Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Nachrichten aus meinem russischen Dorf

Von Nina Baschkatow

Frosteinbrüche bis weit ins Frühjahr hinein, dann Hundstage und Heuschrecken: 1999 wird die Ernte wohl noch schlechter als erwartet. Dennoch zeigt sich, dass die Hilfslieferungen an Lebensmitteln unnötig waren – sie haben vor allem den westlichen Ländern erlaubt, Überschüsse abzusetzen und den einheimischen Produkten Konkurrenz zu machen. Von einigen Landstrichen im hohen Norden abgesehen, mangelt es den Verbrauchern nicht an Produkten, sondern an Geld. Tatsächlich hat die verzweifelte Situation der russischen Landwirtschaft in erster Linie mit der Desorganisation und der psychischen und sozialen Not der Menschen in den ländlichen Gebieten zu tun. Das Dorf bildet nicht nur das Schlusslicht, es ist ist auch der Reibungspunkt par excellence zwischen dem alten und dem neuen System. Und die Dorfbevölkerung wird zwischen beiden zermalmt.

Jahr für Jahr trifft sich in meinem Dorf derselbe Kreis von Verwandten, Freunden und Nachbarn, um gemeinsam den Todestag von Tante Nastja mit einem Festmahl zu begehen. Aber in diesem Jahr, 1999, ist die Stimmung gedrückter als sonst, und die Tafel erweckt eher Neid als Bewunderung, obwohl sie nicht üppiger ist als in den vergangen Jahren. Eine Mutter legt ihrem Sohn ostentativ nach und sagt: „Iss, hier bist du bei reichen Leuten.“ Kurz zuvor hatte eine andere den Ausspruch gewagt: „Man sieht, dass wir bei Kapitalisten sind.“ Die gute alte urawnilowka („Gleichmacherei“), diese Pervertierung des Gedankens der Gleichheit, ist mit der Krise wieder lebendig geworden, und man versteht heute besser, weshalb die Großeltern dieser Dorfbewohner jener Politik zustimmten, welche die wirklichen oder angeblichen Kulaken „in ihre Schranken verwies“, wie man das damals nannte.

In Wahrheit ist die Familie Dimitrow mitnichten kapitalistisch, und dass es ihr gegenwärtig – im lokalen Maßstab – gutgeht, hat einen „klassischen“ Grund: Dima, der Familienvorstand, trinkt nicht. Aus diesem Grund war er einst, vor zwanzig Jahren, der begehrteste Junggeselle der Gegend, bevor er sich mit 25 Jahren – also relativ spät, wenn man es an örtlichen Gepflogenheiten misst – plötzlich mit Galja vermählte, einem „armen Mädchen“ aus dem Nachbardorf. Eine Frühgeburt lieferte den Klatschbasen den gewünschten Stoff: Ihrer Meinung nach konnte diese kleine Aufsteigerin den armen Teufel nur verhext haben, nachdem Gott weiß wer sie geschwängert hatte. Die 3,2 Kilo der neugeborenen Marina sowie einige scharfe Bemerkungen der Großmutter ließen das Geschwätz schließlich verstummen.

Die junge Familie aber blieb im Dorf, das als „perspektivlos“ galt. Tante Nastja wollte sich nicht von ihren Tieren trennen, das Paar wiederum wollte sich nicht von Tante Nastja trennen, und so schlugen sie die angebotenen Wohnungen in der 6 Kilometer entfernten Kreisstadt Ismalkowo aus. Noch immer arbeitet Galja auf dem Postamt der Kreistadt für lächerliche 250 Rubel im Monat (das sind gerade einmal 17,80 Mark), während Dima als Lastwagenfahrer und Mechaniker Auftragsarbeiten für seine alte Kolchose durchführt – für die er manchmal nicht einmal bezahlt wird. Beide haben sich auf diese Weise eine soziale Absicherung bewahrt, und Dima hat überdies einen eigenen Lastwagen zu seiner Verfügung. Seine ganze Kraft widmet er einem kleinen Stück Land; die Schwarzerde in dieser Gegend ist fruchtbar und ermöglicht ihm eine gewisse Autarkie.

