Nr. 42/2019 vom 17.10.2019

Drei Frauen und eine Nudelfabrik

Von Silvia Süess

Nach dem Tod ihrer Grossmutter Pauline findet Selma Einzig eine Kiste mit Fotos, Zeitungsartikeln über die Ukraine, einem Buch über die Geschichte der Juden in der Ostschweiz sowie einer Notiz mit einer Adresse in Valparaiso in Chile. Selma wuchs bei ihrer Grossmutter auf, weil ihre Mutter nach Chile ausgewandert sei. Selma wird klar, dass dieser Fund eine Fährte zur Geschichte ihrer Familie ist – zu einer anderen, als die Grossmutter erzählt hat. Kurzentschlossen macht sie sich auf die Suche.

Die Zürcher Autorin Johanna Lier, die auch für die WOZ schreibt, erzählt in ihrem neuen Roman «Wie die Milch aus dem Schaf kommt» einerseits von der Macht des Geschichtenerzählens, andererseits von Migration, Armut und Gewalt, aber auch von Stolz und Erfindertum. Im Zentrum des fast 200 Jahre umfassenden Familienromans stehen drei Frauen: Selma, deren Grossmutter Pauline, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, sowie Hannah, mit der diese beginnt. Hannah verlässt 1841 nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Stiefsohn, der gleichzeitig ihr Geliebter ist, und ihren zwei Kindern das jüdische Schtetl in Sambir in der heutigen Ukraine. Das Ziel ist Valparaiso. Eher zufällig landen sie in Donzhausen in der Ostschweiz, wo Hannah die erste Nudelfabrik der Schweiz aufbauen wird.

Lier hat sich von den Erzählungen ihrer Grossmutter inspirieren lassen und mehrere Jahre recherchiert. Fast dokumentarisch und in poetischer Sprache beschreibt sie die Umstände, unter denen Hannah flieht, die Gewalt und die sexuellen Übergriffe, die sie auf der Flucht und bei ihrer Ankunft in der Schweiz erlebt, sowie die Armut, in der die Schweizer Landbevölkerung damals lebte. Gekonnt verwebt Lier die historische Erzählung mit der Geschichte der 35-jährigen Selma, die im Jetzt von Westen nach Osten reist, und macht deutlich, wie aktuell vermeintlich Vergangenes noch immer ist.

Lesungen in Frauenfeld, Eisenbeiz, Mi, 23. Oktober 2019, 20 Uhr; Lichtensteig, Beachtbar, Sa, 26. Oktober 2019, 19 Uhr. Weitere Termine unter pillowbook.ch.

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