Nr. 44/2019 vom 31.10.2019

Zeitenwechsel im Wallis

Beim zweiten Wahlgang am Sonntag könnte die CVP im Wallis einen ihrer beiden Sitze im Ständerat verlieren – ausgerechnet an Mathias Reynard, einen Sozialdemokraten vom linken Flügel.

Von Daniel Hackbarth

Mathias Reynard, Ständeratskandidat Foto: Béatrice Devènes

Im Wallis kündigt sich Historisches an: Erstmals seit Mitte des 19. Jahrhunderts könnte der Kanton einen Politiker in den Ständerat schicken, der nicht einer konservativen Partei angehört. Bei den Wahlen am 20. Oktober hat die christdemokratische Vorherrschaft deutliche Risse erhalten, was vor allem am Abschneiden Mathias Reynards abzulesen ist: Der SP-Politiker wurde von den WalliserInnen mit den meisten Stimmen in den Nationalrat gewählt. An diesem Sonntag hat er nun im zweiten Wahlgang für den Ständerat intakte Chancen, in die kleinen Kammer gewählt zu werden.

Vor knapp zwei Wochen lag der 32-jährige Unterwalliser nicht nur 20 000 Stimmen vor dem SVP-Kandidaten Cyrille Fauchère, sondern auch nur rund 3000 Stimmen hinter der Zweitplatzierten Marianne Maret (CVP), deren Parteikollege Beat Rieder klar die meisten Voten errungen hatte und aller Wahrscheinlichkeit nach erneut das Wallis im Ständerat repräsentieren dürfte. Dass Reynard dem CVP-Duo so nahe kam, war eine Sensation. Und inzwischen hat er unerwartete Schützenhilfe erhalten: Altbundesrat Pascal Couchepin (FDP) sprach dem SP-Politiker ausdrücklich seine Unterstützung zu, nachdem sich der FDP-Kandidat Philippe Nantermod aus dem Rennen genommen hatte. Grund dafür sind nicht etwa ideologische Überschneidungen, sondern ein demokratiepolitisches Argument: Mit einem Anteil von nur noch knapp 35 Prozent CVP-Stimmen im Wallis für die CVP ist nicht nachzuvollziehen, warum die Partei nach wie vor exklusiv den Kanton im Ständerat vertreten sollte.

Wie aber hat ein Sozialdemokrat vom linken Flügel bloss das Kunststück vollbracht, in einem traditionell rechten und ländlich geprägten Kanton eine solche Dynamik zu erzeugen?

Massenwirkung dank Diversifizierung

Mit Reynards smarter Erscheinung allein dürfte das kaum zu erklären sein. Fragt man den Sozialdemokraten selbst nach seiner Strategie, revidiert er zunächst das landläufige Bild von seinem Kanton: «Man muss sehen, dass das Wallis offenbar nicht so rechts und so konservativ ist, wie alle – und ich ja auch – immer gesagt haben: Die SP und die Grünen haben zusammen 27 Prozent geholt. Das ist ein historisch gutes Ergebnis für die Linke und nicht viel schlechter als die Resultate in urbaner geprägten Kantonen», sagt Reynard.

Mit einer einfachen Erfolgsformel könne er ohnehin nicht dienen, sagt er, vielmehr sei sein Wahlergebnis vermutlich als Anerkennung der Arbeit zu deuten, die er als Nationalrat in Bern seit 2011 für das Wallis geleistet habe. «Natürlich ist für viele hier die Hemmschwelle gross, SP zu wählen, wenn sie aus einer Familie kommen, in der das als völlig undenkbar gilt. Ich engagiere mich deswegen in vielen verschiedenen Dossiers, sei es für kantonale Belange wie die Wasserkraft oder den Service public, aber auch im Kampf gegen Homophobie und für die Gleichstellung.» Wenn dann jemand sehe, dass seine konkreten Anliegen von einem SP-Politiker vertreten würden, seien die Beissreflexe gegen links vielleicht nicht mehr so gross, glaubt Reynard.

In Interviews mit regionalen Medien verhehlt der 32-jährige Lehrer nicht, klar links zu stehen – etwa bei arbeitsrechtlichen Fragen. Zugleich betont er aber stets auch, dass er über Parteigrenzen hinweg die Zusammenarbeit suche und bisweilen auch konservative Positionen vertrete, etwa wenn es um die Bewahrung von Traditionen oder die Dialektpflege geht. Blosses Kalkül sei das nicht: «Ich glaube nicht, dass so etwas wie Traditionen ein rechtes Thema sind», sagt Reynard. «Worum es hier geht, ist unsere Kultur. Das ist nicht etwas, was man der SVP oder der CVP überlassen darf, solche Fragen gehen alle an.» Und natürlich: Man könne Leute besser für eine solidarische Politik gewinnen, wenn man ihnen signalisiere, dass einem diese Politikfelder nicht egal seien.

Unterwalliser Duell

Das schweizweit eher schlechte Abschneiden der Sozialdemokratie erklärt auch Reynard damit, dass wohl viele traditionelle SP-WählerInnen Grün gewählt haben, weil das Klima das beherrschende Thema gewesen sei. In seinem Kanton jedoch habe eine andere Dynamik gewirkt: Sowohl die SP als auch die Grünen gewannen Stimmenanteile hinzu – was beweise, dass die beiden Parteien sehr wohl auch gleichzeitig erfolgreich sein könnten, sagt Reynard. In seinem Fall spielt wohl eine Rolle, dass er als Vorstandsmitglied der Alpeninitiative auch klimapolitisch profiliert ist.

Pikanterweise jedoch konkurriert Reynard nun im zweiten Wahlgang ausgerechnet mit einer Frau, die wie er aus dem Unterwallis kommt: Würde Marianne Maret in den Ständerat gewählt, wäre das ebenfalls historisch, weil der Kanton bislang noch nie eine Vertreterin in die kleine Kammer entsandt hat. Reynard ist sich dieser Konstellation bewusst. Allerdings, sagt er, hätte die CVP ja über Jahrzehnte ausreichend Gelegenheit gehabt, eine Frau in den Ständerat zu bringen. «Ausserdem: Ja, natürlich ist es sehr wichtig, mehr Frauen in Ämter zu bringen. Aber Gleichstellungspolitik ist nicht allein darauf zu reduzieren. Wichtig ist es, ausreichend Politiker und Politikerinnen zu haben, die sich für die Gleichstellung einsetzen: für mehr Lohngleichheit, für den Schutz vor sexueller Belästigung, mehr Vaterschaftsurlaub und so weiter.» Er habe sich stets in diesem Sinn engagiert, und das nicht erst seit zwei Wochen, sagt Reynard. Dass die CVP erst neuerdings feministisch argumentiere, sei dagegen entlarvend.

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