Im Lauf der Jahre hat er an dem Backsteinhaus weitergebastelt, das er 1972 zusammen mit seiner Mutter gebaut hatte, um die alte isba zu verlassen. Diese hölzerne Bauernkate mit Strohdach und gestampfter Erde dient seither als Hühnerstall. Um sie herum auf einer weitläufigen Wiese befinden sich verstreut die verschiedensten zusammengezimmerten Verschläge, Ställe und Hütten, dazwischen aus Ersatzteilen zurechtgebastelte Landmaschinen.

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Dima ist das, was sich russische und westliche Technokraten gemeinhin als Prototyp des privatunternehmerischen Bauern ausmalen. Er liebt die Natur und achtet die eigene Mühe gering, solange man ihm nicht „neue Bürokraten“ auf den Hals hetzt, „die mir sagen, was ich zu machen habe“. Seine Hauptkritik richtet sich gegen die Privatisierungsprediger, welche die Kollektivierungspropheten abgelöst haben und vom Land genausowenig Ahnung haben wie sie.

Diese Kluft hat in Russland eine lange Geschichte. In romantischen Momenten werden die Bauern und die dörflich-gemeinschaftliche Verbundenheit idealisiert und als Quintessenz des russischen Lebens gepriesen; man berauscht sich an der Natur (priroda), die an die Seele eines jeden rührt. In den übrigen Zeiten spricht man von der glubinka, dem Nest, in dem es nur Trunkenbolde und Taugenichtse gibt, welche sich vom Staatssäckel aushalten lassen und die Städter mit überhöhten Lebensmittelpreisen ausnehmen. Dieses aus der Breschnew-Ära stammende Vorurteil hat in abgewandelter Form überlebt: Zu den Immer-noch-Trunkenbolden und Taugenichtsen gesellen sich neuerdings die Dickschädel, die jedwede Reform ablehnen.

Ob es die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861, die Stolypinsche Agrarreform von 1906oder die Kollektivierung in den dreißiger Jahren war: Jede russische Landreform erfolgte in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten, doch sie waren immer äußerst politisch. Auch die Jelzinschen Reformen seit 1992 bilden keine Ausnahme; ihr Ziel ist es, den Westen anzulocken, den Rückhalt der Kommunisten auf dem Lande zu brechen und Lenins Dekret über Grund und Boden auszuhebeln. Ohne die Betroffenen zu befragen oder irgendwelche begleitenden Hilfsmaßnahmen vorzusehen, zerschlug man die einstigen Kolchosen und Sowchosen in Parzellen, um so eine Nation von Kleinbauern ins Leben zu rufen; doch die Parzellen ermöglichten von ihrer Größe her den Menschen kein Überleben. So blieb die Verordnung vom Oktober 1993, die schließlich den Verkauf des zugeteilten Ackerlands genehmigte, ebenso folgenlos wie jene andere, die vor den Wahlen von 1996 erlassen wurde und mit einem Federstrich „zweiunddreißig Millionen Landbesitzer“ aus dem Boden stampfte.

Mit dem Leninschen Landdekret radikal brechen

Den Städtern kam diese Verordnung zupass, denn sie hofften, durch den Verkauf ihres Gemüsegartens Geld für den Kauf einer Datscha zu erhalten. Die Landbewohner dagegen, die wussten, dass sie nicht über die Mittel zum Kauf verfügten, wehrten sich gegen die Vorstellung, sich in Zukunft als Lohnabhängige – oder, wie sie sagen, Leibeigene – auf den Ländereien von Spekulanten oder, schlimmer noch, von ausländischen Investoren verdingen zu müssen. Selbst die Möglichkeit, Grund und Boden zu vererben, wirkte nicht als Anreiz, sondern erschien ihnen als ein Mittel, ihre Kinder an die Scholle zu binden und den sozialen Aufstieg der Landjugend zu bremsen.

