Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Per Spritzenbus in die Zukunft

Immer mehr Drogentote: In Grossbritannien steigen die Zahlen dramatisch. Angehörige und ExpertInnen sind sich einig, dass die Verbotspolitik gescheitert ist. Sogar ein ehemaliger Drogenfahnder setzt sich für einen Neuanfang ein.

Von Peter Stäuber

Wenn Pat Hudson das Haus verlässt, nimmt sie immer eine Spritze mit. Naloxon – für alle Fälle. Sie wird die Arznei nicht für sich selbst brauchen, aber sie will bereit sein, wenn es auf der Strasse zu einem Notfall kommt. Naloxon wird in den Muskel gespritzt, es blockiert die Wirkung von Opioiden. Zum Beispiel bei einer Überdosis Heroin: Die Spritze kann Leben retten.

«Natürlich ist es ein bisschen spät», sagt Hudson. Sie ist 72 Jahre alt, trägt kurze graue Haare und grüne Ohrringe. Zusammen mit ihrem Mann wohnt sie in der Nähe der Kleinstadt Carmarthen im Westen von Wales. Noch immer unterrichtet Hudson Wirtschaftsgeschichte an der Universität Cardiff. Über Heroin wusste sie lange Zeit kaum etwas. Aber als ihr Adoptivsohn Kevin Mitte zwanzig war, musste sie sich mit der Droge beschäftigen.

Zum ersten Mal sah sie Kevin, als er sechzehn Monate alt war, er lebte damals in einem Waisenhaus in Liverpool. Es ging ihm nicht gut. «Immer wieder schlug er seinen Kopf gegen die Wand und streckte allen seine Hände entgegen, weil er in den Arm genommen werden wollte», sagt Hudson. Die Anzeichen von Vernachlässigung und Missbrauch waren unübersehbar. Aber einige Wochen nach der Adoption begann Kevin zu lächeln. «Er würde wohl sagen, dass er eine glückliche Kindheit hatte.» Als Teenager war er lebhaft und hatte viele Freunde, immer war er zu Spässen aufgelegt.

In der Schule hingegen haperte es. Kevin litt an ADHS, zudem war er legasthenisch. «Im Klassenzimmer, wo alles geschrieben und laut vorgelesen werden musste, hatte er Mühe mitzukommen», sagt Hudson. Er wurde unbändig, schliesslich flog er von der Schule. «Das Kindheitstrauma und die Zurückweisung durch die Schule haben entscheidend dazu beigetragen, dass er mit Drogen begann.» Zunächst war es Cannabis. Einen Joint zu rauchen, beruhigte ihn, er fand darin Trost und Zuflucht vor einer Gesellschaft, von der er sich ausgeschlossen fühlte. Hin und wieder wurde er dabei erwischt, unweigerlich folgte ein Eintrag ins Strafregister.

Kevins einsamer Tod

Es gab eine Zeit, da wurden Drogen in Grossbritannien nicht als Fall für die Polizei erachtet, sondern für den Hausarzt. Bis in die späten sechziger Jahre vertraten die britischen Behörden eine progressive Drogenpolitik. Es war das Gegenmodell zum «War on Drugs», den die USA Anfang des 20. Jahrhunderts vom Zaun gebrochen hatten. Dort wurden Rauschmittel als ein moralisches Laster gebrandmarkt, als ein Übel, das es auszumerzen galt. Narkotika und Cannabis wurden verboten, und Washington forderte den Rest der Welt auf, Folge zu leisten. Aber Grossbritannien stellte sich quer.

Besonders liberal waren die Behörden beim Heroin. Man nannte es das «Britische System»: Abhängige erhielten ein Rezept von ihrem Arzt, dann gingen sie in die Apotheke und kauften sich ihre tägliche Dosis. Jahrzehntelang funktionierte das bestens. Die UserInnen waren gesund, sie hatten es nicht nötig, Straftaten zu begehen, und ihre Zahl blieb verschwindend klein: 1964 gab es im Land weniger als 350 Heroinabhängige – in den USA waren es Hunderttausende. Aber gegen Ende jenes Jahrzehnts war der Druck aus Washington zu gross geworden. 1971 wurde vom Parlament das «Gesetz gegen den Drogenmissbrauch» verabschiedet, die repressive Politik begann auch hier.

