Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Das Gegenteil von Dummheit

Störfall an der Uni: An der letzten Berlinale unter Dieter Kosslick gipfelt eine Hochschulsatire im Klimakollaps. Und ein französischer Regisseur testet an einem Pariser Gymnasium, ob das politische Kino von 1968 weiterlebt.

Von Florian Keller, Berlin

«Seit wir nur noch damit beschäftigt sind zu beweisen, dass wir die Besten sind, finden wir gar nichts mehr heraus, was zu beweisen sich lohnen würde»: Sophie Rois als Institutsleiterin im Spielfilm «Weitermachen Sanssouci» von Max Linz. Still: Carlos Andrés López & Amerikafilm

Und jedes Mal dieses Gefühl von Simple Minds, circa 1995. Bombastpop, der den Zenit längst überschritten hat. So tönt es hier vor jedem Film aus dem Soundsystem, auf der Leinwand geht dazu ein Goldregen nieder, als eine Weltkugel aus goldenen Bären explodiert.

Es ist der Festivaltrailer, der hier seit achtzehn Jahren seinen Dienst tut, also seit Beginn der Ära von Dieter Kosslick. Wär doch mal ein Anfang für Carlo Chatrian, den Exdirektor von Locarno, der jetzt die künstlerische Leitung übernehmen und hoffentlich nicht nur den Wildwuchs der zahllosen Sektionen bündeln wird: endlich ein Trailer, der nicht wie späte Simple Minds klingt, mehr vom Kino her gedacht, weniger wie ein Jingle für die Bundesliga.

Chatrian könnte ja Max Linz damit beauftragen, der mit seinem neuen Spielfilm in der Sektion Forum schon mal einen schön glitschigen Slogan für jede neue Ära bereithält: «Weitermachen Sanssouci», so heisst der Film. Linz macht Diskurstheater fürs Kino, seine Filme sind bevölkert von Figuren, die Text absondern, statt irgendein psychologisch ausgepolstertes Innenleben zu simulieren. Hat ers darauf abgesehen, der René Pollesch des Kinos zu werden? Und wenn schon, der deutsche Film wird davon keinen Schaden davontragen.

Unebene Betriebssatire

«Weitermachen Sanssouci» jedenfalls spielt an der Uni und ist eigentlich ein Unding: eine staubtrockene, dabei ungemein komische Farce über Hochschulpolitik in Zeiten des neoliberalen Forschungswettbewerbs. Das Institut für Kybernetik will hier mit einer Simulation des Klimawandels Aufsehen erregen, bloss hat die Wissenschaft sich schleichend von sich selbst verabschiedet, seit sie permanent um Kennzahlen, Evaluationen und Drittmittel besorgt sein muss. Oder wie Sophie Rois als Institutsleiterin das einmal prima auf den Punkt bringt: «Seit wir nur noch damit beschäftigt sind zu beweisen, dass wir die Besten sind, finden wir gar nichts mehr heraus, was zu beweisen sich lohnen würde.»

Am Ende führt die Simulation dazu, dass an der Uni buchstäblich das Klima gestört ist, mit Sturmwind und Schneeflocken in den Gängen. Als Betriebssatire ist er etwas uneben, dieser intellektuelle Spass zwischen Managementjargon, Virtual-Reality-Gags und Arbeiterliedern vom gebeutelten Kantinenpersonal. Aber was will man sagen bei einem Film, der uns gleich zu Beginn weismacht, dass die Erde, mit den richtigen Instrumenten betrachtet, wie eine Kartoffel aussehe. Kleinere Unebenheiten inbegriffen!

Darfs etwas bodenständiger sein? Was wir der rotierenden Kartoffel unter unseren Füssen antun, wie wir sie schälen und raspeln, das zeigt Nikolaus Geyrhalter, der für seinen neuen Dokumentarfilm sieben Grossbaustellen zwischen Ungarn und Kalifornien besucht hat. «Erde», ebenfalls im Forum, ist gewissermassen das nachgeschobene Prequel zu Geyrhalters vorletztem Film, «Homo sapiens». Dort zeigte er in gespenstisch schönen Tableaus, wie die Natur die Relikte der menschlichen Zivilisation zurückerobert, imaginierte also vorzeitig einen entvölkerten Planeten – jetzt sehen wir den Menschen in Aktion, wie er als mächtiger geologischer Treiber die Erde malträtiert, wenn er sie mit seinen riesigen Maschinen planiert und durchbohrt, abträgt und aufschüttet.

Geyrhalter ist kein Aktivist mit einer Agenda, er will nicht aufrütteln, aber diesmal macht er sichs doch etwas zu einfach. In unbewegten Luftaufnahmen entfaltet jede Bauwüste eine erhabene Pracht, und wenn die Kamera dann ebenerdig ausführlich dem imposanten Treiben der riesigen Bagger und Planierraupen zusieht, bedient der Film phasenweise einen erheblichen kindlichen Baumaschinenfetischismus.

