Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Ade, unregelmässige Verben

Von Franziska Meister

«Mit der Geduld von zweihundert Kamelen habe ich mich durch die Wüste des Sprachenlernens geschleppt», schreibt Abbas Khider, der 1996 mit neunzehn Jahren aus dem Irak floh und seit bald zwanzig Jahren in Deutschland lebt. Wo er deutsche Literatur und Philosophie studiert hat – und selbst als Schriftsteller noch mit der deutschen Sprache hadert. So sehr hadert, dass er beschlossen hat, die deutsche Grammatik zu «reformieren» oder gleich «neu zu erfinden». Das 128-seitige Unterfangen ist hochgradig amüsant, politisch und nur ein klitzekleinbisschen nerdig. Meist ist es alles zugleich, denn Khider verknüpft Linguistisches gekonnt mit Biografischem, ob es sich nun um den Folter-«Block» im irakischen Gefängnis, die «Dreifaltigkeit des Grauens» im Philosophiestudium (Kant, Hegel, Heidegger) oder die Polizeikontrolle in München handelt. Voller Leidenschaft wirft sich Khider ins Gefecht, macht gegen «phonetische Tretminen» (Umlaute) und sadistische Deklinationen mobil oder beseitigt den «grammatikalisch-diktatorischen Albtraum, der zwischen dem Rest der Menschheit und den Deutschen steht» – die Artikel. Auf dass fortan «de» für bestimmte, «e» für unbestimmte und «die» für Artikel im Plural stehe. Erste Ermüdungserscheinungen zeigen sich bei den Pronomen. Sie sind ihm ein zu weites und zu langweiliges Feld, weshalb er sich auf den Reformkampf gegen die mächtigsten beschränkt: die Personalpronomen. Ein listiger Schachzug, fallen damit doch auch Laute weg, die in ausserdeutschen Ohren wie «Störgeräusche eines Radios» klingen – viel schöner soll es fortan heissen: «I lieb di.» Geradezu konziliant gibt sich Khider bei den Konjugationen, dort müssen nur die unregelmässigen Verben über die Klinge springen – aus hehren Absichten: «Alle Verben sollen vor dem Gesetz der Sprache gleich sein. Kein Verb ist besser als das andere.» Wer darüber hinaus wissen will, was es mit dem «Flüchtlings-S» auf sich hat, dessen Spuren in die Schweiz führen, und weshalb ausgerechnet die Rechtsradikalen Khiders grosse Hoffnung sind, muss das Buch schon selbst zur Hand nehmen.

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