Der vorhandene Entwurf eines „Gesetzes über Grund und Boden“ kursiert seither ergebnislos in den verschiedenen Instanzen, zwischen dem Veto des Präsidenten und dem Gegenveto des Parlaments, hier und da mit Zwischenstopp beim Verfassungsrat. Auf diesem Gebiet ist die Duma in unmittelbarer Tuchfühlung mit der Mehrheit der Bevölkerung, in deren Geschichte (von Sibirien abgesehen) der unabhängige Landwirt die Ausnahme und die gemeinschaftliche Bewirtschaftung die Regel war. Die Mehrheit der Russen ist im Übrigen dagegen, dass Boden „wie eine gewöhnliche Ware“ gehandelt wird. Selbst Reformer wie Anatoli Tschubais räumen ein, dass es absurd wäre, wenn der Staat der Landwirtschaft jede Hilfeleistung entzöge. Derlei Ansichten äußert er allerdings nicht in Washington, wohl aber auf dem Sechsten Kongress der Bauern am 1. März 1995. Natürlich sind sich alle darüber einig, dass „Grund und Boden einen Besitzer brauchen“, aber nicht darüber, wer dieser Besitzer sein soll.

Die ersten Versteigerungen landwirtschaftlicher Böden am 5. März 1998 haben dem Gouverneur von Saratow, Dmitri Ajaskow, zwar einen Platz in den Legenden der Reformgeschichte eingebracht (wie einst Nischni Nowgorod), doch Bauern waren bei diesen Versteigerungen keine zugegen, und die begehrtesten Parzellen waren kleiner als ein Hektar und lagen im Stadtgebiet. Erworben wurden sie als Baugrundstücke für Parkplätze, Tankstellen, Privathäuser sowie ein Einkaufszentrum. Ajaskow lässt verlauten, US-amerikanische Geschäftsleute seien bereit, 1,5 Milliarden Dollar in der Region zu investieren.

Angesichts der Entwicklung, welche die Privatisierung im industriellen und Energiesektor genommen hat, fürchtet man vielerorts, dass als nächstes die Landwirtschaft von den Reformern systematisch zerstört werden könnte, um Platz zu machen für ausländische Produkte und die großen multinationalen agro-industriellen Konzerne. Doch die russische Regierung bleibt blind und taub; sie erhöht zwar die punktuellen Hilfeleistungen, doch die radikalen Reformprojekte bleiben unangetastet. Sie erwägt nicht einmal den Gedanken einer mittleren Lösung – wie etwa langfristige, von den Regionalregierungen ausgestellte Pachtverträge –, die in den kapitalistischen Ländern durchaus üblich sind.

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Nichts wird getan, um Menschen wie Dima zu ermutigen, der davon träumt, die 24 Hektar zu bewirtschaften, die auf den Namen seiner Familien eingetragen sind (8 Hektar pro Person plus die geerbten 8 Hektar seiner Mutter). Er bekommt keinen Kredit, zahlt immense Steuern, wenn er seine Produkte verkauft, und Geldstrafen, wenn er, auf bessere Tage hoffend, mit der Bewirtschaftung wartet : Angesichts dieser Situation hat Dima sein Agrarland der Kolchose überlassen, die wie tausende anderer in eine Genossenschaft umgewandelt wurde, als solche eine gültige Rechtsform besitzt und die Infrastruktur des ehemaligen Kollektivbetriebs nutzen kann.

Die Pacht wird in Naturalien ausgezahlt. Dieses Jahr war es ein Sack mit 30 Kilogramm Zucker, der gerade rechtzeitig zum Einkochen von varenje (Konfitüre) kam. Immer noch besser als der Konkurs, der die wenigen privaten Höfe ereilt hat, die Ende der achtziger Jahre in der Region entstanden waren. Andere haben 1995/96 ihr Glück versucht, als Saatgut und Dünger zu Schleuderpreisen bei den Kolchosen zu haben waren. Aber niemand wollte ihnen ihre Produkte abkaufen, und nachdem sie von Lagerhaus zu Lagerhaus gerannt waren, verkauften sie am Ende mit deutlichem Verlust.

Just jene Generation, die als politische oder gewerkschaftliche Elite hätte agieren können und auf die die ländlichen Gebiete so angewiesen sind, wurde auf diese Weise binnen Kürze zermürbt. Seit die Quoten, die es unter den Kommunisten für die Vertreter der verschiedenen sozioökonomischen Gruppierungen gab, abgeschafft wurden, ist die Landbevölkerung im Parlament nur noch durch Mitglieder der alten Nomenklatura oder durch eine neue Generation städtischer Agro-Technokraten vertreten. Es ist bezeichnend, dass die erste, 1991 gegründete Bauernpartei einen Journalisten der Literaturnaja gaseta, Juri Tschernitschenko, zum Vorsitzenden hatte. Die Millionen Familien, deren Beschäftigung und soziale Sicherungsstrukturen mit den landwirtschaftlichen Kollektivbetrieben untergegangen sind und für die der bäuerliche Privatbetrieb keine freie Entscheidung, sondern eine harte Notwendigkeit ist, um die Familie durchzubringen – diese Familien haben in der Gesellschaft keine Interessenvertetung.

