Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Welche Klischees über Europa hatten Sie im Kopf?

Die mexikanische Schriftstellerin Aura Xilonen denkt über die guten und schlechten Seiten ihres plötzlichen Erfolgs, internalisierten Rassismus in Mexiko und die Auswirkung von Donald Trumps Wahl auf ihr Buch nach.

Von Silvia Süess (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Aura Xilonen: «In jedem Land gibt es Menschen, die stinken, die sympathisch oder weniger sympathisch sind. In Stereotypen zu denken oder überhaupt zu generalisieren, ist nie gut.»

WOZ: Aura Xilonen, Sie haben Ihren Roman «Gringo Champ» beim Wettbewerb eines grossen Verlags eingereicht, da waren Sie gerade mal neunzehn Jahre alt. Das Manuskript wurde aus rund 400 Einsendungen als Siegerprojekt auserwählt. Wie war das für Sie, als Sie davon erfuhren?
Aura Xilonen: Ich hatte damals überhaupt keine Ahnung, was das alles für mich bedeuten würde, denn ich hatte bis dahin noch nie mit Verlegerinnen, Übersetzern oder anderen Autorinnen zu tun gehabt – die ganze Literaturszene war mir eine völlig fremde Welt. Als die Jury anrief, um mir mitzuteilen, dass ich gewonnen habe, dachte ich zuerst, es sei ein Witz. Denn aus irgendeinem Grund kam der Anruf eine Woche früher als angekündigt. Ich musste dann sofort von Puebla nach Mexiko-Stadt reisen, um bei der Feier dabei zu sein. Allerdings kam ich viel zu spät und verpasste das Essen, das zu meinen Ehren gegeben wurde.

Mittlerweile wurde Ihr Buch in sieben Sprachen übersetzt, die Presse überhäuft Sie mit Lob – Sie sind berühmt.
Ja, seit das Buch erschienen ist, hat sich viel getan in meinem Leben – manches davon ist gut, manches weniger.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel gibt es zu Hause in Puebla Menschen, die plötzlich mit mir reden, nachdem sie mich bisher ignoriert haben. Da frage ich mich schon, was das soll. Aber das Gute ist, dass ich jetzt reisen kann – dazu fehlte mir bisher das Geld. Nun werde ich etwa in die Schweiz eingeladen und kann auch andere europäische Länder besuchen. Das ist grossartig. Und während ich hier bin, merke ich, dass ich die Klischees, die ich von Europa und den Menschen hier hatte, aus dem Kopf streichen kann.

Welche Klischees waren das?
Dass die Europäerinnen und Europäer kalt sind, zum Beispiel. In Mexiko glaubt man auch, dass sie stinken. Das sind so Stereotype, die man im Kopf hat – was an sich völlig absurd ist. In jedem Land gibt es Menschen, die stinken, die sympathisch oder weniger sympathisch sind. In Stereotypen zu denken oder überhaupt zu generalisieren, ist nie gut.

Und doch wimmelt es überall von ihnen …
Ja, in Filmen, Werbung, Serien, Telenovelas, Büchern, Zeitungen – überall werden täglich Stereotype reproduziert. Und über die neuen Kommunikationskanäle werden diese überzeichneten Bilder noch viel schneller und einfacher kreiert und verbreitet als früher. Diese Bilder beeinflussen und prägen unser Denken extrem, das darf man nicht unterschätzen. In den sozialen Medien kursiert zurzeit ein Film, in dem mexikanische Kinder einem Test unterzogen werden: Man zeigt ihnen zwei Babys, eines mit heller Haut und blauen Augen, eines mit dunkler Haut. Dann werden die Kinder gefragt: Welches der beiden Babys wird einmal Erfolg haben? Alle Kinder zeigen auf das hellhäutige. Dann folgt die Frage: Welches ist der Esel? Die Kinder zeigen alle auf das dunkelhäutige Baby. Schliesslich kommt noch die Frage: Welches der beiden Babys wird einmal viel Geld verdienen? Was meinen Sie, auf welches Baby zeigen die Kinder wohl?

Auf das hellhäutige?
Genau. Denn für mexikanische Kinder ist klar, dass nur eine Person mit blauen Augen und heller Haut eine gute Ausbildung haben wird, reich und erfolgreich sein kann. Das wird uns in Mexiko tagtäglich vermittelt, auf allen möglichen Kanälen. Und logisch will in Mexiko jeder dieser hellhäutige, blonde, erfolgreiche Mensch sein. Dieser Wunsch verstärkt auch den Drang vieler Mexikaner, in den Norden zu gehen. Denn dort, wo diese hellhäutigen, erfolgreichen Menschen leben, kann man möglicherweise auch selber Erfolg haben.

Ihr Roman handelt von einem jugendlichen Mexikaner, der unter prekärsten Umständen in die USA einreist. Dort erlebt er täglich Rassismus und bekommt zu spüren, dass er ein Mensch zweiter Klasse ist.
Das Verrückte ist ja: Wir verlangen von den US-Amerikanern, dass sie nicht rassistisch sind und uns Mexikanerinnen gleich behandeln wie ihre Landsleute. Gleichzeitig ist auch in Mexiko der Rassismus weit verbreitet: Viele Mexikanerinnen und Mexikaner sind rassistisch gegenüber den Indigenen und erkennen sie nicht als gleichwertig an. Und es gibt auch viel Rassismus gegenüber den honduranischen Migranten, die in Mexiko dasselbe suchen wie Mexikaner in den USA.

Als Ihr Buch 2016 in Mexiko erschien, war Donald Trump noch nicht Präsident der USA.
Ja, kurz nachdem das Buch erschienen ist, wurde er gewählt. Seither hat das ganze Thema an Brisanz gewonnen: durch die Mauer, die er bauen will, seine Politik allgemein sowie durch den aggressiven Diskurs, den er gegenüber Migrantinnen und Migranten führt.

Haben Sie als Autorin also von der Wahl Trumps profitiert?
Ich weiss nicht, ob es für das Buch gut oder schlecht ist, dass Trump kurz nach dessen Erscheinen gewählt wurde. Was ich jedoch sicher weiss: Die Wahl von Trump ist furchtbar.

Aura Xilonen (23) lebt in Puebla, Mexiko, und weilt zurzeit für ein halbes Jahr in Zürich. Beim Wettbewerb, den sie mit ihrem Erstlingsroman «Gringo Champ» gewann, wurden die Manuskripte unter einem Pseudonym und ohne Altersangabe eingereicht.

Xilonen liest am Dienstag, 17. Dezember 2019, um 12.15 Uhr im Literaturhaus Zürich.

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