Kevin verbrachte einige Zeit in Jugendhaftanstalten, schliesslich in einem Gefängnis in Cardiff. «Er sass für relativ geringe Vergehen», sagt Hudson. «Nie hatte er etwas Gewalttätiges getan.» Er sei jemand gewesen, der mit dem Leben haderte, und das habe sich zuweilen in antisozialem Verhalten geäussert. «Die Kriminalisierung im Jugendalter hat das Gefühl der Zurückweisung nur noch verstärkt», sagt Hudson.

Sie glaubt, dass er im Gefängnis begann, Heroin zu konsumieren. Anfangs habe Kevin die Situation mehr oder weniger unter Kontrolle gehabt. Nach einer Ausbildung zum Baumchirurg hatte er eine feste Arbeit, sie machte ihm Spass, und er hatte Talent. Aber dann erhielt seine Firma einen Auftrag, der regelmässige Drogentests erforderte, und der Job war weg. Bald entschloss er sich, professionelle Hilfe zu suchen. «Wir waren so erleichtert», sagt seine Mutter. «Endlich sind die Experten am Werk, dachten wir.»

Aber im Zuge der Sparpolitik ab 2010 hatte die Regierung die Gelder für Behandlungszentren gekürzt. Zudem verschrieb sich das Sozialministerium verstärkt dem Abstinenzmodell: Drogenabhängige sollten ganz einfach aufhören, Drogen zu nehmen. Allerdings fehlt es oft an psychologischer Unterstützung, um sie bei diesem schwierigen Prozess zu begleiten. Und es kann gefährlich sein. Um den UserInnen das Heroin nach und nach abzugewöhnen, werden Ersatzstoffe wie Methadon in relativ kleinen Mengen verschrieben. Wenn der Körper jedoch nach und nach immer kleinere Dosen des Opioids erhält, zuletzt gar keine mehr, ist er bei einem Rückfall viel anfälliger für eine Überdosis.

Kevin hatte vergleichsweise wenig Heroin zu sich genommen, als er am 12. Dezember 2017 um 9.30 Uhr einen Herzstillstand erlitt. Er hatte sich in der Toilette des Kaufhauses Marks and Spencer im Zentrum von Carmarthen eingeschlossen. Lange Zeit bemerkte ihn niemand, und als er im Spital ankam, lag er im Koma. Die Maschine, die ihn am Leben erhielt, wurde am nächsten Tag abgeschaltet.

Kevin war einer von 4690 Menschen, die in jenem Jahr in Grossbritannien an den Folgen des Drogenkonsums starben. Seit Jahren werden es immer mehr, 2019 registrierten die Behörden bereits 5657 Todesfälle. Die Sterberate in Grossbritannien zählt zu den höchsten in Europa. Warum sind es so viele? Wieso starb Kevin mit nur 32 Jahren?

Seine Mutter seufzt tief. Es gab viele Momente, in denen das Leben ihres Sohnes eine andere Richtung hätte einschlagen können. Wäre er als Kleinkind nicht missbraucht worden. Hätte seine Schule gewusst, wie man Kinder mit praktischer Veranlagung fördert. Hätten die Behandlungszentren mehr Ressourcen für psychologische Unterstützung gehabt. Für Hudson ist jedoch eine Tatsache ausschlaggebend: Kevin ging einer illegalen Tätigkeit nach. «Wäre der Besitz und Konsum von Cannabis oder Heroin gestattet, wäre ihm der Eintrag im Strafregister erspart geblieben. Auch hätte er sich nicht in einer Toilette einsperren müssen, wo ihn niemand bemerkte. Es kommt so häufig vor, dass Heroinabhängige hinter verschlossenen Türen sterben. Die restriktiven Gesetze und das Stigma, das damit einhergeht, bringen unsere jungen Menschen um.»

