Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Was geschah im Sune-Egge?

Felix Suárez stirbt an Weihnachten 2010 im Zürcher Drogenspital Sune-Egge an einer Überdosis aus Methadon und Beruhigungsmitteln. Sein Sohn glaubt an einen Behandlungsfehler und führt einen erbitterten Kampf – der sich längst nicht mehr nur gegen das Spital richtet.

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

23. Dezember 2010. Felix Suárez weist sich selbst in den «Sune-Egge» ein, jene Einrichtung, die der berühmte «Drogenpfarrer» Ernst Sieber 1989 angesichts des Elends der damaligen offenen Heroinszene gegründet hat. Anfangs pflegten Freiwillige die AidspatientInnen noch in einer Garage. In den frühen neunziger Jahren wandelte sich der Sune-Egge unweit des Zürcher Hauptbahnhofs in eine akutmedizinische Einrichtung für SuchtpatientInnen auf drei Stockwerken.

Felix Suárez setzt sich an besagtem Vorweihnachtsabend auf die Eingangsstufen. Sagt, er gehe hier nicht weg. Er befindet sich in einem schlechten Zustand. Suárez ist verzweifelt, traurig, ratlos. So beschreiben es die ÄrztInnen und PflegerInnen in den Krankenakten, die der WOZ vorliegen. Vier Tage später liegt er tot auf dem Boden neben seinem Bett. Die gerichtsmedizinisch festgestellte Todesursache: «zentrale Atemlähmung in Folge einer Mischintoxikation mit Methadon und Lorazepam».

Was in den Tagen davor passiert ist: Diese Frage bestimmt inzwischen Jairo Suárez’ ganzes Leben. In einem Zürcher Café sagt der Sohn des Verstorbenen: «Mein Vater war Anarchist, ich habe immer an den Rechtsstaat geglaubt. Inzwischen habe ich begriffen, dass Staatsmacht gefährlich ist, weil sie an Menschen gebunden ist und missbraucht werden kann.» Jairo Suárez ist ein gut aussehender Mann Ende dreissig. Ein wütender Mann. Wenn er sich in Rage redet, zischen die Worte aus seinem Mund. Es ist, als würde er von einem schwarzen Loch verschluckt, in dem es keine Gnade gibt, sondern nur die Elemente einer grossen Formel. Suárez will dann keine Fragen mehr beantworten, sondern erzählen, was aus ihm herausdrängt. Er ist sich sicher, dass der Sune-Egge seinen Vater falsch behandelt hat. Um das zu beweisen, zitiert er aus den Akten, die er auswendig kennt. Spricht von Methadonhalbwertszeiten, Mischindikationen, Blutbildern, Richtwerten und dem Unterschied zwischen Pharmakologie und Toxikologie.

Heimatlos in der Schweiz

Im Sune-Egge wurde Felix Suárez mit Methadon substituiert. Jairo Suárez glaubt, dass das fatal war. Sein Vater sei in seiner letzten Lebensphase nicht heroinabhängig und daher nicht opiattolerant gewesen. «Er hat lediglich Alkohol getrunken.» Felix Suárez war bei seinem Tod 56 Jahre alt, 22 Jahre zuvor war er aus Argentinien in die Schweiz gekommen. Politisch verfolgter Journalist in der Heimat. Heimatloser in der Schweiz.

Sein einstiger Hausarzt, Robert Oppliger, sagt am Telefon: «Er war eine schillernde Persönlichkeit. Ziemlich südamerikanisch, attraktiv, nicht immer mit Schweizer Präzision ausgestattet.» In einer Wohnung im Zürcher Kreis 3 erinnert sich eine andere Weggefährtin an ihre erste Begegnung mit Felix Suárez vor vierzehn Jahren, am Zürichseeufer beim Bellevue, damals ein Treffpunkt für SüdamerikanerInnen. Felix Suárez habe man in dieser Szene gekannt. Er habe sich für Sans-Papiers eingesetzt, sei in verschiedenen politischen Gruppen aktiv gewesen. Sie selbst habe er motiviert, zum alternativen Radio Lora zu stossen. Klein sei er gewesen, sagt sie. Und sensibel. «Ihn in die Sucht abrutschen zu sehen, hat mir sehr wehgetan. Er hatte dann auch hässliche Charakterzüge, aber die hatten nichts mit ihm zu tun, sondern nur mit seiner Krankheit. Es gab die eine, sehr familiäre Seite. Aber leider auch eine andere, verrückte.»

