Nr. 27/2019 vom 04.07.2019

Die Skulptur als Biest

Eine mehrstöckige Verschachtelung aus Holz und Texten: Thomas Hirschhorn lässt auf dem Bieler Bahnhofplatz einen begehbaren Koloss wuchern – als Hommage an den Dichter Robert Walser.

Von Aoife Rosenmeyer

Wer und wo ist hier Robert Walser? Thomas Hirschhorns Handschrift hingegen ist in seiner 1300 Quadratmeter grossen Skulptur unverkennbar. Foto: Oliver Menge

Eine rudimentäre, raumgreifende und ziemlich chaotische Konstruktion aus Europaletten und Spanplatten besetzt den Bieler Bahnhofplatz. Sie ist zweistöckig, 1300 Quadratmeter gross und möbliert mit Sofas und Stühlen, die in braunes Klebeband eingewickelt sind. Auf jeder zur Verfügung stehenden Oberfläche wuchern hingesprayte Zitate in deutscher, französischer und englischer Sprache, auf Tüchern stehen weitere Nachrichten.

Ein Jahr später als geplant ist Thomas Hirschhorns «Robert Walser-Sculpture» nun täglich in Betrieb, als 13. Auflage der «Schweizerischen Plastikausstellungen Biel» seit 1954.

Instagram genügt nicht

«Venez nombreux», kommt zahlreich, werden die PassantInnen aufgefordert, und an diesem sonnigen Dienstagmorgen im Juni haben sich etwa ein Dutzend eingefunden, um auf der Strasse einer Walser-Lesung zu lauschen. In den oberen Stockwerken wandert ein stetes Rinnsal aus BesucherInnen durch verschiedene Nischen, in denen sich ein Aussenposten des Berner Robert-Walser-Zentrums eingerichtet hat, neben einem Café, einer Reparaturwerkstatt, einem Kinderbetreuungsangebot, Arabisch- und Esperantounterricht und einem Display, auf dem Texte von Robert Walser mit Texten der Domina Lady Xena verglichen werden – unter besonderer Berücksichtigung unterdrückter Sexualität.

Robert Walsers Textsammlung «Seeland» wird integral abgeschrieben, in einer Ausstellung wird der Erfolg des Schriftstellers Walser mit demjenigen seines Künstlerbruders Karl verglichen. Einige dieser Projekte scharen sich um ein schiefes Zentrum, auf der einen Seite werden grosse Styroporblöcke zugeschnitten, und Materialien für die täglichen Vorträge und Theateraufführungen lagern unter einer Plane.

Wir haben es hier nicht mit einer Skulptur im statischen Sinn zu tun, sondern mit etwas, das Hirschhorn als einer der international erfolgreichsten Schweizer Künstler ein Projekt der «Präsenz und Produktion» nennt. Man muss das mit eigenen Augen gesehen haben, Instagram genügt nicht. Wer mag, kann an einem fünfstündigen Spaziergang teilnehmen, der jeden Tag um 11 Uhr beginnt, der genaue Zeitpunkt der täglichen Vorträge wird jeweils erst um 10 Uhr bekannt gegeben. Es braucht also etwas Hingabe, wenn man den Walser-ExpertInnen zuhören will, die aus aller Welt eingeladen wurden. Andere Angebote wie der Stützpunkt Gassenarbeit oder das überdimensionale Schachspiel sind ständig zugänglich, und alle BesucherInnen können Texte für die täglich erscheinende Zeitung einreichen.

Für Teile der Schweizer Presse- und Politlandschaft ist Hirschhorn ein rotes Tuch, seit er 2004 geschworen hat, er werde in seinem Heimatland keine Ausstellung mehr machen, solange Christoph Blocher Bundesrat sei. Eine weitere Provokation war seine Ausstellung «Swiss-Swiss Democracy» im selben Jahr im Pariser Centre Culturel Suisse mit dem Theaterstück, in dem ein Schauspieler so tat, als ob er Blocher anpinkeln würde. Ein paar Tage bevor das Projekt in Biel eröffnet wurde, schimpfte etwa der Publizist Peter Rothenbühler in der «Schweizer Illustrierten», Hirschhorn hätte seine alte Drohung besser für immer wahr gemacht.

Tatsächlich war die Entstehung der Skulptur nicht einfach: Die einjährige Verspätung entstand, weil es Kommunikationsprobleme und mehrere Einwände gegen Last-Minute-Planungsanträge auszuräumen gab. Als sich Hirschhorn im Frühjahr wenig kompromissbereit zeigte, trat der Präsident der Schweizerischen Plastikausstellung zurück. Das Projekt ist weiterhin nicht vollständig finanziert, aber es findet definitiv statt. Wenn man Hirschhorns Arbeit kennt, sieht man seine Handschrift sofort, wenn nicht, ist sein Beitrag zu dieser Robert-Walser-Skulptur schwerer fassbar. Der Künstler ist vor Ort, und er hat auch die Ausstellung zu den Walser-Brüdern gestaltet. Aber Dutzende weitere bearbeiten die autonomen Glieder dieses Monsterprojekts ebenfalls.

Distanziert empathisch

Anders gefragt: Wer und wo ist hier Walser? Die riesige Skulptur, die in seiner Geburtsstadt gelandet ist, hält keine simplen Antworten parat. Unzählige Textstücke auf der Skulptur und in der Zeitung zeichnen das unscharfe Bild eines Beobachterschriftstellers, der empathisch war, seine Umgebung aber auch objektiv auf Distanz hielt. In den Bieler Vorträgen der Walser-Profis wurde bis jetzt über seine Mehrsprachigkeit gesprochen oder darüber, wie Walser sich im Fluss seiner Texte versteckt. Die Fussmärsche wiederum werden von AmateurInnen angeführt: Die Spazierenden sollen darüber meditieren, was Walser für sie bedeutet.

Über den ganzen Tag verteilt werden Walser-Texte jeweils in der Sprache der Vorlesenden vorgetragen. Und obwohl auch klassische Exponate zu sehen sind, fällt es schwer, die gewohnte distanzierte Position der Kunstbetrachterin einzunehmen: Die traditionelle Kunsterfahrung ist nur ein Zugang unter vielen, die diese Skulptur bereithält, man beginnt deshalb fast zwangsläufig, über die Mechanismen des Kulturkonsums nachzudenken.

BesucherInnen, die Musse haben, um einen ganzen Tag mit Flanieren und Diskutieren zu verbringen, nehmen sicher am meisten mit. Wer Walser bereits kennt, findet hier neue Wege zu seiner Literatur. Aber der Schriftsteller wird in Biel auch für alle anderen zugänglich – ebenso wie Hirschhorns Skulptur.

Thomas Hirschhorns «Robert Walser-Sculpture» ist bis am 8. September 2019 auf dem Bieler Bahnhofplatz zu erkunden. www.robertwalser-sculpture.com

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