Das Unglück der Kleinen ist nicht unbedingt das Glück der Großen. Daniil Iwanowitsch weiß, wovon er redet, wenn er „die immer neuen Marotten Moskaus“ anprangert. Seit er 1979 zum Leiter der Kolchose gewählt wurde, lebte er wie ein Fürst: Abgesehen von einem üppigen Gehalt und einem eigenen Wagen mit eigenem Chauffeur gewährte ihm sein Posten einen unbeschränkten Zugriff auf die Vorräte der Kantine (zur Versorgung seiner Familie). Ferner genoß er das Privileg, sich für seinen übrigen Bedarf in den verschiedensten lokalen Depots (Baumaterialien fürs Haus, Saatgut fürs Land und Tierfutter fürs Vieh) zu bedienen. Niemand erachtete 1986 die gesetzliche Zulassung von bäuerlichen Familienbetrieben als eine Revolution, da alle im Dorf de facto einen solchen Betrieb bereits besaßen, auch wenn dieser sich nicht so bezeichnete. Viele Frauen, die ihren „zweiten Arbeitsplatz“ (nämlich die Bewirtschaftung ihres Stücks Land und die Versorgung der Tiere) kannten, revoltierten und drohten mit Scheidung, für den Fall, dass ihre Männer auch nur den geringsten Versuch unternahmen, ein solches Unternehmen zu gründen, welches in ihren Augen einer Art organisierter Sklaverei gleichkam.

Als im März 1988 ein Gesetz den Beschäftigten größere Mitsprache bei der Kolchosleitung einräumte, stärkte dies vor allem die Position von Daniil Iwanowitsch, denn der Erfolg des Betriebs hing mehr als zuvor von der Persönlichkeit seines Direktors ab; so wurde er problemlos wiedergewählt. Heißzulaufen begann die Maschine 1990, als die Politik die ländlichen Gebiete erreichte. Die Radikalen in Moskau warfen Michail Gorbatschow vor, er wolle die Landwirtschaft reformieren, ohne Privateigentum zuzulassen und ohne der regionalen Bürokratie das Kreuz zu brechen, die sich in die Führung der landwirtschaftlichen Betriebe stets mehr eingemischt hatte als in die Industrie.

Die von Boris Jelzin 1992 betriebene Auflösung der Kolchosen hatte die Zusammenlegung mehrerer Betriebe zur Folge, aber Daniil Iwanowitsch wurde dank einiger geschickter Schachzüge wieder auf einen der neuen Direktorensessel gewählt. Ohne feste Budgets und ohne garantierte Grundstoffversorgung konnte er nur von der Hand in den Mund wirtschaften, und dies in einem Bereich, der keine Improvisationen erlaubt. Der landwirtschaftliche Großbetrieb war zu einem amorphen Gebilde geworden und die Arbeiter zu „Aktionären“ oder „Genossenschaftsmitgliedern“, die nicht den Schimmer einer Idee hatten, was dies besagen sollte. Allenfalls, dass von nun an weder die Beschäftigung noch die Entlohnung garantiert sein würden.

Daniil Iwanowitschs einzige Freiheit in der Betriebsführung wie in der Vermarktung der Produkte bestand in Zahlenakrobatik, durch die er zumindest einen Teil des Betriebes aufrechterhalten und die Löhne auszahlen konnte; so wurden Kühe gegen Ziegel und Milch gegen Treibstoff getauscht; nach und nach wurden auf diese Weise der Viehbestand, die Vorräte und der Maschinenpark liquidiert. Das Gesetz von 1986, das erlaubte, 30 Prozent der Plansoll-Produktion sowie alle Überschüsse zu vermarkten, hatte in dieser Getreide- und Rübenregion keinen Sinn. Selbst wenn die Produkte auf den städtischen Märkten absetzbar gewesen wären, hätte er keine Lastwagen aufgetrieben und keine Verkäufer gefunden, und er hätte sich nicht gegen das Banden- und Erpressungswesen zur Wehr setzen können, das, kaum war das Gesetz verabschiedet, in die ländlichen Gegenden eingedrungen war.