Was Felix Suárez vor seinem Tod tatsächlich konsumierte, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Seine restlichen Angehörigen reden nicht mit der Presse, sie wollen mit dieser tragischen Geschichte abschliessen. Andere soziale Kontakte pflegte Felix Suárez kaum mehr. Bei Radio Lora musst er ein Jahr vor seinem Tod wegen seiner Probleme aufhören. Aktenkundig ist, dass er ein halbes Jahr vor seinem Tod kurze Zeit im Methadonprogramm des Zürcher Opiatabgabelokals Zokl war. Suárez erhielt 30 Milligramm am Tag, eine vergleichsweise sehr kleine Dosis. Sein Hausarzt Oppliger, der Suárez während zehn Jahren betreute, sagt: «Er hatte ein schweres und komplexes Abhängigkeitsbild, konsumierte aber hauptsächlich Alkohol und Kokain. Heroin rauchte er wohl ab und zu, um herunterzukommen. Das kann zwischendurch zu einer Sekundärsucht ausarten, aber gespritzt hat Felix Suárez meines Wissens nie.»

«Nie», sagt auch Jairo Suárez während eines dieser Treffen, bei denen seine Wut immer wieder hochkommt. Er erinnert sich an eine Phase im Jahr 2004, als sein Vater plötzlich in die Heroinsucht abgerutscht sei. «Das war ein Schock.» Zuletzt aber habe sein Vater bloss zwei, drei Biere am Tag getrunken. Ein paar Wochen vor seiner Selbsteinweisung hatte Felix Suárez seine Wohnung verloren und Zuflucht bei seinem Sohn gesucht. Nach einem Streit flüchtete der Vater auf die Strasse. «Ich hab ihm gesagt, dass er gehen kann, wenn er nichts unternimmt, um seine Situation zu verändern», erinnert sich sein Sohn. Ist Jairo Suárez also einfach ein von Schuldgefühlen Getriebener? Ein Sohn, der die Sucht seines Vaters beschönigt?

Ein schickes Anwaltsbüro im Zürcher Kreis 1. Der junge Anwalt Fabian Voegtlin sitzt an einem grossen Pult und sagt: «Für die Psyche von Jairo Suárez wäre es sicher besser, wenn er den Fall ad acta legen könnte. Aber ich begreife ihn. Das war eine Schweinerei von einer Untersuchung.» Auf Voegtlins Pult liegt die Akte Suárez, dick und ungelöst. Der Fall ist 2018 verjährt – obwohl das Obergericht Jairo Suárez davor zweimal recht gegeben hatte: Es wies die Verfahren jeweils zur weiteren Untersuchung an die Zürcher Staatsanwaltschaft zurück.

Die Frage der Opiattoleranz

Die zentrale Streitfrage im Fall Felix Suárez lautet: Hatte der Arzt genügend Abklärungen zu Felix Suárez’ gesundheitlichem Zustand und seinem Konsumverhalten getätigt, bevor er mit der Methadonbehandlung begann? «Ein bis zwei Cocktails täglich, insgesamt circa ein Gramm, intravenös»: Das steht zu Felix Suárez’ Konsum in den Krankenakten des Sune-Egge. Gemäss dem behandelnden Arzt sprach Suárez beim Eintritt in den Sune-Egge nur von Alkohol- und Beruhigungsmittelkonsum, er habe jedoch in einem zweiten Gespräch auch Heroin und Kokain angegeben und selbst eine Methadonbehandlung verlangt. An Suárez’ Körper wurden allerdings nur zwei kleine Einstichstellen gefunden – die auch gemäss Aussagen des Chefarzts des Sune-Egge höchstwahrscheinlich nicht von Drogeninjektionen, sondern von den Reanimationsversuchen im Drogenspital stammen.

