Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Tauchgang im Schädel

Von David Hunziker

Ja, manchmal ist das Leben traurig, und jetzt zählen mal alle bis achtzehn. Auch auf ihrem neusten Album «King’s Mouth» kratzen The Flaming Lips wieder arg am Banalen – doch wieso klingt ihre Musik dann kaum je so? Das liegt an der kindlichen Zerbrechlichkeit von Wayne Coynes Stimme, die durch elektronische Verfremdung nur noch an Tiefe gewinnt; aber auch an den psychedelischen Abgründen, die unter der euphorischen Klangpracht lauern. «King’s Mouth», das erste Konzeptalbum der Band, wird zusammengehalten von der Geschichte eines riesigen Königs, der stirbt, als er seine Stadt vor einer Lawine schützen will – und fortan leben seine Leute in seinem Schädel.

Es ist nicht der erste Schädel im Werk der Flaming Lips. Einst nahm die Band einen 24 Stunden langen Song auf und veröffentlichte ihn auf Speichersticks, die in echten menschlichen Schädeln eingelassen waren. Nach herausragenden Alben, auf denen sich die einstige Krachband Ende der Neunziger im Psychedelic Rock neu erfand, und dem kommerziellen Durchbruch haben sich die Flaming Lips manche Kapriole geleistet: etwa ganze Alben von Pink Floyd oder den Beatles mit Henry Rollins oder Miley Cyrus gecovert, und zwar so, als würde ein weiterer LSD-Filter darübergelegt. Irritierte KritikerInnen fragten sich, ob das noch eine kreative Suche war oder nur noch ein Stresstest für die HörerInnen.

Bei «King’s Mouth» fällt die Antwort wieder leichter, gleich mehrere Songs reihen sich unter die besten der Band ein. Doch Singles gibt es auf diesem Album kaum, seine ganze Kraft entfaltet es, wenn man sich durch die fragmentierten, assoziativ verknüpften Teile treiben lässt, wodurch seine glanzvollen Momente umso prägnanter heraustreten: die Killerbaseline von «Feedaloodum Beedle Dot», der verträumte Folkhook von «Giant Baby», der feierliche Bombast von «How Can a Head». Im Schädel dieses Königs tun sich ganze Galaxien auf, und sein Inneres steht, so viel lässt sich sagen, auch für Tauchgänge durch den menschlichen Geist.

Konzert: Festival Nox Orae, La Tour-de-Peilz VD, Freitag, 30. August 2019, 22.10 Uhr. Mit Low, Deerhunter, Spiritualized. Ganzes Programm: www.noxorae.ch

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