Seit Kevins Tod hat sich Hudson intensiv mit Drogenpolitik befasst. Und sie ist aktiv geworden. Als Mitglied in den Kampagnen Transform Drug Policy Foundation und Anyone’s Child setzt sie sich für ein Ende der Prohibition in Grossbritannien ein: für eine Legalisierung des privaten Drogenkonsums, die Regulierung durch ärztliche Rezepte und für lizenzierte Abgabestellen, wo UserInnen beaufsichtigt und sauber konsumieren können – und wissen, was sie zu sich nehmen. «So könnten die Behörden dafür sorgen, dass sichere Dosen injiziert werden, dass die Qualität stimmt und dass junge Menschen, deren Konsum problematisch ist, Hilfe erhalten», sagt Hudson. «Stattdessen lassen wir es zu, dass diese Substanzen von Verbrechern kontrolliert werden. Es ist absurd.»

Brutaler dank der Polizei

In einem früheren Leben war Neil Woods einer, der in der vordersten Reihe gegen die Drogenkriminalität kämpfte: Undercoverpolizist im Drogendezernat. Er war einer der Besten seines Fachs, Hunderte DealerInnen landeten dank ihm hinter Gittern. Angefangen hatte Woods in den frühen neunziger Jahren, als die britische Jugend von einem Rave zum nächsten tanzte und dabei massenweise Pillen schluckte. Der Handel mit Rauschmitteln war zur wichtigsten Einnahmequelle des organisierten Verbrechens geworden, seither ist tödliche Gewalt ein fester Teil des Drogengeschäfts.

Woods gab sich jeweils als User aus, hing mit anderen Abhängigen in Parks und an Strassenecken herum und machte Bekanntschaft mit den Dealern. Vorsichtig, über Wochen und Monate, versuchte er, Kontakt zu den Drahtziehern herzustellen. Das war freilich lebensgefährlich. Einmal hielt ihm einer ein Samuraischwert an den Hals und drohte, ihn zu töten, wenn er sich als Polizist herausstellen sollte. Ein anderes Mal wurde er von einem Dealer mit dem Auto gejagt.

Aber immer wieder schaffte er es, ganze Gangs dingfest zu machen. Zum Beispiel die Burger Bar Boys in Birmingham, die einen grossen Teil des Drogen- und Waffenhandels in den West Midlands kontrollierten – und deren drolliger Name in deutlichem Kontrast zu ihrer Brutalität steht. Über ein halbes Jahr lang arbeitete Woods daran, Beweise gegen die führenden Köpfe in der Stadt Northampton zu sammeln. Am Ende der Operation wurden 96 Personen verhaftet. Jeder Einzelne, der in dieser Stadt am Handel mit Heroin und Crack-Kokain beteiligt war, kam vor Gericht. Aber es war alles umsonst.

«Ich habe sieben Monate an der Operation gearbeitet», erzählt Woods per Zoom in seinem Haus im englischen Hereford. «Ich lebte in konstanter Angst, mehr als einmal wäre ich fast umgebracht worden. Riesige Ressourcen wurden in die Operation gesteckt, und sechs der führenden Gangmitglieder wurden verhaftet. Aber dann, eine Woche später, ruft mich der verantwortliche Polizeichef an und sagt: ‹Toll, wir haben den Drogenhandel in Northampton zwei Stunden lang unterbrochen.› Zwei Stunden.»

So lange dauerte es, bis andere kriminelle Organisationen die Lücke gefüllt hatten, bis man sich auf der Strasse wieder mit der ganzen Palette an harten Drogen eindecken konnte. Das ist keine Ausnahme: So funktioniert das System. «Die Polizei macht nichts anderes, als die Rivalen anderer Gangs auszuschalten», sagt Woods. «Nie sorgen Drogenfahnder dafür, dass es weniger Stoff auf der Strasse gibt. Nie. Denn es gibt immer Leute, die nur darauf brennen, die Gelegenheit zu ergreifen und dickes Geld zu machen.»

Als er bei der Polizei anfing, glaubte Woods, dass er Gutes tue: Verbrecher wurden verhaftet, Drogen konfisziert. Aber von Jahr zu Jahr festigte sich die Überzeugung, dass seine brandgefährliche Arbeit rein gar nichts nützte. «Der Drogenkrieg ist zutiefst unehrlich. Wir sehen in der Zeitung Bilder von verhafteten Dealern, Haufen von sichergestellten Drogen – und wir werten das als Erfolg. Aber es ist eine komplette Illusion!» Die Polizei erreiche einzig und allein, dass die Drogenkriminalität brutaler werde: «Die zunehmende Gewalt des Drogenkriegs ist eine direkte Folge der erfolgreichen Polizeiarbeit. Denn das organisierte Verbrechen passt sich ständig an: Die Gangster werden härter und skrupelloser.»