Zur Unklarheit, wie opiattolerant Felix Suárez beim Eintritt in den Sune-Egge war, kommt die Tatsache, dass er offenbar an einem Hepatitis-C-Schub litt. Das von der Staatsanwaltschaft beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) in Auftrag gegebene Autopsiegutachten vermerkt dazu: «Der beginnende zirrhotische Umbau und die Leberentzündung können zu einer Leberfunktionsstörung führen. Dadurch werden Medikamente, unter anderem Methadon, langsamer abgebaut und können sich im Körper anreichern.» Als weiteren Risikofaktor erwähnt das IRM die hohe Dosis des verabreichten Beruhigungsmittels Temesta: «Der darin enthaltene Wirkstoff Lorazepam kann den atemdepressiven Effekt von Methadon verstärken.» Doch das IRM kommt trotz vermuteter Opiatintoleranz und der angeführten Risikofaktoren zum Schluss, dass die hohe Methadonkonzentration (960 mg pro Liter) in Suárez’ Leiche mit der verordneten Dosis «in der Regel nicht erreicht» werden könne. «Eine zusätzliche eingenommene Dosis ist anzunehmen.»

Auch die Verantwortlichen des Sune-Egge schildern die Geschehnisse als den traurigen, aber gewöhnlichen Fall eines Schwerstabhängigen, der sich in suizidaler Absicht oder aus Versehen eine Überdosis verabreicht hat. Suárez müsse sich im Sune-Egge zusätzliches Methadon beschafft haben. Fehler weist der behandelnde Arzt, der nur über seinen Anwalt kommuniziert, weit von sich. In den Polizeieinvernahmen schildert er die Behandlung von Felix Suárez als völlig angemessen. Er habe das Methadon gemäss dem ordentlichen Behandlungsschema verschrieben, das auch bei nichttoleranten PatientInnen angewendet werde. Die langsame Steigerung von 30 Milligramm am ersten Tag auf 70 Milligramm am Todestag entspreche dem Vorsichtsgebot bei gefährdeten PatientInnen wie Felix Suárez. Auch seine Leberwerte habe er bei der Verschreibung berücksichtigt. Die hohe Dosis Beruhigungsmittel sei nötig gewesen, um den durch Entzugserscheinungen hohen Puls zu regulieren. Felix Suárez’ Zustand sei im Sune-Egge zudem engmaschig überwacht worden.

Irgendwann während seines juristischen Kampfs findet Jairo Suárez zum bekannten Drogenarzt André Seidenberg. Dieser bestärkt ihn in seiner Überzeugung, dass sein Vater Opfer einer fahrlässigen Tötung geworden sei. Am Telefon sagt Seidenberg nur: «Bei diesem Fall hat nichts zusammengepasst.» Der Arzt erstellt für Jairo Suárez ein Kurzgutachten, in dem er die Behandlung im Sune-Egge infrage stellt. Das Methadon sei keinesfalls mit der in einem solchen Fall angemessenen Zurückhaltung verschrieben worden, sondern mit dem maximalen Aufdosierungsschema. Der Methadonspiegel in Felix Suárez’ Leiche sei zwar im Verhältnis zur im Sune-Egge verabreichten Dosierung tatsächlich ungewöhnlich hoch gewesen. Doch nicht unerreichbar – wenn man die Intoleranz und die Leberinsuffizienz berücksichtige. Seidenberg schreibt im Gutachten gar: «Wenn sie nicht mindestens teilweise tolerant sind, sterben bei der verabreichten Menge einige wenige Patienten regelhaft und statistisch voraussehbar. Es ist meines Erachtens dringend zu vermuten, dass der Tod in diesem Fall den Verstorbenen auf diese Weise getroffen hat.»

Seidenberg vermutet zudem, der Sune-Egge habe die Vergiftungssymptome bei Felix Suárez nicht erkannt. Am 24. Dezember um 10 Uhr lautet der Eintrag im Überwachungsblatt des Sune-Egge, er sei «etwas schwankend auf den Beinen». Um 11.25 Uhr wirkte Suárez «verloren», «schläft im Sitzen ein, unsicher auf den Beinen, Sturzgefahr». Am 25. Dezember um 19.30 Uhr ist er «desorientiert, kann sein Zimmer nicht mehr finden». Am 26. Dezember, 17.15 bis 23.15 Uhr, «schläft und schwitzt» er. Um 23.15 Uhr sitzt Felix Suárez auf dem Bettrand und «hat das Bedürfnis zu reden, schämt sich für seinen Zustand». Am Morgen des 27. Dezember ist Suárez «wach und orientiert». Mittags um 12.30 Uhr schläft er in der Cafeteria ein. Man bringt ihn ins Bett. Um 14.20 Uhr lautet der Eintrag: «schläft tief und atmet schwer». Um 15.50 Uhr wird Felix Suárez leblos aufgefunden.

