar freigesprochen, aber die Vereinigung focht das Urteil an, und das Landgericht von Sevilla nahm 2017 den Fall wieder auf. Das Verfahren, bei dem die Staatsanwaltschaft für jede Angeklagte zwei Jahre Haft und 3600 Euro Geldstrafe fordert, beginnt am 3. Oktober.

Trotzdem tauchen bei Demonstrationen in Sevilla immer wieder «ungehorsame Vulven» auf. «Die jungen Feministinnen sind mutig und kämpferisch. Ausserdem sind wir Überlebende, so schnell zwingt uns niemand in die Knie», sagt Antonia Ávalos.

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