Die Opfer des Drogenkriegs sind überall. Die Abhängigen, die ihr Geld und ihre Gesundheit verschwenden; die kleinen Dealer aus armen Verhältnissen, die mit der Aussicht auf schnelles Geld gelockt werden; Angehörige wie Pat Hudson und Polizisten wie Woods. Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, kombiniert mit – wie er es nennt – «moralischer Verletzung»: «Ich habe ein tiefes Schuldgefühl wegen des Leids, das ich angerichtet habe.» Woods hatte sich während seiner Arbeit mit vielen UserInnen angefreundet, die selbst Drogen verkauften, um sich ihre Sucht zu finanzieren: Menschen in verzweifelten Lebenssituationen, die am Ende dennoch verhaftet wurden. «Ich habe gezielt Freundschaften geschlossen, um Leute zu manipulieren. Vielen schutzlosen Menschen habe ich enormes Leid zugefügt, ohne dass es irgendwem nützte. Es ist schwer, damit zu leben.»

Auch für Woods ist klar, dass der einzige Weg aus dem Schlamassel über eine Gesetzesänderung führt. Er ist Mitglied bei Law Enforcement Action Partnership (Leap), einer Kampagne von ehemaligen und berufstätigen PolizistInnen, Leuten aus der Armee und den Geheimdiensten. Sie wollen die Drogenpolitik reformieren, um dem organisierten Verbrechen die Kontrolle zu entziehen. «Unser Ziel ist, dass jede einzelne Droge legalisiert und nach individuellem Zuschnitt reguliert wird. Am einfachsten wäre es beim Heroin. Das ist die gefährlichste Droge und jene, die am meisten Todesfälle verursacht. Aber sie zu regulieren, ist einfach: Wir gehen zurück zum Britischen System.»

Liverpool als Vorbild für die Schweiz

Noch in den achtziger Jahren fanden sich letzte Überreste dieses Systems. In Liverpool, das im Thatcher-Jahrzehnt zum Inbegriff postindustrieller Misere wurde, wütete die Heroinepidemie besonders stark. Hier gab die Praxis des Psychiaters John Marks legal Heroin ab. Der Erfolg war frappant. Seine PatientInnen mussten nicht mehr auf dem Schwarzmarkt Stoff dubioser Qualität erstehen, sondern erhielten sauberes Heroin in sauberen Räumen. Sie hatten oft Jobs und Familien. Zudem wurden im Quartier der Abgabestelle nicht nur viel weniger Straftaten begangen als in anderen Stadtteilen, es gab im Lauf der Jahre auch immer weniger Heroinabhängige.

Das Liverpool-Modell fand Nachahmer in vielen Ländern, nicht zuletzt in der Schweiz. Inspiriert vom Erfolg des britischen Ansatzes wurde 1994 in Zürich die erste Heroinabgabestelle eröffnet. «Die Schweizer stützten sich auf die Arbeit von John Marks», sagt Woods, der ein Buch über die britische Drogenpolitik geschrieben hat. «Sie studierten die Forschungsergebnisse aus Grossbritannien und begannen, Heroin zu verschreiben. Aber die Briten selbst ignorierten den Erfolg von Marks!» 1995 kündigten die Behörden seinen Vertrag, die Abgabestelle schloss ihre Türen.

Für Neil Woods besteht kein Zweifel, dass die hohe Zahl der Drogentoten in erster Linie eine Folge der restriktiven Gesetze ist. «Es scheint etwas zu simpel, aber es stimmt tatsächlich: Je härter die Gesetze bei der Kriminalisierung des Drogenkonsums sind, desto mehr Leute sterben», sagt Woods. «Schau dir nur mal die Länder an, die eine liberalere Politik verfolgen: Portugal oder die Schweiz.» In der Schweiz hat sich die Zahl der Drogentoten seit Mitte der neunziger Jahre halbiert. In Grossbritannien hingegen sterben heute doppelt so viele Heroinabhängige wie 2012 – obwohl sich die Zahl der UserInnen insgesamt kaum verändert hat.