Zwar hat Daniil Iwanowitsch seine eigenen Interessen nie aus den Augen verloren, aber er war sich der Verantwortung gegenüber dem Kollektiv bewusst und hat den landwirtschaftlichen Großbetrieb wie ein guter Familienvater geführt. Seine Bedeutung stieg insofern, als die Abschaffung der Lokal-Sowjets im Jahre 1993 den Dörfern de facto jede Institution einer öffentlichen Gewalt genommen hatte, ob es nun darum ging, Streitigkeiten zu schlichten, oder darum, die Rentenauszahlungen zu gewährleisten. Fortan waren die Kolchosdirektoren die einzigen, die, wenn schon nicht die Produktion, so doch wenigstens einen Hauch von Überleben der ländlichen Gemeinwesen gewährleisten konnten.

Was seinen Ruin brachte, waren die Wahlen von 1996. Die Mannschaft von Boris Jelzin hatte alles, was auf dem Land als „Chef“ galt, dazu verdonnert, ihre jeweiligen Schäfchen zur „richtigen Stimmabgabe“ anzuhalten. Wie die anderen, so hatte auch Daniil vor Auditorien, die vom Gegenteil überzeugt waren, zu erklären, dass die Reformen ihr Leben verbessert hätten und eine Rückkehr zum Vergangenen dramatische Folgen haben würde; er tat dies, ohne auch nur ein Wort davon zu glauben und ohne jemals den Namen Jelzin auszusprechen. Die eilig überwiesenen Zuschüsse, um die Lohnrückstände zu zahlen, hatten kaum ausgereicht, um die Schulden zu tilgen.

Die ländliche Bevölkerung gab ihre Stimme in großer Zahl den Kommunisten – aus Überzeugung oder aus Widerspruchsgeist. Sie sahen, wie die Polizisten die Wahlurnen vor aller Augen manipulierten, aber sie nehmen es ihnen nicht krumm: Auch Polizisten haben eine Familie zu ernähren, und ihr Arbeitsplatz hängt von den Behörden ab. Um sich in den Augen Moskaus wieder reinzuwaschen, beschlossen die Demokraten aus dem Gebiet Lipezk, mit der örtlichen Nomenklatura aufzuräumen, die ihrer Meinung nach den Sieg der Kommunisten bewerkstelligt hatte. Neue Kolchosdirektoren wurden gewählt, und diesmal unterlag Daniil Iwanowitsch. Zwei Jahre lang lebte er kümmerlichst in Erwartung seiner Rente von 388,08 Rubel im Monat, auf die er ein Anrecht hat, da er zweifacher Held der Sozialistischen Arbeit ist. Bitter ironisch zeigt er das entsprechende Zertifikat öffentlich her.

Seine einzige Freude ist, dass er seine älteste Tochter gut verheiratet hat: mit einem businessman. Wenn sie im metallicgrauen Volvo aus Woronesch nach Hause kommt, herausgeputzt wie eine Modepuppe und mit (echtem) Schmuck behängt, dann schlägt für den Vater die Stunde der Genugtuung. Denn der Mann, der seine Ausbootung betrieben hat, kann auf dergleichen nicht verweisen. Dessen Enkelin, die dank einer aus Deutschland importierten empfängnisverhütenden Spirale ein Einzelexemplar geblieben ist, wuchs streng bewacht und in gewollter Distanz zu den Einheimischen auf: Es reichte, dass die Mutter des Mädchens, die aus der unteren Nomenklatura stammte (der Vater Gewerkschaftsfunktionär, die Mutter Schulleiterin), einen Lastwagenfahrer geheiratet hatte. Mit der Enkelin sollte die Sache nun keinesfalls schiefgehen.

Um die Wartezeit zu überbrücken, bis ihr Ein und Alles auf die Pädagogische Fakultät in Lipezk gehen und dort einen würdigen Heiratskandidaten ergattern würde, und um das Kind von dem schlechten Umgang im Haus der Kultur fernzuhalten, erstanden die Großeltern ihr einen Videorekorder.