Jairo Suárez’ Beschuldigungen werden nicht nur von beigezogenen Gutachtern genährt. Fragen wirft immer wieder auch das gesamte Verfahren auf. Da ist die Nachlässigkeit der Staatsanwaltschaft, die sich zu Beginn nur auf die Aussagen des Chefarzts sowie das Gutachten des IRM stützt. Der behandelnde Arzt wird erst einvernommen, nachdem das Obergericht im November 2012 die Einstellung des Verfahrens aufgehoben hat. Die Einvernahme erfolgt im März 2013, über zwei Jahre nach Felix Suárez’ Tod. Im März 2015 stellt die Staatsanwaltschaft die Untersuchung erneut ein – doch Ende 2015 heisst das Obergericht auch die zweite Beschwerde gut und hält Staatsanwalt Alex de Capitani an, weiter zu untersuchen. Insbesondere seien weitere Gutachten einzuholen. Nie untersucht wird in all den Jahren, warum auf dem Überwachungsblatt des Sune-Egge in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember eine viel höhere Dosis Methadon eingetragen ist als die verschriebene, nämlich 10 Milliliter, was 100 Milligramm entspricht. Ein Eintragungsfehler? «Es ist unglaublich, dass solche Fragen während des ganzen Verfahrens nicht geklärt wurden», sagt Anwalt Fabian Voegtlin. «In allen Gutachten ging man von einem zu langen Behandlungszeitraum sowie falschen Dosis- und Zeitangaben aus.»

2018 leitete die Zürcher Justizdirektion auf Druck das Kantonsparlaments eine administrative Untersuchung gegen de Capitani ein, der die Staatsanwaltschaft bereits 2017 verlassen hatte. Die fördert zutage, dass der Staatsanwalt zahlreiche Fälle verschleppt hat. Auch den Fall von Felix Suárez? Medizinische Strafuntersuchungen sind aufwendig. Die Untersuchung gegen die Staatsanwaltschaft zeigte jedoch auf, dass in der von de Capitani geleiteten Abteilung für qualifizierte Medizinalfälle schwere organisatorische Mängel herrschten. Die Untersuchung spricht von einer chronischen Überlastungssituation, gegen die nichts unternommen worden sei. Auch die Untersuchung gegen den Sune-Egge ging nur schleppend voran, zwischen der ersten Rückweisung und der zweiten Einstellung des Verfahrens lagen zweieinhalb Jahre. Als Jairo Suárez 2017 auch gegen die dritte Einstellungsverfügung Beschwerde einreicht, macht der Anwalt der Gegenseite schliesslich Verjährung geltend. Das Obergericht muss das Verfahren einstellen.

Jairo Suárez glaubt nun, alle gegen sich zu haben. Seine Verzweiflung wächst sich zur Überzeugung aus, dass sich eine ganze Allianz gegen ihn verschworen hat. Er schreibt E-Mails an die Justizdirektion. Fordert, dass sein Fall untersucht werde. Blitzt ab: Die Justizdirektion teilt ihm mit, dass sie nicht jeden Einzelfall anschauen würde, sondern strukturelle Mängel untersucht habe. Das sei eine Ohrfeige für die Betroffenen, sagt Suárez. Dass sich Regierungsrätin Jacqueline Fehr öffentlich für die Versäumnisse entschuldigt hat, besänftigt ihn nicht. «Das kann ich nicht annehmen, die Entschuldigung richtet sich nicht an mich.»

Das Leiden der ÄrztInnen

Dass ÄrztInnen bestraft werden, kommt selten vor, Freisprüche sind die Norm. Für eine Verurteilung muss nicht nur fahrlässiges Handeln bewiesen werden, sondern auch, dass dieses für den Tod oder erlittene Schäden ursächlich war. Im Fall von Felix Suárez argumentierte die Staatsanwaltschaft, dass eine solche Kausalität nicht beweisbar gewesen sei, weil man den privat organisierten, zusätzlichen Konsum von Methadon nicht ausschliessen könne. Das Obergericht hingegen war der Ansicht, dass ein Richter bei einer gründlicheren Untersuchung durchaus auf eine Verantwortung des Arztes hätte schliessen können. Ob der behandelnde Arzt Fehler gemacht hat oder nicht: Aus dem Sune-Egge hat er sich kurz nach dem tragischen Todesfall zurückgezogen. Sein Anwalt schreibt: «Es gehört nicht viel Einfühlungsvermögen dazu, sich vorzustellen, welch enorme Belastung dieser Fall für meinen Klienten bedeutet. Er hat den Patienten aufgenommen, weil dieser ausdrücklich darum bat, im ‹Sune-Egge› und nicht in einem besser ausgerüsteten Spital betreut zu werden. Danach werden ihm über Jahre die schwersten Vorwürfe gemacht, obwohl die Sachverständigengutachter – nicht die vom Privatkläger aufgebotenen Parteigutachter – keinen Anhaltspunkt zu Tage förderten, er habe auch nur einen Fehler gemacht.»