Akademikerinnen und Gesundheitsexperten stimmen Woods zu: Die prohibitive Drogenpolitik gilt als gescheitert. Verschärft werde die derzeitige Krise durch einige weitere Faktoren, sagt die Kriminologin Laura Darius von der Drogenreformstiftung Release: etwa die Tatsache, dass viele UserInnen, die in den achtziger und neunziger Jahren mit dem Konsum anfingen, mittlerweile bei sehr schlechter Gesundheit sind. Dazu kommen gesellschaftliche Ungleichheit und fehlende Investitionen in Behandlungszentren. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Regierung das Budget für die Drogenbehandlung laufend gekürzt, allein seit 2015 ist es um siebzehn Prozent geschrumpft. Allein in England (ohne Schottland und Wales) mussten seit 2013 über fünfzig Drogenbehandlungszentren schliessen, weil für sie kein Geld da war. Unterdessen greift die strafende Hand des Staates fester zu: Schon jetzt hat Grossbritannien die grösste Inhaftierungsrate in Westeuropa, in den kommenden Jahren sollen vier zusätzliche Haftanstalten gebaut werden.

Noch immer setzt die britische Regierung auf Repression, obwohl mittlerweile auch viele PolitikerInnen eine Reform fordern. 2019 empfahl ein überparteilicher Parlamentsausschuss einen radikalen Schwenk in der Drogenpolitik: unter anderem die Entkriminalisierung von Drogenbesitz für den persönlichen Gebrauch sowie ein Angebot von Räumen, in denen konsumiert werden darf. Solche «Fixerstübli» heissen in Grossbritannien Drug Consumption Rooms (DCRs). Die Regierung hat die Forderungen zurückgewiesen.

Dennoch sind Pat Hudson und Neil Woods keineswegs entmutigt. In den vergangenen Jahren habe sich etwas bewegt. «Wir haben mittlerweile Unterstützer in allen grossen Parteien, von Tory-Abgeordneten bis zur Scottish National Party», sagt Woods. Leap hat sogar am Wahlprogramm der Grünen Partei mitgearbeitet. «Noch vor vier Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Das Thema Drogenreform ist im Mainstream angekommen.» Das zeigt sich nicht zuletzt an konkreten Initiativen. Im nordenglischen Middlesborough wurde 2019 die erste Heroinabgabestelle seit Jahren eröffnet – lizenziert vom Innenministerium und mitfinanziert von der regionalen Polizeibehörde. Ein Jahr nach Beginn des Pilotprojekts meldeten die TeilnehmerInnen eine drastische Verbesserung ihrer Gesundheit und Lebensqualität; auch haben sie praktisch keine Straftaten mehr begangen.

Ein Bus als Fixerstübli

Der Kontrast zu anderen Städten ist scharf. Zum Beispiel Glasgow. Die schottische Metropole ist von der derzeitigen Drogenkrise besonders schwer getroffen. Allein 2019 starben hier über 400 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums. Weil so viele Spritzen von einem User zum nächsten weitergereicht werden, sind ein Zehntel der Abhängigen HIV-positiv – so viele wie zuletzt in den achtziger Jahren. Bis im vergangenen Sommer arbeitete Peter Krykant für eine Sozialstiftung, die für obdachlose UserInnen in Glasgow HIV-Tests bereitstellte. Er sah, wie sich die Drogenkrise sukzessive vertiefte – und er war schockiert, wie wenig sich in der Zeit verändert hat, seit er selbst abhängig war und auf der Strasse lebte. «Die Leute spritzen noch immer an genau den gleichen Orten wie ich vor zwanzig Jahren», sagt Krykant. Heute ist der 44-Jährige verheiratet und Familienvater. Beim Zoom-Interview Ende November sitzt er in seinem Wohnzimmer, immer wieder nimmt er einen Zug von seiner E-Zigarette. Krykant entschloss sich, etwas zu tun, und zwar etwas, das nicht erlaubt ist. Per Crowdfunding und mit Geld aus seiner eigenen Tasche erstand er einen Kleinbus, den er zu einem Fixerstübli umbaute: frische Spritzen, sauberes Mobiliar, Desinfektionsmittel. «Wir sind ein Lowtechservice», sagt Krykant. «Wir haben keinen Arzt oder Zahnarzt, den ein richtiger DCR hätte. Wir bieten schlichtweg sauberes Material und einen sterilen Raum, damit die Leute die Drogen, die sie selbst mitbringen, konsumieren können. Denn sonst tun sie es in verlassenen Gassen oder leer stehenden Gebäuden.» Am 31. August eröffnete er sein mobiles Konsumzentrum, seither fährt er jeden Freitagmorgen in der Innenstadt von Glasgow vor, wo die Abhängigen sind. Und die Leute kommen.