Der Hang zur Überwältigungsästhetik ist bei Geyrhalter also geblieben, aber dazwischen lässt er hier auch die Leute reden, die an diesen Schauplätzen arbeiten: Bauleiter und Baggerführer, aber auch eine Ingenieurin oder einen Archäologen. Und wenn die ganzen Rohstoffe dereinst vollständig abgebaut sind? Dann müssten die Kinder unserer Kinder halt etwas Neues finden, sagt ein Baggerführer vom Marmorsteinbruch von Carrara. Aber wer weiss, setzt er hinzu, vielleicht seien wir dann schon auf dem Mars oder auf dem Mond. Betriebsmotto: Weitermachen Sanssouci!

Lauter blinde Flecken

Inspirierender waren da zwei andere Dokumentarfilme im Forum, die beide historische Bilder in die Gegenwart holen – mit ganz unterschiedlichen Methoden. Der Schweizer Mischa Hedinger besichtigt in «African Mirror» das filmische Erbe des Reiseschriftstellers René Gardi (1909–2000) und baut so einen ungemein klugen, mehrfach verspiegelten Essay zum postkolonialen Selbstverständnis der Schweiz. Gardi fand in Kamerun sein «schwarzes Arkadien», das er am liebsten eingezäunt hätte, um es vor den schädlichen Einflüssen der Moderne zu bewahren: eine Art Réduit also, aber als Fantasie des Urwüchsigen nach Afrika exportiert.

Die französischen Kolonialherren sind Gardi vor allem deshalb suspekt, weil sie ihren ganzen Luxus mitbringen und keinen Sinn fürs einfache Leben der Einheimischen haben. Eine eigene Schweizer Kolonie irgendwo in den Tropen, das wärs, sinniert er in seinen Tagebüchern – zumal er überzeugt ist, dass es die Schweiz besser machen würde als die andern. Man müsse doch «das Hintergründige sehen», appelliert er, und Hedinger nimmt ihn beim Wort. Seinen «African Mirror» stellt er so ein, dass man in René Gardi immer auch sich selbst gespiegelt sieht: den selbstgerechten Schweizer Fremdenfreund, der vor lauter blinden Flecken, die er bei anderen sieht, nicht auf die Idee kommt, dass er selber auch welche haben könnte. Über den Film wird noch zu reden sein, zum Kinostart im Herbst.

Ganz anders verfährt der Franzose Jean-Gabriel Périot, wenn er in «Nos défaites» das hochpolitische Kino aus der bewegten Zeit um 1968 an der Gegenwart misst. Im Rahmen eines Filmkurses an einem Gymnasium in einem Pariser Vorort liess er Jugendliche Ausschnitte aus Filmen wie Alain Tanners «La Salamandre» nachdrehen – und fragte sie dann nach ihrer Haltung zu dem, was sie in diesen Szenen zum Ausdruck brachten: Streik, Arbeitskampf, Revolution.

Der Effekt ist doppelt frappierend. Einerseits, was die Szenen aus den Filmen von damals angeht, die gerade im Reenactment der Nachgeborenen eine ungeheure Dringlichkeit entfalten – die SchülerInnen spielen oft so furios, dass das vermeintlich Gestrige der Vorlagen unmittelbar gegenwärtig wirkt. Andererseits sind die meisten total hilflos und unsicher, wenn sie dann ohne den Schutz ihrer Rolle über Politik sprechen sollen. Manche kommen schon beim Begriff «Klasse» ins Straucheln, andere haben keine Ahnung, was eine Gewerkschaft ist. Irgendwie rührend, irgendwie bestürzend.

Widerstand? Wozu auch. Revolution? Unnötig und gefährlich. Aber wie soll diese Jugend auch ein politisches Bewusstsein entwickeln, wenn es ihr schon an den elementarsten Begriffen gebricht?

Gegen Repression

Dann, am Schluss des Films, hängt Regisseur Périot noch eine Coda an, gedreht im Dezember 2018, ein halbes Jahr nach dem Workshop. Nochmals ein Reenactment, diesmal wird die Massenverhaftung von 148 SchülerInnen in Mantes-la-Jolie nachgestellt. Und wir erfahren, dass die Jugendlichen aus dem Filmkurs jetzt selber an einem Streik an ihrer Schule beteiligt sind – aus Protest gegen die repressive Politik der Schulleitung, die wegen eines einzelnen Graffitos sechs SchülerInnen festnehmen liess.

Repression erzeugt Widerstand, das konnte man gerade wieder in Frankreich unter Emmanuel Macron sehen. Aber ob es ohne die politische Bildung durch das Kino auch zum Schulstreik gekommen wäre? «Kultur ist das Gegenteil von Dummheit», sagt der aufgeweckteste von den Jungs im Film einmal. Eingravieren!

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