Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Requiem auf das Bauernleben

Von Anne-Sophie Scholl

«Es gibt noch ein paar anständige Typen. Sogar Elias Schwarz könnte einer von ihnen sein», lässt Jean-Pierre Rochat den Kleinbauern Jean Grosjean zu Beginn seines Romans «Nebelstreif» sagen. Doch Elias Schwarz arbeitet als Gantrufer auf Versteigerungen. An dem einen Tag, an dem der Roman spielt, versteigert er das ganze Hab und Gut des Kleinbauern Grosjean. Dieser ist Konkurs gegangen. Zuerst war er von seiner Frau Frida verlassen worden, dann versank er im Treibsand der Bürokratie, bis anhin die Zuständigkeit von Frida. Als Letztes wird sein geliebtes Pferd Nebelstreif verkauft werden, und dann wird er sich die Kugel geben, weiss Jean Grosjean.

So ist das Buch die Chronik eines angekündigten Todes, zugleich aber auch ein Requiem auf das Bauernleben. Denn während die Versteigerung läuft, steigen bei Jean Grosjean die Erinnerungen auf, mit jedem Werkzeug, jeder Maschine, jeder Kuh, bis sich diese zum Bild eines Kleinbauernlebens fügen.

«Nebelstreif» ist das fünfzehnte Buch des heute 65-jährigen Jean-Pierre Rochat und das dritte, das auf Deutsch übersetzt ist. Wie alle seine Bücher handelt es vom Alltag des Bauernstands, denn Rochat ist selber auch Bauer. Als vorzeitiger Schulabgänger und Autodidakt pachtete er in den siebziger Jahren einen Hof im Berner Jura mit Rindern, Pferden, Geissen und schrieb in den frühen Morgenstunden – anfangs voller Wut, heute ohne Groll – Zeugnisse einer Welt, die verschwindet.

Das Buch hat eine kraftvolle, direkte Sprache, und es hat eine archaische, symmetrische Struktur mit gegenläufigen Bewegungen, in der Leben und Tod sich wechselseitig bedingen, ebenso wie Liebe und Tod. Hoffnung besteht, dass die Welt doch nicht verschwindet, denn das Buch wurde als «Roman des romands» ausgezeichnet, ein Preis, der von GymnasiastInnen verliehen wird: Es ist das diesjährige Lieblingsbuch der Generation Greta. Das Glück, Bauer gewesen zu sein, werde er nie erklären können, lässt Rochat sein Alter Ego im Roman sagen. Und doch macht er es gerade erfahrbar.

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