Die traurigen Schicksale, denen Krykant hier begegnet, machen ihm zu schaffen. «Manche dieser Leute sind wirklich kaputt. Die meisten haben Kindheitstraumata, wurden physisch, sexuell oder seelisch misshandelt», erzählt er. «Viele leben auf der Strasse oder in Obdachlosenheimen. Ein Mann sitzt wegen der Folgen seines Drogenkonsums im Rollstuhl und kam gar nicht in den Kleinlaster rein.» Weil sein alter Stuhl nur drei Räder hatte, sammelte Krykant Geld, um ihm einen neuen zu kaufen. Zu den regelmässigen KundInnen zählt auch eine 23-jährige Frau, deren Arme von Spuren der Selbstverletzung gezeichnet sind, «die tiefsten Narben, die ich je gesehen habe». Sie injiziert sich Heroin in die Leiste und wohnt in einem Zelt. Bislang kam sie immer in Begleitung – eines Alkoholikers. Krykant gab ihm eine Spritze Naloxon mit und erklärte ihm, wie man sie verabreicht, falls seine Begleiterin eine Überdosis nimmt. «Das hat ihr ein bisschen Sicherheit gegeben. Aber letzte Woche kam sie allein. Das macht mir grosse Sorgen.» Besonders akut wurde die Drogenepidemie, nachdem die schottische Regierung das Budget für Alkohol- und Drogenbehandlung 2016 um rund 15 Millionen Pfund gekürzt hatte. «Zwei Jahre später sahen wir die Effekte dieser Sparmassnahme», sagt Krykant. «Unsere Behandlungszentren sind unterfinanziert und haben zu wenige Mitarbeiter. Manchmal wird den Usern gerade mal eine halbstündige Beratung alle zwei Wochen geboten.» Die meisten Abhängigen hätten überhaupt keinen Kontakt mit SozialarbeiterInnen.

Krykant ist sich bewusst, dass er den über 500 UserInnen im Zentrum von Glasgow mit seinem Projekt nur begrenzt helfen kann. «Es geht vor allem um die Signalwirkung. Wir sagen den Regierungen in Edinburgh und London: Wir scheren uns nicht darum, dass ihr dies nicht zulasst – wir tun es trotzdem. Ich versuche, einen politischen Wandel zu forcieren, sodass offizielle Abgabestellen auf legaler Basis eingerichtet werden können.»

Das Echo, das Krykant mit seiner Initiative ausgelöst hat, ist riesig. Dutzende Interviews mit der schottischen, englischen und internationalen Presse haben ihn weitherum bekannt gemacht – und er hat das Gehör der PolitikerInnen gefunden. Quer durch die Parteien ist ihm Unterstützung zugesichert worden, Anfang Januar hatte er sogar eine Sitzung mit Nicola Sturgeon, der Ersten Ministerin Schottlands. Krykant ist eine Inspiration für viele DrogenreformerInnen im ganzen Land – etwa Pat Hudson in Wales. «Wenn die Pandemie nicht wäre, hätte ich bereits heute ein solches Projekt aufgezogen», sagt sie. «Ich kenne eine andere Mutter, die ihr Kind verloren hat. Wir werden ja sehen, ob die Behörden es wagen, zwei Frauen zu verhaften, die jungen Leuten eine sichere Konsumstelle bereitstellen – um zu verhindern, dass sie auf die gleiche Weise sterben wie ihre eigenen Kinder.»

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