Christoph Zingg, Dreitagebart, Weste, Kreuzohrring, hat nur wenige Tage nach dem Tod von Felix Suárez die Leitung der Pfarrer-Sieber-Stiftung übernommen. Bei einem Treffen in den Büros der Stiftung sagt er: «Der betroffene Arzt leidet bis heute sehr. Überhaupt war die Geschichte für das ganze Team äusserst belastend.» Zingg sagt, der Sune-Egge sei während der ganzen Untersuchung kooperativ gewesen, habe mehrfach Verjährungsaufschub gewährt. Felix Suárez’ Verfassung sei während seiner Zeit im Sune-Egge sicher nicht gut gewesen, «aber für uns war das ein bekanntes Bild. Die Politoxikomanie, die Hepatitis C, dass die Leute sediert sind, verwirrt». Auch Zingg, der Felix Suárez schon lange vor seinem Tod gekannt hatte, sagt: «Ich erinnere mich nicht, dass er je an der Nadel hing.» Er spricht bei diesem Treffen lange über die Herausforderungen des Sune-Egge. «Die Leute haben einen starken Bezug zur Szene. Wir wissen nie, was sie genau konsumiert haben.» Man könne sich nicht darauf verlassen, dass sie bei der Angabe ihres Konsums ehrlich seien und sich an die Verschreibungen hielten. Die Behandlung solcher PatientInnen, so Zingg, sei ein ständiges Abwägen und berge immer ein gewisses Risiko: «Damit leben wir. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir mit der grössten Sorgfalt arbeiten.»

Einen Tag später steht Zingg im kleinen Behandlungszimmer, in dem Felix Suárez vor neun Jahren untersucht wurde. Heute stehen hier Laborgeräte, damals war das noch nicht der Fall. «Die Geräte waren da noch zu gross für uns.» Felix Suárez’ Arzt verliess sich deshalb auf monatealte Unterlagen anderer Einrichtungen – ein Labor in einem anderen Spital will er zwar beauftragt haben, doch war dieses über die Feiertage geschlossen. Die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin verpflichtet ÄrztInnen vor dem Beginn einer Substitutionsbehandlung zu Blut- und Urinproben. Felix Suárez’ behandelnder Arzt pocht darauf, dass es sich um eine notfallmässige Entzugsbehandlung gehandelt habe, für die andere Richtlinien gälten.

Zingg sagt, in der Suchtmedizin habe sich in den letzten Jahren vieles verbessert. «Nicht nur die Technik – auch die Medikamente gegen HIV und Hepatitis und die Drogenpolitik insgesamt.» Die Lebensumstände der Leute seien mit der kontrollierten Drogenabgabe, mehr Wohneinrichtungen und einer systemischeren Begleitung besser geworden. Alles zusammen führe dazu, dass es in Einrichtungen wie dem Sune-Egge zu immer weniger Todesfällen komme.

Dennoch sagt auch Suárez’ ehemaliger Hausarzt Oppliger: «Wir stehen immer mit einem halben Bein im Gefängnis.» Der Arzt kritisiert die zunehmende Juristifizierung der Medizin. Wenn diese dazu führe, dass ÄrztInnen aus lauter Angst vor einer Strafverfolgung keine mutigen Behandlungen mehr durchführten, helfe das den Randgruppen am allerwenigsten. Gerade die Methadonabgabe sei eine Gratwanderung, weil man mit zu starren Richtlinien oft das Gegenteil des Gewollten erreiche: «Die Toleranz nimmt zwar rasch ab; wenn die Betroffenen aber ohne Substituierung Heroin auf der Gasse konsumieren, ist das viel gefährlicher.» Zum Fall Jairo Suárez sagt Oppliger: «Mir scheint, es hätte hier mehr Kommunikation gebraucht. Man hätte den Sohn miteinbeziehen müssen. Aber heute fürchtet man ja schon, es werde als Schuldgeständnis wahrgenommen, wenn man bekundet, es tue einem leid. Das führt zu gegenseitigem Misstrauen und einer Abwehr- beziehungsweise Angriffshaltung.»