Doch alle Kontrollbemühungen waren vergebens. Das Mädchen traf einen jungen Elektriker, der weder Beziehungen noch eine Perspektive hatte. Doch bevor man sich zur notwendigen Hochzeit durchrang, musste der Auserkorene schnell noch zu höherem Stand kommen, weshalb man ihm einen Posten in der Verwaltung fand. Nun hofft man, dass die beiden nicht zu viele Kinder in die Welt setzen.

Über diese Art von Sorgen kann Schura nur spöttisch lachen: Sie hat gerade ihr letztes Schwein verkauft, weil sie keine Kopeke für das Futter mehr hatte. Die Debatten Ende der achtziger Jahre, als auch ihre Familie über die Anschaffung eines Autos diskutierte, erscheinen ihr heute fantastisch. Die erste Krise des Rubels 1991 hatte ihre Ersparnisse dahinschmelzen lassen und die Diskussion beendet. Die zweite Krise 1998 verschlang, was noch geblieben war. Aus Misstrauen gegenüber den Privatbanken hatte ihre Familie den verbliebenen kleinen Rest zur Sparkasse getragen, deren Konten in der Krise eingefroren wurden. Als man sein Geld endlich wieder abheben durfte, verfiel dessen Wert von Stunde zu Stunde.

Bis zum Frühjahr dieses Jahres war ihr Mann jeden Morgen beim Lagerhaus vorstellig geworden: für alle Fälle ... Zwar gab es keine Arbeit, aber dieser Gang sicherte den Anspruch auf Sozialleistungen und so etwas wie Würde. Außerdem konnte er weiterhin Saatgut, Viehfutter und andere Rohstoffe „mitnehmen“, die schon immer die Conditio sine qua non der Familienproduktion waren. Inzwischen aber hat sich Witja der Gruppe ehemaliger Arbeiter aus der Kolchose und der Wurstfabrik angeschlossen, die schon Mittags torkelnd um die Häuser ziehen.

Wie die Bergleute stellten die kolchosniki einen Grundbestandteil des sowjetischen Mythos: Arbeiter waren darin Soldaten und ihre Arbeit so etwas wie Vaterlandsverteidigung. Zur Zeit des Ernteeinsatzes intonierten Traktoristen und Lastwagenfahrer, von einer Art religiösem Fieber erfasst: „Es ist das Brot des Jahres, das wir ernten.“ Gewiss, der Schwung war nur von kurzer Dauer, und niemand hat die Absurditäten der Bürokratie vergessen, aber, wie Witja sagt: „Es war eine Zeit, in der wir zählten.“

Seine Sehnsucht nach der Breschnew-Ära ist, wie bei so vielen, die wehmütige Erinnerung an die Jugendzeit mit den typischen Entwicklungsschritten: der Bau eines eigenen Hauses 1975 auf einem Grundstück und mit Baumaterialien, die von der Gemeindeverwaltung gestellt wurden; es folgte der Erwerb erster Konsumgüter: Fernsehen, Kühlschrank, Möbel. Heute, 1999, lebt seine Familie, wie so viele auf dem Lande, von dem Verdienst der Frau. Denn die minder qualifizierten Tätigkeiten in der Landwirtschaft und im tertiären Bereich wurden ausnahmslos von Frauen ausgeübt, und da vor allem der tertiäre Sektor von der Krise weniger betroffen ist, erhalten die Frauen noch regelmäßig ihren Lohn. Aber die Konkurrenz ist hart, und im letzten Oktober wurde Schura mitgeteilt, dass sie ihre Stelle als Buchhalterin in drei Monaten für eine jüngere Kraft mit staatlicher Abschlussprüfung zu räumen habe. Sie hätte sich ein Papier besorgen können, das die Äquivalenz ihrer zwanzig Jahre Berufserfahrung mit diesem staatlichen Diplom bescheinigt hätte, aber dieses Papier hätte sie zwei Monatslöhne gekostet. Sie aber muss jeden Rubel dreimal umdrehen. Ein früherer Kollege hatte schließlich Mitleid und bot ihr einen Vertrag über drei Jahre an, also bis sie das Rentenalter erreicht haben würde: bei reduziertem Gehalt.

