Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Mit jedem Wort

Von David Hunziker

Es ist ein Liebeslied, in dem Kate Tempest diese Zeile sagt, die auch den Grundantrieb hinter ihrer Kunst beschreiben könnte: «Da ist etwas in dieser Zärtlichkeit, das macht, dass ich leben will.» Die politische Grosswetterlage auf ihrem aktuellem Album, «The Book of Traps and Lessons», ist wieder apokalyptisch, aber in diesem Liebeslied, «Firesmoke» heisst es, steigen wir hinab in eine Liebeshöhle, hören nur zu, wie sich da ein ganzer Kosmos auftut zwischen ihr und ihrer Geliebten, Funken sprühen, Feuer brennen.

Zärtlich ist nicht nur die rührende Verschmelzung dieser Körper, sondern vor allem Tempests Sprache: wie sie sanft und eindringlich erzählt, Reime und Bilder flicht, der natürlichen Sprechmelodie ein episches Gewicht gibt. Dazu spielt ein langsamer Beat, der eher Atmosphäre ist als Rhythmus: Ein verhangener Pianoloop und die rieselnden Jazz-Cymbals des Schweizer Schlagzeugers Julian Sartorius tauchen die Geschichte in watteweiche Intimität. Ist das noch Hip-Hop, gar noch Rap?

Ausgerechnet Rick Rubin, der die ersten Platten der Beastie Boys und von Public Enemy produzierte, soll ihr das Rappen ausgetrieben haben. Während der mehrjährigen Zusammenarbeit, die in «The Book of Traps and Lessons» mündete, habe der Kultproduzent sie dazu ermutigt, sich von Beat und Raptechnik zu lösen und dem Fluss der Sprache freien Lauf zu lassen. Tatsächlich verzahnt sich die Musik auf diesem Album selten rhythmisch mit der Sprache – oft gibt es nicht einmal einen Beat, sondern nur bedrohlich klingende Streicherflächen oder eine einfache Figur aus dem Synthesizer.

In «All Humans Too Late» dann ist die Stimme ganz alleine: «Was können wir tun, um menschlich zu bleiben?» Selbstverständlich ist das nicht, denn so zärtlich die Erzählerin, so verhängnisvoll ihre Gegenwart: überall Bildschirme, Rassismus und Hamsterräder. Wie trägt Tempest es nur, dieses ungebrochene Pathos ums politische, ja existenzielle Ganze? Ganz einfach: mit jedem Wort.

Live: Kate Tempest tritt am Donnerstag, 13. Juni 2019, um 21 Uhr am B-Sides-Festival in Kriens auf.

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