Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Gangster im Altersheim

Von Florian KellerMail an AutorIn

Abtreten? Nie im Leben! Der Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) kommt zwar gerade aus dem Gefängnis, aber für ihn steht ausser Zweifel, wo er hingehört: zurück an die Spitze «seiner» Gewerkschaft, wo er vor der Haftstrafe war. Die Paten der Mafia, mit der er paktierte, sehen das anders. Aber Hoffa ist so fixiert auf seinen Machterhalt, dass ihn das nicht zu kümmern scheint. Wer über dem Gesetz steht, muss sich auch nicht den Interessen des organisierten Verbrechens fügen, oder?

Hoffa und seine Verbindungen zur Unterwelt haben Hollywood immer wieder beschäftigt, von Sylvester Stallone bis Jack Nicholson. Martin Scorsese nähert sich ihm in «The Irishman» quasi von der Seite her, über den titelgebenden Auftragsmörder Frank Sheeran (Robert De Niro), der als Mitglied der Cosa Nostra zu Hoffas engstem Vertrauten wurde. Angelegt ist der Film als Rückschau aus dem Altersheim, was ihm eine fast schon rührende Milde verleiht, die man auch als selbstironische Geste des Regisseurs auslegen kann.

Abtreten? Nie im Leben! Das gilt ja wohl auch für Martin Scorsese, diesen Workaholic am Altar namens Kino. Auch irgendwie ironisch: Realisiert hat er den Film für den Streamingriesen Netflix, weil er bei den grossen Studios kein Geld für ein dreieinhalbstündiges Mafiaepos alter Schule fand. So versammelt Scorsese nochmals die Kämpen von einst, ihre Gesichter liess er für die Rückblenden mittels teurer Software verjüngen. Sogar Joe Pesci aus «Goodfellas» ist nochmals dabei, gar nicht hitzköpfig diesmal, und Al Pacino chargiert, als gäbe es kein Morgen.

Dabei wirkt der Film in vielem wie aus der Zeit gefallen. Dass mit Hoffa ausgerechnet der zwiespältige Typus des kriminellen Gewerkschaftsbosses wiederbelebt wird, wirkt heute etwas schief, aber für etwas so Profanes wie Arbeitskämpfe interessiert sich Scorsese ohnehin nur am Rand. «The Irishman» ist das Spätwerk eines alten Meisters, der sich nochmals überaus elegant auf absehbar vertrautem Gelände bewegt: Männer, Macht und Mafia.

Jetzt in ausgewählten Kinos, ab 27. November 2019 auf Netflix.

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