Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Röbi war nicht allein

Mit einem neuen Dokumentarfilm nimmt sich SRF nochmals des Landesstreiks an. Er ist historisch präziser und beleuchtet endlich auch die Rolle der Frauen.

Von Tim Rüdiger

Wir erinnern uns: Der Gewerkschaftsführer Robert Grimm sass im Juli 1918 im Zug nach Bern zu einem Treffen mit dem Bundespräsidenten, als er seine zukünftige Frau, Jenny Kuhn, erblickte. Diese tuschelte und kicherte mit einer Freundin in einem Abteil vis-à-vis. Breitbeinig setzte Grimm sich zu den «jungen hübschen Damen» und erklärte ihnen, weshalb er sich gegen die Erhöhung des Milchpreises wehrte. So gesehen in der Dokufiktion «Generalstreik 1918. Die Schweiz am Rande des Bürgerkriegs», die SRF letztes Jahr zum Hundert-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks ausstrahlte. Als Jenny Kuhn im Film das nächste Mal auftauchte, tischte sie ihrem Mann, im trauten Heim zum «Röbi» geworden, Suppe und Brot auf.

Der aufwendig produzierte Film von Hansjürg Zumstein musste einiges an Kritik einstecken: hölzerne Dialoge, die dem Geschehenen ohnehin oft bloss «nachempfunden» waren, sowie schablonenartig gezeichnete ProtagonistInnen. Ausserdem bearbeitete er die Ereignisse mit einem eingeengten Fokus: Der dramatische Bogen zielte voll auf den Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen dem Oltener Aktionskomitee und der Armee. Eine Spanne von einigen Wochen, kulminiert in drei Tagen Streik. Das Mittel des Streiks taucht im Film scheinbar aus dem Nichts auf, die sozialen Ursachen bleiben unterbeleuchtet, ebenso komplexere gesellschaftliche Spannungen.

Mehr Konstellation als Ereignis

Nun hat SRF mit «1918. Die Konfrontation um den Landesstreik» einen zweiten Dokumentarfilm zum Thema ausgestrahlt. Dem Lausanner Filmemacher Frédéric Hausammann gelingt es, eine Vielzahl der bei Zumstein bemängelten Lücken zu stopfen. «Arbeiterunruhen, Streiks und Repressionen: Die Kämpfe um Arbeit und Löhne sind so alt wie die Schweiz selbst», betont der Film schon zu Beginn. Der Landesstreik erscheint bei Hausammann eher als Konstellation denn als Ereignis. So waren es mitunter die italienischen Arbeiter im Tunnelbau, die das Mittel des Streiks in der Schweiz verbreitet hatten. Und 1909 blickte ganz Europa auf den Generalstreik in Schweden, von wo auch die Rezepte stammten, die die organisierten Arbeitgeber beim grossen Streik in Winterthur 1909 und schliesslich beim Landesstreik 1918 anwendeten, etwa der Einsatz von Streikbrechern oder die Bildung von Bürgerwehren.

Zumstein inszenierte einen kurzen Aufruf im Zürcher «Volksrecht» an die Arbeiterschaft, sich den 10. November frei zu halten, als Kipppunkt für die Eskalation. Bei Hausammann fehlt dieser. Stattdessen erinnert er an den erfolgreichen Streik der Zürcher Bankangestellten, einen Vorboten des Landesstreiks. Und er macht die wichtige Rolle, die Frauen während dieser Zeit spielten, deutlich. Während der Soldatenmobilisierung faktisch zu Familienoberhäuptern avanciert, waren sie oft alleine für die Ernährung verantwortlich. Frauen kämpften gegen die Teuerung, nicht nur durch Märsche, sondern auch ganz handgreiflich: 1916 warfen sie Körbe der MarktverkäuferInnen um und setzten erfolgreich Nahrungsmittelpreise fest, die sie als angemessen empfanden. Im Juni 1918 forderten in Zürich Hunderte Frauen vom Kantonsrat erfolgreich die Senkung des Milchpreises – und vergeblich das Stimm- und Wahlrecht. Die Anhörung im Parlament war bedeutend, weil es das erste Mal war, dass Frauen in einem Raum der repräsentativen Politik intervenieren konnten.

Erzwungene Alpenidylle

Frédéric Hausammann präsentiert Robert Grimm als einen Akteur unter vielen, darunter der Tessiner Anarchist Luigi Bertoni, der Genfer Industrielle Gustave Naville und die Zürcher Frauenrechtlerin Rosa Bloch. Sein Film setzt auf eine Vielzahl von Interviews mit HistorikerInnen, und anders als bei Zumstein hören wir den Kommentar einer Erzählstimme.

Zum Schluss weichen die historischen Archivmaterialien zugunsten von heutigen Aufnahmen von Schweizer Industriewerken vor einem Bergpanorama, unterlegt mit Hornmusik. Dieser Aufbruch von vermeintlich bis heute vorherrschenden Bildern der Schweiz als traditionelle Alpenidylle wirkt leider etwas gezwungen und wäre nach der sorgfältigen historischen Auseinandersetzung nicht nötig gewesen.

Der Dokumentarfilm ist auf der SRF-Website zu sehen.

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