Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Hier kommst du nicht raus

Läuft und läuft und läuft: King Gizzard and the Lizard Wizard haben gerade ihr 17. Album in elf Jahren veröffentlicht. Wahnsinn und Humor liegen bei der australischen Band stets nahe beieinander.

Von David Hunziker

Nur das Schlagzeug bleibt nüchtern: King Gizzard and the Lizard Wizard. Foto: Jamie Wdziekonski

Es ist, als würden die Töne schmelzen, auf schiefe Bahnen geraten und seltsame Ziele ansteuern. Das fühlt sich gar nicht mal so angenehm an, wie es klingen mag – als würde man die Geschmacksempfindung von Säure auf den Gehörgang übertragen. Dabei verbiegt sich hier gar nichts; das an westliche Musik gewöhnte Gehirn hat nur etwas Mühe, sich in der Zone zwischen den Halbtonschritten zurechtzufinden: Wir haben es mit mikrotonal gestimmten Instrumenten zu tun, die auch Vierteltöne und also unzählige schräge Harmonien von sich geben. Psychedelischer Effekt: geschenkt.

Die Rede ist von der australischen Band King Gizzard and the Lizard Wizard und ihrem aktuellen Album «L.W.». Besonders schön zur Geltung kommt die tonale Irritation im Song «See Me». Eine abfallende, arabisch klingende Tonfolge aus einem Xylofon reibt sich an einem konstanten Gitarrenton – das harmonische Empfinden gerät ins Rutschen. Während das Schlagzeug dem Song einen rhythmisch klar definierten Vorwärtsschub verleiht, wird es obenrum nur verworrener, als weitere Instrumente im harmonischen Dickicht herumstochern. Einzig auf den Groove ist Verlass.

Diese Erfahrung ist typisch für die King-Gizzard-Songs. Selbst dann, wenn ihre Instrumente normal gestimmt sind, steht ihre Musik immer irgendwie unter Spannung, wirkt teilweise geradezu hastig. Obwohl die Songs meist auf leicht verständlichen Figuren und Grooves aufbauen, will sich in deren Wiederholung keine Ruhe einstellen. Vielmehr wirkt diese Band getrieben, als wollte sie einen mitreissen in einen endlosen, ausweglosen Strudel.

Wohin fliegt die Banane?

Auch das Werk von King Gizzard folgt immer wieder zyklischen Bewegungen, als wollten sie klarmachen: Hier kommst du nicht raus! Der hochtourige Garage-Krautrock auf dem Album «Nonagon Infinity» (2016) etwa ist als endloser Loop angelegt: Der letzte Song geht nahtlos in den ersten über. In solche Schleifen eingebunden ist auch «L.W.», nur in grösserem Massstab. Es ist das letzte Album einer Trilogie, die sich mit mikrotonaler Stimmung beschäftigt. Der erste Teil war «Flying Microtonal Banana» (2017), der zweite folgte im letzten Dezember mit «K.G.», und nur zwei Monate später – die Pandemie scheint den Drive der Band kein bisschen zu schwächen – sind wir nun mit «L.W.» am Ende der Trilogie angelangt. Während das zweite Album mit dem Song «K.G.L.W.» begann, der die Spur des ersten Teils aufnimmt, endet das dritte jetzt mit einem Song namens «K.G.L.W.» (das gemeinsame Thema wird einmal mit akustischer Gitarre und Flöte, einmal mit Doom-Metal-Gitarre gespielt). Und was hat es überhaupt zu bedeuten, dass hier überall die Initialen der Band zu finden sind?

Vermutlich nicht besonders viel. Auch wenn die komplex getaktete Rockmusik von King Gizzard etwas vom Progressive Rock der Siebziger hat, so gibt es doch etwas, in dem sich die Australier klar von dem oft verkrampften Hochkulturanspruch und der Dramatik dieser Strömung unterscheiden: den Humor. So hat sich etwa eine Debatte darum entzündet, ob ihr Album «Murder of the Universe» (2017), ein dreiteiliges Konzeptalbum mit erzählenden Zwischensequenzen, auch eine Parodie auf die Form des Konzeptalbums sei.

Am guten Geschmack kratzen

Im Kontext wirken viele Alben der Band auch wie Kapriolen. Nachdem sie sich 2017 mit fünf Alben den Ruf als eine der produktivsten Bands der Welt erworben hatten, kratzten King Gizzard 2019 mit zwei weiteren Alben am guten Geschmack: zuerst eines mit Boogie und Bluesrock, dann eines mit Thrash Metal. Doch so verschroben, wie solche stilistischen Dehnungen suggerieren, ist diese Band gar nicht. Tatsächlich haben King Gizzard alles, was für eine Rockband heute zum coolen Ton gehört: Motorikbeats, globalkulturelle Marker wie arabische Tonleitern, eine flache Bandhierarchie, Songtexte über Ökoapokalypsen und Internetparanoia. Wer ihr neues Album kauft, tut sogar etwas fürs ökologische Gewissen: Mit einem Teil des Erlöses werden in Australien und Neuseeland Bäume gepflanzt.

Die beiden neusten Alben klingen wieder deutlich mehr nach Kerngeschäft. Einerseits streift die Band hier viele ihrer stilistischen Einflüsse – neben östlichen Harmonien die psychedelische Musik der Sechziger und Siebziger in zahlreichen Variationen. Andererseits zeigt sich auch schön, wie bei King Gizzard ein Instrument meistens die heimliche Hauptrolle spielt: das Schlagzeug (bis letztes Jahr hatten sie sogar zwei davon). Die agilen, oft synkopierten Beats halten das Energielevel hoch, und mit seinem trockenen, präsenten Sound ist das Schlagzeug das einzige Instrument, das quasi nüchtern bleibt. Zum Beispiel in «Static Electricity» auf dem neuen Album: Die lallende Leadgitarre, die dezent störende Sitar, der wolkige Gesang – alle total verpeilt!

King Gizzards Musik ist nicht unbedingt emotional, man könnte sie in weiten Teilen sogar als kalt bezeichnen. Vielleicht ist das auch ein Effekt ihrer Produktivität: Patterns montieren geht einfach schneller, als Songs zu schreiben. Allerdings will diese Psychomusik (im besten Sinn) auch keine Trauer oder Wut über die Welt hervorrufen, die sie kritisiert, sondern ihren Wahnsinn nur noch stärker erlebbar machen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch