Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Die Odyssee geht weiter

Von Barbara Schweizerhof

Zu den schlimmsten Folgen des Irakkriegs gehört, dass man beim Namen des Landes immer gleich an Krieg denkt. Fast ist es so, als wäre das Land verschwunden, seine Geschichte, zumal die jüngere, wie ausgelöscht. Regisseur Samir hat vor fünf Jahren mit seinem Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» etwas Wunderbares dagegengehalten: Einblicke in die überreiche Geschichte seiner Familie väterlicherseits, deren Mitglieder es über den ganzen Globus verteilt hat und die mit ihrem politischen Denken und ihren unterschiedlichen Karrieren Zeugnis ablegen von einem hinreissend lebendigen, vielfältigen kulturellen Erbe.

Jetzt versucht Samir in gewisser Hinsicht etwas Ähnliches in Form eines Spielfilms. Auch «Baghdad in my Shadow» spielt im Exil und handelt von Tradition, Erbe und Familie, wobei die Familie hier eine lose Gemeinschaft in einem kleinen Café in London ist. Einer der Stammgäste hier ist der altersweise Poet Taufiq, den die Schergen Saddam Husseins einst aus dem Land getrieben haben. Im Café trifft er auf Landsleute, die ein bisschen zu beispielhaft das verkörpern, woran sich islamische Fundamentalisten stören: Der schüchterne Muhanad, der gut mit Computern umgehen kann, ist schwul; die schöne Amal ist auf der Flucht vor ihrem Ehemann, einem Mitarbeiter des irakischen Geheimdiensts, und datet einen Briten; Taufiq selbst hat es nicht so mit dem Glauben.

Ihnen gegenüber setzt Samir, ebenfalls etwas zu klischeehaft, Taufiqs Neffen Nasreen, der in der Moschee unter salafistischen Einfluss gerät und nun meint, gegen so weltliche Angelegenheiten wie Homosexualität und Feminismus vorgehen zu müssen. «Baghdad in my Shadow» besticht mit seiner authentischen Atmosphäre, vor allem was den Umgangston der Exilgemeinschaft im Café angeht, der Film leidet aber unter der Last der vielen Themen, die er sich aufbürdet. Als notwendige Erinnerung daran, dass der Irak kein «failed state» ist, sondern die kulturelle Heimat von Menschen mit schwieriger, hochinteressanter Geschichte, überzeugt er allemal.

Jetzt im Kino.

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