Erzählt sie aus ihrem Leben, dann lebt sie in der Vergangenheit, und sie tut es mit der typisch russischen Begabung, immer nur das Beste in Erinnerung zu behalten. Sie verbringt ihre Abende allein vor dem Fernseher und sieht, wie ihre Freundinnen, stundenlang südamerikanische Serien. Sobald von Politik die Rede ist, wechselt sie den Kanal. Sie hat die Kommunisten gewählt, denn „damals waren wir nicht arm“; aber das nächste Mal wird sie nicht wählen gehen. Wenn sie an einem Abend besonders melancholisch gestimmt ist, erzählt sie von einem stillen, gebildeten Mann, den sie während eines jener Kuraufenthalte kennengelernt hatte, welche Millionen von Sowjetbürgern die notwendige Dosis an Romantik lieferten. Aber der Kontakt ist für immer abgerissen, denn in einem Dorf ist selbst die Post nicht diskret und jeder erfährt alles.

Weit zurück liegen die achtziger Jahre, als sie die Zukunft ihrer Kinder in leuchtenden Farben sah. Michail Gorbatschow hatte, um junge, ausgebildete Kräfte auf dem Lande zu halten, ein massives Investitionsprogramm in die Wege geleitet. Das Resultat konnte sich sehen lassen: Ein neues Krankenhaus wurde gebaut, Entbindungsheim und Kulturhaus wurden renoviert, neue Ikarus-Busse ersetzten die alten, klapprig gewordenen Busse. Für die jungen Menschen damals stellten diese Verbesserungen das dar, was für ihre Eltern unter Breschnew die Asphaltierung der Straßen und das Gas und für die Großeltern unter Chruschtschow der Rentenanspruch gewesen war. Die jungen Männer wurden nach dem Militärdienst in den Kolchosen und den kleinen örtlichen Betrieben mit offenen Armen empfangen. Die jungen Frauen ergriffen nicht mehr die Flucht aus Gegenden, wo man das ganze Jahr über in Stiefeln herumlief.

Das Leben von Jura, dem fünfundzwanzigjährigen ältesten Sohn von Schura, ist lange Zeit in den üblichen Bahnen verlaufen: Diplom als Mechaniker, Militärdienst, bei der Rückkehr einen Job, ein Motorrad und – nachdem er die Zeit noch ein wenig genossen hatte (damals eine ganz neue Vorstellung) – Heirat und Kind. Dass er heute immer noch im Dorf lebt, liegt vor allem an mangelnden Alternativen. In der Stadt ist das Leben noch schwieriger und die Arbeitsplätze noch unsicherer – wie man unschwer erkennen kann an den zahlreichen Opfern der Reformen: an den Rückkehrern, an den Ruheständler, die zu einer Schwester oder einem Bruder ins Dorf ziehen, ihre Renten zusammenschmeißen und ein wenig Selbstversorgung betreiben, ebenso wie an den arbeitslosen Paaren und „Zwangsmigranten“ von der Krim oder aus Kasachstan.

Jura singt bereits wieder das alte russische Lied: „Morgen wird alles besser sein“. In der Tat: Der brutale Absturz der Jahre 1992 bis 1995 ist gebremst. Eine Reihe von Dienstleistungen, die eingestellt werden mussten, existieren wieder. Die Felder sind zwar immer noch von Disteln überwuchert, und die Wiesen werden vom Wald zurückerobert, doch eine neue Kolchose hat die Milchproduktion wieder aufgenommen. Der frühere Chefarzt hat das Dorf verlassen und ist nicht zurückgekehrt. Der einzige Ersatz, den man finden konnte, ist ein aserbaidschanischer praktischer Arzt, ein Flüchtling aus Armenien, der im Ruf steht, schnell mit dem Skalpell zur Hand zu sein. Aber es gibt Medikamente. Und auf dem Markt, jeden Donnerstag, findet man jetzt Produkte, die es noch nie gegeben hat – allerdings sind sie unerschwinglich. Eines Tages wird Jura einen Bauernhof und, gemeinsam mit seinem Cousin, eine kleine Konservenfabrik aufbauen. In der Zwischenzeit verdient er immerhin so viel, dass er seinem kleinen Bruder von Zeit zu Zeit ein Kilo Bonbons kaufen kann – was 5 Rubel macht und einer Monatsrente entspricht.

Aus dem Französischen von Eveline Passet und Raimund Petschner

Nina Baschkatow ist Journalistin für The European Press Agency, Brüssel. Dieser Text erschien im September 1999 in LMd.

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