Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Die Abgründe hinter bunt bedruckten Stoffen

Nicht nur der Baumwollhandel, sondern auch der Stoffdruck war für die Schweiz von grosser Bedeutung. Doch was hat das mit Mahatma Gandhis Handspinngerät und dem indischen Freiheitskampf zu tun? Eine Ausstellung im Landesmuseum verknüpft geschickt die Fäden.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Mit engen Verbindungen zur Schweiz: Indienne-Stoff aus einer elsässischen Zeugdruckfabrik. Holzmodeldruck im Beizverfahren, um 1799. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Wer hats erfunden? Das Wissen übers Weben, Färben und Bedrucken von Baumwolle entwickelte sich ursprünglich auf dem indischen Subkontinent: die Gewinnung der Farbstoffe, die richtige Drucktechnik und wie der Stoff vorzubehandeln ist, damit er die Farbe überhaupt annimmt. Bereits im 16. Jahrhundert hatten die ersten farbig verzierten indischen Baumwollstoffe begüterte EuropäerInnen begeistert. Später entführten die Kolonialherren und die Handeltreibenden in ihrem Schlepptau das alte Wissen nach Europa, wo man die indische Handarbeit profitträchtig industrialisierte. Auch in der Schweiz war die Textil- und Färbeindustrie im 19. Jahrhundert ein zentraler Wirtschaftszweig – die beliebten blutroten «Glarner Tüechli» etwa erinnern bis heute an diese Hochblüte.

Es ist die Stärke der Ausstellung «Indiennes» im Neubau des Zürcher Landesmuseums, dass sie nicht nur ein frühes Exemplar dieser Hals- oder Kopftücher zeigt, sondern auch die dazugehörigen historischen «Transfers» nachzeichnet – inklusive eines ausführlichen Blicks auf das Indien vor der Kolonialisierung. Die ausgestellten raren alten Stoffbahnen, Musterbücher und Kleidungsstücke werden fast zur Nebensache angesichts all der historischen Abgründe, die sich hinter den bunt bedruckten Stoffen auftun.

Ins Unrecht verzahnt

Da Baumwolle nur im tropischen und subtropischen Klima wächst, beliessen die Kolonialherren den Anbau in den Händen der indischen BäuerInnen. Mit absehbaren Folgen: Die BaumwollanbauerInnen wurden existenziell abhängig vom neuen globalisierten Handel. Um die gesteigerte Nachfrage zu decken, pflanzten sie nur noch Rohbaumwolle an. Ab 1870 starben infolge von Missernten, Verschuldung und einseitiger Exportorientierung Millionen von InderInnen den Hungertod.

Schweizer Firmen verdienten beim kolonialen Geschäft in Britisch-Indien an vorderster Front mit. Unter ihnen die Gebrüder Volkart aus Winterthur (vgl. «Kulturgelder aus Britisch-Indien»), lange Zeit einer der grössten Baumwollzwischenhändler weltweit, aber auch die Basler Firma Chr. Burckhardt und Cie. Letztere war zwischen 1783 und 1792 auch am Sklavenhandel beteiligt. Um an Produkte wie Tabak, Kaffee und Zucker zu kommen, tauschte man in Afrika speziell für die dortigen Stammesfürsten bedruckte Stoffe gegen SklavInnen, die man dann in der «Neuen Welt» jenseits des Atlantiks gegen die begehrten Genussmittel einhandelte.

Aber auch die AbolitionistInnen nutzten die bedruckten Tücher für ihre politische Botschaft. Das Schicksal und die unmenschliche Behandlung der verkauften SklavInnen wurden als aufrüttelnde Sujets auf Baumwollstoffe gedruckt, um in Europa darauf aufmerksam zu machen. Ein solches Tuch ist ebenfalls in der «Indiennes»-Ausstellung zu sehen.

Überhaupt erweist sich das Ausstellungsformat als gutes Relais, um historische Erkenntnisse anschaulich unter die Leute zu bringen. Vermutlich ist vielen bis heute nicht bewusst, dass im 18. Jahrhundert auch Schweizer als Sklavenhändler auftraten oder wie eng die vermeintlich unbescholtene Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert mit dem kolonialen Unrechtssystem verzahnt war – nicht nur über ihre Missionsstationen, sondern eben auch über ihre Handelstätigkeit; wobei beides oft auch Hand in Hand ging. Schwarzweissfotografien zeigen den kolonialen Lebensstil der Schweizer Firmenangehörigen in Britisch-Indien: Zu Hause gingen ihnen zahlreiche einheimische Bedienstete zur Hand, in den Büros waren die betont europäisch eingerichteten Pausenräume nur für Weisse zugänglich.

Blick von aussen

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, wie direkt Mahatma Gandhis Handspinngerät als symbolstarke Kritik am kolonialen System zu verstehen ist. Das einfache Spinnrad (chakra), mit dem der Freiheitskämpfer gern öffentlich auftrat und das auch auf der indischen Flagge abgebildet ist, verweist auf das historische Unrecht der Kolonialhändler: Sie machten aus dem indischen Baumwoll-Know-how ein Millionengeschäft, unter massenhafter Ausbeutung der eigentlichen ErfinderInnen. Der 1948 ermordete Gandhi ist im Landesmuseum vor allem über die berühmte Fotoserie des Schweizers Walter Bosshard präsent.

Und so eindrücklich Bosshards Porträts sind: Hier zeigt sich ein Manko der «Indiennes»-Ausstellung mit ihrem Ansinnen, bei fast allen Themen einen Schweizbezug herzustellen. Zwar wird die koloniale Komplizenschaft klar benannt, die Perspektive auf Indien bleibt aber fast ausnahmslos eine weisse, westliche: Es dominiert der distanzierte Blick «von aussen».

Dass es noch ganz andere Geschichten und Blickwinkel zu erforschen gäbe, machen am Ende der Ausstellung Szenen aus Rahul Jains Dokumentarfilm «Machines» von 2016 klar. Der indische Filmemacher fängt in eindringlichen Nahaufnahmen die Ausbeutung in einer Textilfabrik im Bundesstaat Gujarat ein. Zwölfstundenschichten, lebensgefährliche Erschöpfung, veraltete Maschinen, Kinderarbeit: alles im Dienst von Billigkleidern für den internationalen Markt. Bis heute.

Die Ausstellung «Indiennes. Stoff für tausend Geschichten» ist noch bis am 19. Januar 2020 im Zürcher Landesmuseum zu sehen. Der Katalog dazu ist im Christoph-Merian-Verlag erschienen.

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