Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Sind Bücher in Mexiko ein Luxus?

Als Kind sass die Schriftstellerin Aura Xilonen einst ohne Pass mit ihrer Familie in Berlin fest – beinahe zwei Jahre lang. So ist sie zum Schreiben gekommen.

Von Silvia Süess (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Aura Xilonen: «Wie soll eine Frau, die fünf Kinder und drei verschiedene Jobs hat, noch Zeit haben, ins Kino zu gehen oder ein Buch zu lesen? Dabei wäre es so wichtig zu lesen, egal was.»

WOZ: Aura Xilonen, in Ihrem Roman «Gringo Champ» arbeitet der jugendliche mexikanische Migrant Liborio in einer Buchhandlung in den USA als billige Arbeitskraft und liest sich dort durch die Regale. Welche Bedeutung haben Bücher für Sie?
Aura Xilonen: Ich glaube fest daran, dass Bücher Fenster sind, durch die du aus deiner Welt fliehen kannst – weg von deinem Chaos und den sozialen Tragödien. Aber natürlich kommst du auch immer wieder zurück. In «Gringo Champ» werden die Bücher zu eigenen Persönlichkeiten, und für Liborio sind sie das Licht in der Dunkelheit, in der er lebt.

Trotzdem findet Liborio die Bücher nicht nur nützlich. Einmal sagt er wütend: «Das Leben, verdammte Scheisse, ist nicht, wie es die Bücher malen.»
Liborio glaubt, dass ihm alle schaden wollen. Er schlägt dauernd um sich, physisch und verbal. Er und sein Chef in der Buchhandlung beschimpfen sich ja dauernd gegenseitig. Gleichzeitig sieht er die schicken, krawattentragenden Autoren auf den Fotos der Buchcover und liest Romane, in denen völlig anders geredet und gelebt wird, als er es aus seinem Alltag kennt. Er sieht die grosse Differenz zwischen der Literatur und seinem Leben, und das macht ihn wütend.

Liborio kann sich selber kein Buch leisten. Er liest die Bücher heimlich nachts und verpackt sie dann wieder, damit sie ungelesen aussehen. Wie ist das in Mexiko, sind Bücher ein Luxus?
In Mexiko sind die meisten Menschen arm. Und wenn es ums Überleben geht, ist Essen wichtiger als Bücher. Das Traurige daran ist, dass zum Beispiel mein Buch ausgerechnet nicht von denjenigen gelesen wird, von denen ich es mir wünschen würde. Denn sie können es sich schlicht nicht leisten, ein Buch zu kaufen. Es wäre so wichtig, dass mehr soziale Räume geöffnet würden mit Gratiszugang zu Literatur, Filmen, bildender Kunst – zur Kultur allgemein. Allerdings kommt da ein zweites Problem ins Spiel: die Zeit. Wie soll eine Frau, die fünf Kinder hat und drei verschiedenen Jobs nachgeht, noch Zeit haben, ins Kino zu gehen oder ein Buch zu lesen? Dabei wäre es so wichtig zu lesen, egal was. Hauptsache, wir lesen. Denn solange wir lesen, lernen wir.

Welche Bücher haben Sie geprägt?
Das wichtigste Buch überhaupt ist für mich «Pedro Páramo» von Juan Rulfo. Ich habe es mehrmals gelesen, und je nachdem, wie alt ich war und an welchem Punkt im Leben ich gerade stand, habe ich ganz anderes aus diesem Roman gezogen. Die Wahrnehmung des Buchs ändert sich mit deinem Alter und durch den Wortschatz, den du besitzt … Das fasziniert mich ungemein. Obwohl das Buch so dünn ist, steckt so viel drin – unter anderem auch Rulfos starke Metaphern. «Pedro Páramo» ist schlicht ein Meisterwerk.

Gibt es noch andere Bücher?
Sehr gefallen hat mir auch «Don Quijote» von Miguel de Cervantes. Als ich das Buch las, verstand ich ganz viele Wörter nicht, weil Cervantes viele unübliche Wörter braucht, vergessene oder selbstkreierte. Und gerade das fasziniert mich: die Liebe des Autors für die Suche nach neuen Wörtern.

Sie haben in Ihrem Roman auch viele eigene Wörter erfunden. Da gibt es zum Beispiel die «Mickerficker» und die «Mackerfacker». Wie sind Sie auf diese Wörter gekommen?
Diese Wörter sind die Seele meines Buchs. Mir haben immer die seltsamen Wörter gefallen, solche, die schwierig auszusprechen oder in Vergessenheit geraten sind. Wenn etwa eine Grossmutter ein altes Wort ausspricht, das du nicht kennst, doch du glaubst zu wissen, was es heisst, nur aufgrund des Klangs – das fasziniert mich. Auch die verschiedenen Slangs, an denen man hört, ob jemand aus Mexiko, Kuba oder Ecuador kommt, faszinieren mich. Denn diese Slangs und Klänge sind die Textur und die Farben der verschiedenen Lebenswelten. Wir dürfen diese in unserer globalisierten Welt auf keinen Fall verlieren. Andererseits ist Sprache nichts Statisches, sie ist wandelbar und verändert sich laufend, neue Wörter entstehen. Diese Kombination aus Veränderung und dem lokal Gefärbten interessiert mich.

Warum sind Sie eigentlich Autorin geworden?
Als ich etwa sechs Jahre alt war und mein Bruder sieben, reisten wir mit meiner Mutter für drei Monate nach Berlin zu einer Tante, die mit einem Deutschen verheiratet ist. Als wir wieder abreisen wollten, fanden wir unsere Pässe nicht mehr. Keine Ahnung, was passiert war. Die Erwachsenen verdächtigten meinen Bruder, dass er die Pässe zum Spass verbrannt hatte. Wie auch immer, weil wir ohne Pass nicht zurückreisen konnten, blieben wir in Deutschland – am Ende waren es fast zwei Jahre. Und weil wir nicht in die Schule gehen konnten, verbrachten wir den Tag mit Aktivitäten wie Kochen, Lesen, Mathematikübungen oder  – leider kann ich nichts mehr – Deutschlernen . Auch Tastaturschreiben gehörte dazu, so begann ich, eine Art Tagebuch zu schreiben. Zurück in Mexiko, blieb ich dem Schreiben treu, machte Schreibübungen, besuchte Schreibkurse, probierte verschiedene literarische Formen aus – so begann alles. Bis ich schliesslich diesen Roman schrieb.

Aura Xilonen (23) ist noch bis Ende Dezember auf Einladung des Literaturhauses und der Stiftung PWG in Zürich. Dann reist sie zurück nach Puebla, wo sie die Filmschule besucht. Ihr Roman «Gringo Champ» ist im Hanser-Verlag erschienen.

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