Hat Oppliger recht? Der Sune-Egge und Jairo Suárez erzählen die Geschichte unterschiedlich. Zingg schildert Jairo Suárez als einen, der von Beginn weg mit viel Druck auf den Sune-Egge losgegangen sei und sofort die Herausgabe der Krankenakte gefordert habe. Die Mitarbeiterin am Empfang habe ihm beim ersten Telefongespräch ihr Beileid ausgedrückt, ihn aber nicht beruhigen können. Auch der damalige administrative Leiter des Sune-Egge sei nicht an Suárez herangekommen. Deshalb sei Zingg irgendwann selbst, als Stiftungsleiter, eingesprungen. Zum angebotenen Treffen sei Suárez aber entgegen der Abmachung mit seinem Anwalt aufgetaucht, weshalb er, Zingg, das Gespräch abgebrochen habe – worauf Suárez handgreiflich geworden sei.

Jairo Suárez dagegen sagt, er sei nie ausfällig geworden und habe seinen Anwalt angekündigt. «Ich wollte keinen Trost, ich wollte Klärung.» Aus seiner Sicht hat sich der Sune-Egge von Anfang an dem Gespräch verweigert. Jahrelang habe er noch nicht einmal gewusst, wer der behandelnde Arzt gewesen sei. «Ich kam nicht über den Empfang hinaus.» Der damalige Betriebsleiter habe ihm erst nach fünf Jahren Untersuchung einen Termin angeboten. Der Ton in den dazu ausgetauschten E-Mails ist scharf. Suárez fordert die Herausgabe von weiteren Akten, droht mit strafrechtlichen Konsequenzen. Er sagt dazu: «Ich musste den Druck erhöhen, weil ich jahrelang gegen eine Wand gerannt bin. Hätte ich irgendwann eine Entschuldigung erhalten, gäbe es diesen Kampf nicht.»

Jairo Suárez’ endloser Kampf

Sven Staender sagt: «Jairo Suárez ist nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte gewesen sein, der das so erlebt.» Staender ist Anästhesist und setzt sich für einen Tabubruch ein: das Reden über Ärztefehler. An der Universität bietet er seit ein paar Jahren Kurse zum Thema PatientInnensicherheit an. Eine Stunde davon sei jeweils auch dem Umgang mit Angehörigen gewidmet. «Ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt er am Telefon. «Das sollte zur Grundausbildung jedes Arztes gehören.» Staender sagt, man müsse in Situationen, wo Fehler im Raum stünden, mit heftigen Reaktionen von Angehörigen rechnen. «Nur weil jemand aggressiv auftritt, kann man ihm nicht das Gespräch verweigern.» Doch ÄrztInnen seien zu wenig auf solch schwierige Situationen vorbereitet und zögen sich deshalb tendenziell zurück. Angehörige wie Jairo Suárez aber wollten ihre Fragen beantwortet haben. «Sonst dann halt eben vor Gericht.»

Jairo Suárez ist bis vor Bundesgericht gezogen. Dort hat er nach der Verjährung auf eventualvorsätzliche Tötung geklagt – und verloren. Nun will Suárez Staatshaftung einklagen wegen Verschleppung seines Falls. Von seinem Anwalt Voegtlin hat er sich getrennt, weil dieser das für aussichtslos hielt. Er hat zudem neue, detaillierte Gutachten eingeholt, mit denen er die unsorgfältige Arbeit der offiziellen Gutachter beweisen will.

Neun Jahre nach dem Tod seines Vaters ist Jairo Suárez so aufgewühlt wie am ersten Tag, die Prozesse scheinen ihm zum einzigen Halt geworden. Beim letzten Treffen sagt er: «Ich werde sie verrückt machen. Ich nutze jede Lücke aus. Es geht mir schon lange nicht mehr um den Arzt, das ist jetzt mein Kampf gegen den Staat.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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