Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

An der Front

Mittendrin statt nur dabei: Peter Jacksons gefeierter Film zeigt Archivbilder aus dem Ersten Weltkrieg in Farbe und in 3-D. Wo ist das Problem?

Von Florian Keller

Wir wissen, dass die Welt vor hundert Jahren nicht schwarzweiss war. Wir wissen, dass die Welt nicht tonlos war, dass die Menschen sprechen konnten. Aber Filme konnten es noch nicht damals, und diese historischen Beschränkungen des Mediums verstärken unweigerlich die Distanz zu jener Zeit, wenn wir etwa filmische Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg sehen. Die Farbe des Grauens, der Lärm des Gemetzels: Das alles müssen wir uns dazudenken.

Peter Jackson, Regisseur von «The Lord of the Rings», will uns diese Arbeit nun abnehmen, indem er dokumentarisches Material von damals mit heutiger Technik aufmöbelt. Sein Film «They Shall Not Grow Old» besteht allein aus Archivmaterial, entstanden ist er im Auftrag des Imperial War Museum in London. Nicht nur, dass Jackson die Archivbilder aus dem Krieg kolorieren und mit grossem Aufwand «realistisch» nachvertonen liess, vom Quieken der Ratten bis zu den Stimmen der Soldaten – das Ganze ist auch noch in 3-D. Hereinspaziert zum Ersten Weltkrieg, jetzt endlich in Farbe als Spektakel zum Eintauchen!

Das Problem daran ist nicht so sehr, dass Jackson versucht, historische Zeugnisse an heutige Sehgewohnheiten anzupassen – kann er machen. Das Problem ist auch nicht unbedingt, dass er Dokumente aus dem Krieg auf diese Weise zum immersiven Eventkino aufrüstet – kann er machen. Das Problem ist die Kritik, die den Film unisono bejubelt. Ergriffen und überwältigt von der technischen Aufbereitung, lässt man alle weiteren Erwägungen unter den Tisch fallen.

Einzigartig! Beispiellos!

Von einer «einzigartigen Zeitreise» schrieb etwa ein Kritiker im «Tages-Anzeiger», der Krieg wirke hier so gegenwärtig, «als sei das alles grad gestern gewesen». Der britische «Telegraph» sah ein «historisches Porträt von beispielloser Unmittelbarkeit und Kraft», und im «Guardian» war von einem «visuell atemberaubenden Gedankenexperiment» zu lesen: Dem Regisseur sei es gelungen, mittels neuster Technik dem «alten Filmmaterial die Menschlichkeit zurückzuerstatten». So richtig «menschlich» werden diese historischen Aufnahmen also erst, wenn man sie farbig und in 3-D präpariert?

Dabei könnte man ja gerade bei «They Shall Not Grow Old» lernen, dass der neuste Stand der Technik nicht automatisch für mehr «lebensechte» Unmittelbarkeit bürgt. Im Gegenteil, die Überlagerung dieser alten Bilder und ihrer digitalen Revision führt in Jacksons Film immer wieder dazu, dass die Gesichter der Soldaten seltsam gespenstisch wirken – als wären sie animierte Figuren in einem Computerspiel. Paradoxer Effekt: Statt dass die historischen Soldaten dadurch gegenwärtiger wirken, werden sie entmenschlicht.

Im Westen nichts Neues?

Kommt hinzu, dass die spektakuläre Nachbearbeitung offenbar den Blick der Kritik dafür trübt, wessen Geschichte hier erzählt wird. Peter Jacksons Film ist gedacht als Hommage an die einfachen Soldaten, gewidmet ist er dem Grossvater des Regisseurs, der damals gekämpft hatte. Der «New York Times» erklärte Jackson: «Ich wollte mich auf ein Thema konzentrieren: die Erfahrung eines durchschnittlichen Infanteristen an der Westfront.»

So lässt er im Film weit über hundert britische Soldaten zu Wort kommen, deren Zeugnisse ebenfalls aus dem Archiv des Imperial War Museum stammen. Ihre Offstimmen verbinden sich zu einem eindrücklichen Gewebe von Erinnerungen, die vor allem in den geschilderten Details ungemein plastisch werden. Aber wie der US-Blogger Tim Carmody in einem klugen Essay zum Film geschrieben hat: Trotz dieser unzähligen Stimmen bekommen wir hier nicht die individuellen Geschichten einzelner Soldaten zu hören, sondern die monolithische Erfahrung einer sehr homogenen Masse von jungen britischen Männern.

Einmal nur, so kurz wie ein Lidschlag, marschieren zwei Regimenter aus den Kolonien durchs Bild. Ihre Erfahrung zählt nicht in diesem Film, der in seiner Fixierung auf die Fiktion des «durchschnittlichen» Soldaten die realen Differenzen planiert. Mit der 3-D-Brille sieht man zwar in die Tiefe, aber der historische Blick bleibt extrem eng. Und der ganze technische Aufwand bleibt genau das: ein Gimmick.

«They Shall Not Grow Old» läuft ab 27. Juni 2019 im Kino.

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